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Bundestagsabgeordnete Petra Hinz
Wie funktioniert das Leben mit der Lüge?

Petra Hinz: Wie funktioniert das Leben mit der Lüge?
Bundestagsabgeordnete Petra Hinz verzichtet auf ihr Bundestagsmandat. FOTO: dpa, shp gfh
Meinung | Berlin. Die Essener Bundestagsabgeordnete Petra Hinz konnte elf Jahre lang als Hochstaplerin Bundespolitik machen. Nach dem Eingeständnis eines erlogenen Lebenslaufes kam der Sturz binnen Stunden. Eine zwangsläufige Entwicklung mit tragischen Zügen. Als Beobachter verspürt man sogar: Mitleid. Von Gregor Mayntz

Von Felix Krull bis zum Hauptmann von Köpenick – die Menschen mögen vorgegaukelte Identitäten in Literatur, Kino und Theater. Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz ging gerne ins Theater. Ob sie da die Idee bekam, nicht einfach nur in Essen mit Fachhochschulreife und Moderatoren-Ausbildung Lokalpolitik zu machen, sondern sich eine gefälschte Qualifikation zuzulegen und als scheinbar erfahrene Juristin in die große Politik zu ziehen? Sie nahm es in ihrem amtlich veröffentlichten Lebenslauf jedenfalls ganz genau, so wie man es von einer Frau, die im Rechnungsprüfungsausschuss des Bundestages eine wichtige Rolle für die SPD spielte, erwarten darf.

Eine sehr einsame Frau

1984 Abitur, 1985 bis 1995 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften, Abschluss erstes und zweites Staatsexamen, Stationen in Körperschaften, Verwaltung und Wirtschaft, 1995 bis 1999 als freiberufliche Juristin tätig, 1999 bis 2003 Juristin im Management eines Konzerns. 2003 bis 2005 freiberufliche Juristin im Krisen- und Projektmanagement.

Bezogen darauf muss Hinz eine sehr einsame Frau gewesen sein. Treffen mit dem Abijahrgang? Mit den Kommilitonen? Mit den Kollegen aus gemeinsamen Tagen im Konzern? Mit den Mitarbeitern im Krisenmanagement? Fehlanzeige, Fehlanzeige, Fehlanzeige. Es gibt sie nicht. Alles frei erfunden!

Und sie muss auch bezogen auf ihre Jahre im Bundestag eine sehr einsame Frau gewesen sein. Wenn wieder einmal die Plagiatsjäger unterwegs waren, um eine Doktorarbeit eines Kollegen daraufhin zu überprüfen, ob seine Arbeit zu zehn, 40 oder 80 Prozent aus nicht richtig gekennzeichneten Zitaten besteht, wie blickte sie da auf ihr eigenes Leben als Juristin, das zu hundert Prozent gelogen war? Darüber reden konnte sie mit keinem Kollegen, das wäre ihr politisches Ende gewesen. Also blieb ihr nur, jeden Tag aufzustehen und von neuem zu hoffen, dass es heute nicht rauskommt.

Wie hat der Druck gewirkt?

Einem Publikumsliebling wie Karl-Theodor zu Guttenberg bescheinigte die Kanzlerin, dass sie ihn nicht als Wissenschaftler, sondern als Minister berufen habe. Er hätte also mit reichlich Reue und einem vorübergehenden Knick im Ansehen durchaus weiter machen können. Doch der innere und äußere Druck auf den forsch in Widersprüche sich verheddernden Strahlemann war selbst für einen, der Kraft, Elan und Stärke vermittelte, zu viel.

Wie erst muss der Druck auf Hinz gewirkt haben? Es war zu fühlen, dass es nach dem Eingeständnis der Lüge nur Stunden dauern würde, bis sie bereit sein würde, nicht erst 2017 auf eine erneute Kandidatur zu verzichten, sondern so schnell wie möglich das Feld zu räumen. So ungeheuerlich ihr Vorgehen ist, so sehr sich ihre Kollegen darüber ärgern, wie sehr sie so viele getäuscht hat und mit ihrer eigenen verlorenen Ehre auch zu einem Ansehensverlust des Parlamentes insgesamt beigetragen hat: An einem solchen Tag geht es nicht allein um das Naheliegende, um Empörung und Enttäuschung.

Am Ende entsteht auch ein ganz einfaches Gefühl - Mitleid.

(may-)
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