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Ein Gespräch zwischen Sven Tritschler und Moritz Körner
Junge Alternative und Junge Liberale streiten über Wahlversprechen

Ein JuLi und ein Junger Alternativer im Duell
Ein JuLi und ein Junger Alternativer im Duell FOTO: Krebs, Andreas
Düsseldorf . Kurz vor der Landtagswahl sind zwei junge Politiker bei uns zum Streitgespräch zu Gast: Der NRW-Vorsitzende der Jungen Alternative, Sven Tritschler, und der NRW-Chef der Jungen Liberalen, Moritz Körner.

Herr Tritschler, außer den JuLis haben alle großen politischen Jugendorganisationen ein Doppelinterview mit der Jungen Alternativen (JA) abgelehnt. Warum will eigentlich niemand mit Ihnen sprechen?

Tritschler Keine Ahnung, das ist allgemein ein Phänomen, die AfD wird ja auch bei vielen Podiumsdiskussionen nicht eingeladen. Bei vielen werden wir wiederum eingeladen, da nimmt dann die AfD eine unverhältnismäßig große Rolle ein. Vier von fünf sind dann die Hälfte der Zeit damit beschäftigt, sich von uns abzugrenzen.

Für alle Seiten irgendwie wenig zielführend in solchen Runden…

Körner Ja, die Erfahrung machen wir auch oft, gestern war es erst wieder so. Wichtig ist vor einer Wahl, dass man mal ganz konkret über Inhalte spricht, nicht nur über Schlagzeilen oder Skandale; deshalb haben wir uns auch für dieses Gespräch bereiterklärt.

Reden wir über Inhalte. Was wäre die erste Frage der JuLis an die AfD?

Körner Wir sind ja beide Vertreter der Jugendorganisationen. Wie will die AfD denn die junge Generation vertreten, wenn die Jugend von heute eigentlich mehr Bock auf Fremdes als auf Fremdenhass hat? Wenn junge Leute pro-europäisch denken, während ihr das heutige Europa am liebsten rückabwickeln wollt? Was bietet ihr in Sachen Digitalisierung, Zukunftsperspektiven? Da hört man wenig. Stattdessen immer nur ein Thema: der Islam.

Tritschler Die junge Generation gibt es doch so nicht; sie hat ganz viele Schattierungen. Das Thema "Heimat" ist eben vielen jungen Leuten wichtig, weil sie viel damit zu tun haben: an den Schulen, abends auf den Straßen, in der Silvesternacht… Das heißt aber nicht, dass wir keine anderen Themen haben.

Wenn man sich die JA in den sozialen Medien anschaut, liest man immer nur Texte zu Islam und Innerer Sicherheit…

Tritschler Klar setzt man da auf Dinge, die Reichweite erzielen und das sind eben diese Themen. Aber wir haben auch andere im Programm.

Körner Ihr fordert das dreigliedrige Schulsystem, Abitur nach neun Jahren, Magister- und Diplomabschlüsse statt Bachelor und Master – ist das alles nicht komplett rückwärtsgewandt? Und was ist konkret bei G9 euer Konzept?

Tritschler Die Regel soll G9 werden; in Einzelfällen soll es die Wahlmöglichkeit für G8 geben, dort wo es funktioniert. Darüber sollen Elterngremien entscheiden. Detailfragen wie die Wochenstundenzahl oder Jahrgangsgröße haben wir noch nicht geklärt. Wir sind keine Regierungspartei, wir müssen keine kompletten Bildungspläne aufstellen. Die Bachelor/Master-Abschlüsse sind unserer Meinung nach eine Entwertung. Man hätte ein jahrzehntelang etabliertes System nicht über Bord werfen sollen.

Körner Aber wir sind doch mit Europa aufgewachsen; die internationale Mobilität für Studenten ist für unsere Generation Alltag und wir brauchen sie. Sollte man nicht versuchen, das jetzige Bachelor/Master-System zu verbessern, statt alle Pläne wieder umzukehren?

Tritschler Es gibt keine Zahlen darüber, dass die studentische Mobilität angestiegen ist. Da ist tatsächlich wenig passiert. Im Gegenteil: Vor dem verschulten Bachelor-System war die Zahl der Erasmusstudenten wesentlich höher.

Ist das die Europafeindlichkeit, die die FDP der AfD immer vorwirft?

Körner Ihr seid europafeindlich, weil ihr das politische europäische Projekt abwickeln wollt. Steht ja so in eurem Programm: Rückkehr zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, also eine große europäische Freihandelszone. Europa der Vaterländer, statt gemeinsame politische Gremien.

Die junge Generation ist mit Schengen aufgewachsen, ohne Kontrollen, mit einem Gefühl von Freiheit. Ist das der Preis, den wir für innere Sicherheit zahlen müssen?

Tritschler Also ich bin in Freiburg aufgewachsen. Da gab es zwei Grenzen: Eine Schengengrenze zu Frankreich und eine zur Schweiz. Letzteres hieß, dass da mal jemand ins Auto geschaut und vielleicht den Ausweis kontrolliert hat. Das hat niemand als große Einschränkung der Freiheit gesehen. Ich finde es viel schlimmer, wenn täglich Waffen und Terroristen über die Grenze gehen. Wir müssen die Außengrenzen stärken, die Grenzkontrollen verschärfen und die Infrastruktur dafür schaffen.

