| 09.30 Uhr

TV-Duell vor der NRW-Landtagswahl
Streit um Kinder und um Schulden

TV-Duell: die Körpersprache von Kraft und Röttgen
TV-Duell: die Körpersprache von Kraft und Röttgen FOTO: dpa, WDR, Herby Sachs
Köln/Düsseldorf. Bei ihrem einzigen TV-Duell in Köln lieferten sich NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft (SPD) und der CDU-Landesvorsitzende, Bundesumweltminister Norbert Röttgen, zwar heftige Wortgefechte, doch verbale Tiefschläge blieben aus. Möglicherweise bilden beide Parteien ja schon bald eine große Koalition in Düsseldorf. Von Gerhard Voogt, Detlev Hüwel und Reinhold Michels

Vor dem Duell reichen die Kontrahenten einander die Hand. Um kurz nach 20 Uhr treffen sich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und ihr Herausforderer, Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), zum Fototermin vor der Sendung im Studio in der Kölner Vulkanhalle. Beide wirken da noch entspannt, lächeln in die Kameras. Der direkte Schlagabtausch zwischen den Spitzenkandidaten gehört zu den Höhepunkten im NRW-Wahlkampf. Kraft hat sich den Tag freigehalten, um sich ohne Termindruck vorbereiten zu können. Röttgen hat am Nachmittag im Radio Hörerfragen beantwortet und ist dann nach Hause gefahren, um sich zu entspannen.

Kraft trifft bereits um 19.20 Uhr mit ihrem Tross ein. Röttgen macht es spannend, steigt erst um 20 Uhr aus seiner Limousine aus. Seine Frau Ebba begleitet ihn. Beide winken den Journalisten zu.

Die Vulkanhalle im Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist ein Industriedenkmal. Früher wurden in dem Gebäude, das 1898 errichtet wurde, Straßenlaternen und Leuchtstoffröhren produziert. Vor zwei Jahren fand dort bereits das TV-Duell zwischen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und seiner damaligen Herausforderin Hannelore Kraft statt. Der Schlagabtausch endete unentschieden. Diesmal ist Kraft die Amtsinhaberin.

Die erste Frage geht an ihren Herausforderer, Thema Betreuungsgeld. "Wir wollen die Wahlfreiheit der Eltern gewährleisten", sagt Röttgen und hält Kraft ihren Interview-Patzer einer angeblichen Kita-Pflicht vor. Kraft kontert, freundlich zur Seite blickend, dass die SPD nichts von einer Kita-Pflicht für alle Kleinen wissen wolle: "Wenn ich Kita-Pflicht gemeint hätte, hätte ich Kita-Pflicht gesagt."

Sie fordert erneut, auf das Betreuungsgeld zu verzichten und stattdessen mehr Geld für den U 3-Ausbau sicher zu stellen. Röttgen lässt nicht locker, bleibt ebenfalls freundlich: Die SPD wolle eine bevormundende Pflicht. Kraft habe bemerkt, dass "sie etwas angerichtet" habe. Und mit einem Schuss Angriffslust: "Nordrhein-Westfalen ist unter Ihrer Verantwortung auf den letzten Platz bei der Kita-Versorgung zurückgefallen."

Kraft verteidigt ihrerseits die Abschaffung der Elternbeiträge für das letzte Kita-Jahr. Davon profitierten 85 Prozent aller Eltern mit durchschnittlichem Einkommen: "Es ist richtig, sie zu entlasten."

Zweites Thema: Schulden. WDR-Moderator Jörg Schönenborn erinnert an die 130 Milliarden Euro Verschuldung von NRW. Kraft verweist auf die wachsenden Pensionslasten und auf immer neue kostentreibende Gesetze des Bundes. Röttgen entgegnet hartnäckig, noch nie sei die Landeskasse so gefüllt gewesen wie jetzt. Dennoch gehe die Senkung der Neuverschuldung nur schleppend voran. Fühlt sich Kraft ertappt an ihrer schwachen Stelle? "Wir liegen bei den Schulden bundesweit im guten Mittelfeld, die Rating-Agenturen geben NRW hervorragende Noten."

Sofort reagiert der Bundespolitiker Röttgen bissig: "Sie profitieren von der guten Finanzpolitik, die wir im Bund machen. Ihre Verschuldungsspirale geht immer weiter." Auch 2012 wolle Rot-Grün vier Milliarden neue Schulden machen. So werde NRW die Schuldenbremse bis zum Jahr 2020 nicht schaffen: "Sie machen zu viele neue Schulden, Sie haben noch nicht gespart." Die schwarz-gelbe Vorgänger-Regierung von Jürgen Rüttgers habe Tausende von Stellen eingespart, obwohl 8000 neue Lehrer eingestellt worden seien. Kraft, die leicht angespannt wirkt, versichert, man werde die Schuldenbremse einhalten: "Wir müssen sehen, von welchen Aufgaben das Land sich trennen kann."

Thema Mindestlohn: Kraft unterstreicht ihre "große Sorge", dass viele Menschen von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können: "Wir brauchen dringend Mindestlöhne." Röttgen: "Wir sagen nicht, dass der Staat alles vorschreibt, wir treten für eine verbindliche Lohnuntergrenze in allen Fällen ein, in denen es keine Tarifverträge gibt." Hier sind sich beide einig: dass man von anständiger Arbeit auch anständig (Röttgen: "nicht in Saus und Braus") leben können muss.

Thema Energiewende: WDR-Co-Moderatorin Gabi Ludwig spricht das "Luxusgut" Strom an. Umweltminister Röttgen fühlt sich fachlich angesprochen und bleibt offensiv: "An der Energiewende liegt es jedenfalls nicht." Kraft hält dagegen: "Sie reden sich die Welt schön. Sie sind für die Wirtschaft bei der Energiewende kein verlässlicher Partner." Röttgen antwortet spitz: "Wenn es eine Regierung gibt, die die Energiewende verschlafen hat, dann ihre."

Zum Schluss kommt Harmonie auf: Beide Kontrahenten, die hart, aber fair miteinander umgegangen sind, gestehen ein, sich persönlich zu schätzen, auch "wenn das heute nicht so aussieht" (Kraft). Kraft betont, ihre Zukunft liege in NRW.

Dann wieder Biestigkeit: Rot-Grün hatte seit 2010 laut Röttgen eine Chance, die nicht genutzt worden sei. Solide Finanzpolitik sei kein Hexenwerk: "Wenn man es will, schafft man es." Kraft betont, es gehe um eine Richtungsentscheidung. Kern ihrer Politik sei es, dass der Mensch im Mittelpunkt stehe. Sie wendet sich indirekt gegen Leihstimmen an die Grünen und wirbt darum, am 13. Mai beide Stimmen für die SPD abzugeben.

Wer redete länger? Röttgen kam 23 Minuten, 46 Sekunden lang zu Wort, Kraft 22 Minuten, 24 Sekunden.

(RP/rm)
 
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