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Abiturprüfungen in NRW
Problemfach Mathematik

Abiturprüfungen in NRW: Problemfach Mathematik
Die Mathe-Prüfungen waren zu schwer: Das beklagen Abiturienten in NRW. FOTO: dpa
Düsseldorf. Die Beschwerden von Schülern über ihre Abitur-Aufgaben in Mathematik reißen nicht ab. Mathe ist unter den Fächern ein Sonderfall. Es gilt als Hopp-oder-top-Fach. Zu Unrecht, sagen Experten und beklagen eine "Mathephobie". Von Frank Vollmer

Es ist gerade drei Monate her, da wurde in Nordrhein-Westfalen darüber diskutiert, ob das Abitur hierzulande zu leicht sei. Auslöser war die Nachricht, dass die Zahl der "Einsnuller" steigt. 2012 schlossen 1111 Schüler in NRW ihr Abi mit Bestnote ab – die Hälfte mehr als zwei Jahre zuvor. Vor Inflation wurde gewarnt, das alte Klischee bemüht, wonach in NRW das Abi auf dem Silbertablett serviert werde.

Jetzt geht die Angst um, das Abitur könnte zu schwer sein. Genauer: das Mathe-Abitur. Seit am Mittwoch die Klausuren geschrieben wurden, reißen die Klagen vor allem von Grundkurs-Schülern nicht ab. Und die Lawine rollt. Der Gruppe "Protest gegen Mathe-Abiturklausur '13" beim sozialen Netzwerk Facebook traten binnen zwei Tagen mehr als 7000 junge Leute bei; eine Online-Petition ans Ministerium für bessere Kontrolle der Aufgaben fand bis gestern Abend mehr als 5300 Unterstützer. Am Dienstag wollen Schüler vor dem Ministerium protestieren.

Massive Beschwerden an Schulen

"Wir haben eine Funktion dieser Art nie durchgenommen", klagt eine Schülerin bei Facebook. "Die Aufgaben habe ich noch nie in dieser Art gesehen", schreibt ein anderer. Ein Krefelder berichtet, selbst Lehrer seien an den Aufgaben gescheitert; die Hälfte der Schüler habe weinend den Prüfungsraum verlassen. Häufig wird Unverständlichkeit der Aufgaben moniert. Viele, heißt es auch, seien nicht fertig geworden: "Man hatte einfach viel zu wenig Zeit." In der Minderheit sind Gegenmeinungen: "Nur weil die Klausuren dieses Jahr nicht so einfach waren wie letztes Jahr, heißt das noch lange nicht, dass sie unmöglich zu lösen waren." Einer schreibt sogar: "Das war ja wohl die leichteste Mathearbeit, die man je gesehen hat."

Während im Internet die Empörten die erdrückende Mehrheit stellen, ist das Meinungsbild aufseiten der Schulen gespalten. Aus Rees wird von der E-Mail eines Grundkurslehrers an Schüler berichtet, die mit dem Satz beginne: "Nicht nur die Schüler waren von den Aufgaben enttäuscht!" Eine Reihe weiterer Schulen berichtet von massiven Beschwerden. Von anderen dagegen ist zu hören, die Prüfungen seien reibungslos und ohne Klagen gelaufen. Wenn es heiße, man habe solche Aufgaben nie gesehen, sagt ein Schulleiter vom Niederrhein, dann sei wohl in der Vorbereitung einiges falschgelaufen.

Ministerium: Keine Fehler in den Aufgaben

Zwar seien einige Aufgaben "nicht ganz nach Schema F" zu lösen gewesen, sagt der Wuppertaler Mathematiker Franz-Reinhold Diepenbrock, emeritierter Professor an der Bergischen Universität, zu einem Teil der online kursierenden Klausur-Bruchstücke. "Aber da reichen meines Erachtens gesunder Menschenverstand und ein Blick auf die Grafiken, die sicher bei den Aufgabentexten dabei waren."

Das Ministerium betont, die Klausuren hätten keine Fehler enthalten. "Die Aufgaben waren lösbar und entsprachen dem, was im Lehrplan gefordert wurde", sagt eine Sprecherin. Trotzdem zeigt die Wutwelle Wirkung: Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hat eine Stellungnahme der zuständigen Kommission angefordert, die die Abituraufgaben freigibt.