Körner Ganz bewusst wird die Frage nach Schengen wieder mit Terrorismus verbunden ... Am Tag des Anschlags war ich von Brüssel aus unterwegs nach Deutschland, das war über Landstraßen gar kein Problem – trotz hochgezogener Grenzen. Ich wurde nicht kontrolliert. Würden das Terroristen nicht auch so machen? Kurzum: Die Bekämpfung von Terrorismus muss doch viel tiefer ansetzen, und zwar bei Aufklärung, Prävention und Integration. Abschottung ist keine Lösung.

Ist das – der Umgang mit Migration – also die größte Baustelle Nordrhein-Westfalens?

Tritschler NRW hat den Strukturwandel verschlafen. Und die Probleme wurden vor allem dadurch verschärft, dass man Integration nicht eingefordert hat, sondern den Leuten immer nur Geld hinterher wirft. So fördert man Parallelgesellschaften, zum Beispiel Duisburg-Marxloh. Wir fordern klare Law & Order – Politik, sprich härteres Durchgreifen auch bei Kleinkriminalität. Die Gesetze gibt es, es fehlt an Führungsstärke. Und Polizeibeamten.

Körner Über den Ausbau der Polizei sind wir uns einig. Aber Kriminalität ist ja auch nur ein Symptom, wir müssen an die Ursachen. Zum Beispiel durch bessere Bildung. Unser Vorschlag: 30 "Turn Arround Schulen" in Vierteln wie Duisburg-Marxloh. Wir müssen die Ghettoisierung durchbrechen. Und mehr Bildung bedeutet bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt – ein guter Job ist die beste Integration.

Tritschler Getreu unseres Mottos "Unser Programm heißt Realität" halte ich diese Schulprojekte für völlig abwegig. Sie würden außerdem andere Kinder mit schlechter ausgestatteten Schulen bestrafen.

Ihre Gegenvorschläge?

Tritschler Wir haben jahrzehntelang Geld in Integration gesteckt, ich glaube, das bringt einfach nichts. Wir müssen mehr fordern: erst Leistungen, dann Geld. Wer hier herkommen will, ist Gast.

Körner Das ist wohl der größte Unterschied zwischen uns. Wir sehen Einwanderer nicht als Gast. Ja, wir wollen beide ein Einwanderungsgesetz – bei euch klingt das allerdings immer nach einem Einwanderungsverhinderungs-Gesetz. Wir müssen den Leuten Chancen geben. Es ist nicht die Frage, woher jemand kommt, sondern: Wo will jemand hin?

Tritschler Das sehe ich anders: Jeder, der jung ist und ein Dach über dem Kopf hat, hat die Chance, was aus seinem Leben zu machen. Das ist nicht Aufgabe des Staats oder des Landes.

FDP-Chef Lindner hat selbst 2015 – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise – gesagt: "Wer herkommt, muss sich verändern, nicht Deutschland muss sich verändern."

Körner Klar, wir wollen unsere gesellschaftlichen Werte auch nicht aufgeben. Aber es bringt nichts, darüber zu diskutieren, ob ein Mesut Özil jetzt die Nationalhymne mitsingen soll oder nicht. Wir müssen uns auf Bildungschancen konzentrieren.

Den größten Teil des AfD-Wahlprogramms nimmt ja das Thema Familie ein. Warum setzt sich eine Partei mit einer lesbischen Spitzenkandidatin nicht für die Ehe für alle ein?

Tritschler Das ist eine Phantomdebatte. Die eingetragene Lebenspartnerschaft ist in nahezu allen Bereichen der Ehe gleichgestellt. Außer eben bei der Adoption. Und das finde ich auch gut so! Kinder sollten im Idealfall Mutter und Vater haben.

Körner Aber gerade homosexuelle Paare, die adoptieren, haben doch einen besonderen Kinderwunsch und ich unterstelle ihnen ein besonderes Verantwortungsbewusstsein den Kindern gegenüber und Sorgfalt. Das ist bei jungen Leuten auch überhaupt nicht strittig. Sind wir da nicht schon viel weiter? 

Tritschler Jeder soll jeden lieben, das ist Privatsache. Ich bin selbst homosexuell und muss mich auch damit abfinden, keine Kinder kriegen zu können. Es gibt kein Recht auf Kinder anderer Leute.

Herr Tritschler, Sie waren zehn Jahre in der FDP, was müsste passieren, dass Sie zurückkehren?

Tritschler Das wird nicht passieren. Die FDP unter Christian Lindner ist zu sozialiberalala verkommen. Das bunte Marketing ist gut, Lindner ist der Liebling aller Talkshows, viel mehr ist da nicht. 

Anmerkung der Redaktion: Dass ein Streitgespräch mit dem Vorsitzenden der Jungen Alternativen und einem weiteren Vertreter einer politischen Jugendorganisation stattfinden kann, war lange nicht sicher – sämtliche Jugendorganisationen weigerten sich, mit der jungen AfD zu diskutieren. Die Jusos forderten die anderen Parteijugenden sogar auf, die Interviewanfrage abzulehnen. Einzig die JuLis ließ das kalt.

Das Gespräch führten Julia Rathcke und Henning Rasche.

 
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