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Schulpolitik in NRW
Dauerstreit um Unterrichtsausfall

Schulpolitik in NRW: Dauerstreit um Unterrichtsausfall
Wieviel Unterricht fällt in NRW aus? Für eine zielführende Debatte sind verlässliche Daten unerlässlich. FOTO: dpa, Julian Stratenschulte
Meinung | Düsseldorf. Keiner weiß genau, wie viel Unterricht in deutschen Klassenzimmern eigentlich ausfällt. In Grundschulen fehlen Leiter. Um G8 bzw. G9 wird erbittert gestritten. NRW kann dieser Dauerstreit teuer zu stehen kommen. Von Detlev Hüwel

In der Schulpolitik ist derzeit viel Unruhe zu verzeichnen. In Hunderten von Grundschulen können die Leiterstellen nicht besetzt werden, weil die Vergütung in keinem Verhältnis zum Arbeitsaufwand und vor allem zu der damit verbundenen Verantwortung steht.

Die Schulleiter haben am Wochenende auf ihrem Kongress entsprechend Klartext geredet. Hinzu kommt: Die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung, wirft weiterhin große Probleme auf, weil nicht ausreichend Lehrkräfte vorhanden sind. Improvisation heißt deshalb notgedrungen das Motto in vielen inklusiven Schulen.

Zudem schwelt der Streit um das Abitur nach acht oder neun Gymnasialjahren weiter. Die Gegner von G8 haben jetzt zwar die nötigen 66. 000 Unterschriften beisammen, um den Landtag zu zwingen, sich erneut mit dem Thema zu befassen. Doch angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse besteht derzeit keinerlei Aussicht für eine Rückkehr zu G9. Dennoch sind die Elterninitiativen sicher, dass dieses Thema spätestens im Landtagswahlkampf 2017 wieder "hochkocht" und möglicherweise wahlentscheidend sein wird.

Bereits im NRW-Wahlkampf 2005 hatte der Unterrichtsausfall an den Schulen des Landes eine große, möglichweise sogar ausschlaggebende Rolle gespielt. Damals gelang es der CDU, die den Unterrichtsausfall zu ihrem Hauptthema gemacht hatte, die SPD vom Regierungsthron zu stürzen. In bemerkenswerter Offenheit hat die SPD jetzt deutlich gemacht, dass sich dergleichen nicht wiederholen soll. Man werde der Opposition "keine Vorlage bieten, um Wahlen zu gewinnen", sagte die SPD-Bildungspolitikerin Renate Hendricks unlängst im Landtag in einer Debatte über den Stundenausfall.

CDU und FDP können deshalb noch so eindringlich eine landesweite Ermittlung des Unterrichtsausfalls verlangen – diese Zahlen werden sie nicht bekommen. Eine solche Totalerhebung sei viel zu aufwendig, behauptet NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), die der Öffentlichkeit soeben eine Stichprobe vorgelegt hat. Demnach fallen in NRW 1,7 Prozent des Unterrichts aus. Das bedeutet laut Ministerin, dass alle zwei Wochen eine Stunde Unterricht gestrichen wird.

Diese Zahlen kann, muss man aber nicht für bare Münze nehmen. Denn diese Stichprobe wurde im September 2014 gezogen, in einem Monat, in dem es in der Regel noch wenig Krankheitsfälle und damit wenig Unterrichtsausfall gibt. Wie anders wäre wohl eine repräsentative Befragung im Februar oder zu Beginn dieses Monats ausgefallen? Wenn man hier endlich zu zuverlässigen Daten kommen will, hilft nur eines: Sämtliche Schulen müssen mit der entsprechenden Computer-Software ausgestattet werden.

Diese Software gibt es längst, und in vielen Schulen wird sie auch eingesetzt. Jetzt gilt es, ein lückenloses Netz zu schaffen, so dass die Ausfallzahlen zentral abrufbar sind, und zwar aufgeschlüsselt nach Schulen, Regionen, Fächern – und möglicherweise auch nach Lehrkräften.

Dann endlich dürfte das Rätselraten um den Unterrichtsausfall in NRW aufhören. Erst, wenn sich feststellen lässt, wo es gravierende Lücken gibt, kann wirksam gegengesteuert werden. Die Tatsache, dass unsere Schulministerin bislang diese Technik eher kleinredet, nährt den Verdacht, dass ihr an exakten Daten nicht gelegen ist.

Denn sollte sich herausstellen, dass weitaus mehr Schulstunden ausfallen als bisher angenommen, könnte das ziemlich teuer werden für das Land.

 
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