Neu ist 2013 die Dimension des Protests. Das mag auch dem Doppeljahrgang geschuldet sein – die Zahl der Betroffenen ist automatisch höher. Zugleich haben die Schüler offenbar gelernt, ihre Wut im Internet zu kanalisieren. "Der Protest wird professioneller", heißt es auch aus dem Ministerium. Eins aber bleibt konstant: Klagen über Mathe gehören praktisch zur Tradition, wie Abi-Scherz, Party und Ball.

Warum?

Die erste Erklärung liegt auf der Hand: Die Mathematik trägt einen zweifelhaften Nimbus, der sie aus der Phalanx der Fächer heraushebt. Jeder dritte Schüler, ergab eine Forsa-Umfrage 2009, fürchtet sich vor Mathe-Arbeiten. Mathematik gilt als schwer, aber auch, in Abgrenzung zu den (oft zu Unrecht geschmähten) "Laberfächern", als unbestechlich: In Mathe, so heißt es, wisse man entweder die Lösung, oder man wisse sie eben nicht.

Richtig oder falsch, hopp oder top – Gunter Fischer hält das für Unsinn. Auch in Mathematik gebe es Alternativwege zur Lösung und entsprechenden Spielraum für Lehrer und Schüler, sagt der Leiter des Clara-Schumann-Gymnasiums in Viersen-Dülken, der selbst Mathematik unterrichtet. Fischer beklagt stattdessen eine "Mathephobie": "Es ist ein psychologisches Problem unserer Gesellschaft, dass es schick ist zu sagen: Ich verstehe nichts von Mathe."

Mathematik ist "out"

In Deutschland gelte der Beste in Mathe als besonders begabt. Dabei fuße der Erfolg, sagt Fischer und zitiert seinen Mathe-Professor, "zu 80 Prozent auf Arbeit, zu 15 Prozent auf Intelligenz und nur zu fünf Prozent auf Begabung". Sein Fazit: "In Mathe kann jeder eine Zwei minus schaffen." Die 2012er Noten jedenfalls zeigen: Besonders schlecht stehen die Mathe-Schüler nicht da, eher im Gegenteil. Aber Mathematik ist ein unzeitgemäßes Fach, das dem Schüler viel, oft unerwartet viel, Disziplin abverlangt.

Weitere mögliche Gründe für das Mathe-Problem sind hausgemacht. Mehr Sensibilität wünscht sich etwa Peter Silbernagel, Landeschef des Philologenverbands: "Wenn für die Lösung einer Grundkurs-Aufgabe ein besonderer Türöffner nötig ist, der über das Standardprogramm hinausgeht, dann ist das zwar vom Anspruchsniveau gedeckt. Viele Schüler geraten dann aber schnell in Panik." Genau das berichteten am Mittwoch viele Betroffene. Silbernagel argwöhnt, dass den Fachleuten bei Erstellung und Überprüfung der Abi-Aufgaben bisweilen das Augenmaß abgeht: "Ein kritischerer, unvoreingenommenerer Blick wäre wünschenswert. Wir können uns diese Diskussion nicht jedes Jahr leisten."

Problem für eine starke Minderheit

Defizite in seiner Zunft sieht auch Mathematiker Diepenbrock. Für ihn stehen die Didaktiker in der Pflicht, also die Kollegen, die sich um Lehre und Vermittlung kümmern. "Zugespitzt formuliert", sagt Diepenbrock, "beobachten wir heute die Tendenz, die Mathematik aus der Mathematik herauszubringen." Vor allem seit dem Schock der ersten Pisa-Studien sei der Druck groß, Aufgaben mit (vermeintlichem oder echtem) Realitätsbezug zu entwickeln, statt bloß formale Rechenvorgänge zu fordern. Dadurch verschiebe sich der Schwerpunkt vom eigentlichen Rechnen zum Verstehen und Herstellen sprachlicher Formulierungen. "Das schaffen die Schüler aber oft nicht so exakt, wie die Didaktiker das gerne hätten", kritisiert Diepenbrock.

Mathematik bleibt jedenfalls für eine starke Minderheit ein Problem. Ein Drittel der Schüler gab bei der Umfrage 2009 zu, sich Sorgen wegen der Mathe-Note zu machen. Zugleich sagten zwei Drittel aller Bürger, Rechnen mache ihnen Spaß. Wie viele Schüler dem Satz zustimmten, ist nicht überliefert.

(RP/csr)
 
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