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Unterwegs mit dem FDP-Spitzenkandidaten
Lindner drückt die Vorspultaste

Fotos: Christian Lindner auf Wahlkampftour
Fotos: Christian Lindner auf Wahlkampftour FOTO: dpa, fg sab
Besuche bei Unternehmen, Small-Talk mit Bürgern, Interviews – die Wahlkampfauftritte von Christian Lindner sind vielfältig. Der FDP-Chef will in NRW ein Zeichen für den Aufschwung seiner Partei setzen. Von Christina Rentmeister, Düsseldorf

Turnschuhe, die hätte Christian Lindner auch an diesem Tag gut gebrauchen könne. Solche, wie er sie auf dem dem Wahlplakat trägt, das er gerade mit Parteikollegen enthüllt hat: Christian Lindner lehnt an der Wand in einem Hörsaal – in Anzug und weißen Sneaker. Er hört den jungen Leuten zu.

Zwei Meter davor steht der FDP-Chef vor seinem riesigen, schwarz-weißen Konterfei im Nieselregen am Rheinufer – mit Krawatte und schicken Schuhen. Schließlich geht es von Düsseldorf an diesem Tag noch mit dem Bus weiter zu einem Betriebsbesuch in Monheim, zum RTL-Interview in Köln und später zu einer Rede in Aachen.

Für das Pensum und Tempo wären Turnschuhe vielleicht angebrachter gewesen. Die Wiesen, über die Lindner später stapfen wird, sind matschig. Er muss von Termin zu Termin. Der Zeitplan ist sportlich. "Mal sind es Turnschuhe, heute sind es halt diese Schuhe geworden", sagt Lindner.

Der Spitzenkandidat der FDP für NRW- und Bundestagswahl zeigt sich in so vielen Rollen wie kaum ein anderer Kandidat im NRW-Wahlkampf – als Sportler, als Zuhörer, als Kämpfer, als Verständnisvoller. Passend zum FDP-Slogan für die heiße Wahlkampfphase. "In NRW steckt so viel. Lassen wir es frei", zitiert Lindner von dem Wahlplakat.

Lindner: "Ich bin nicht wichtiger als die anderen"

Während Lindner den versammelten Journalisten erklären will, warum NRW von Bürokratie und Stau "entfesselt werden muss", verschafft sich eine ältere Dame Gehör. "Ich bin gleich bei Ihnen", sagt Lindner. Dann dreht er sich doch direkt zu der Dame. "Ich bin grundsätzlich sehr für die FPD. Ich denke da an Gerhart Baum oder Genscher", sagt sie. "Vielen Dank, mein Freund Gerhart Baum", sagt Lindner über den früheren Innenminister. "Den Burkhard Hirsch kennen Sie auch?", fragt Linder wertschätzend zurück. Natürlich kennt die Frau den Düsseldorfer. Wieder eine glückliche Wählerin. Weiter zu den nächsten Interviews. Lindner will noch viele Menschen von sich und der FDP überzeugen.

"Die FDP ist die Vorspultaste der deutschen Politik", sagt der FDP-Chef später. Da ist er schon auf dem Weg zum nächsten Termin, zum nächsten Gespräch über die Zukunft des Landes. Er wolle für NRW eine Politik, die das Land und seine Menschen wirklich voranbringt, sagt er. Quasi im Minutentakt gibt Lindner Interviews. Eine "One-Man-Show" sagen Kritiker. Lindner sieht das anders. "Ich bin einer von 15.000 FDP-Mitgliedern in NRW. Ich stehe häufiger in den Medien als die anderen, bin aber nicht wichtiger", sagt er.

Und doch ist er das Gesicht der Partei. In NRW und im Bund. Am Sonntag, wie auch im September bei der Bundestagswahl, tritt er als Nummer eins der Partei an. Lindner will seine Partei von NRW aus zu neuer Stärke im Bund führen. Nach dem verpassten Einzug in den Bundestag 2013 (4,8 Prozent) hat Lindner die Parteiführung übernommen. Zuvor war er bereits 2011 als Generalsekretär zurückgetreten und 2012 in den NRW-Landtag zurückgekehrt. Damit gehörte er nicht zur gescheiterten Führung der Bundes-FDP.

Bei Lindners Projekt Wiederaufstieg der FDP spielt die Wahl im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW eine zentrale Rolle: "Jede Stimme für die FDP in NRW ist eine doppelte", sagt Lindner. Denn die Wähler würden damit das Comeback der FDP im Bundestag vorbereiten. In NRW liegt die FDP in Umfragen derzeit bei zwölf Prozent, im Bund bei sechs bis sieben Prozent. Deshalb lässt er auch nicht den Vorwurf gelten, er sei für NRW eine Mogelpackung. "Neben mir gibt es eine ganze Reihe guter Leute in der FDP", sagt er und verweist zum Beispiel auf die Nummer zwei der FDP, Joachim Stamp.

Dann hält der Bus in Monheim. Bei UBC Pharma geht es um den Innovationsstandort NRW und individuelle Arbeitszeiten. Also schaut sich Lindner den Betriebskindergarten an – der ist zwar gerade eine Baustelle, aber zumindest die Kita-Ziegen will der FDP-Chef begrüßen. "Besser nicht anfassen. Die haben gerade Läuse", ruft die Kita-Leiterin. Lindner dreht sich um, grinst: "Das wäre doch mal was anderes – Läuse verteilen im Wahlkampf". Dann redet er doch lieber über die Öffnungszeiten der Kita, die den UBC-Mitarbeitern flexible Betreuungszeiten bietet.

NRW-Spitzenkandidaten debattieren im Fernsehen FOTO: dpa, obe gfh

Der Politiker hört aufmerksam zu, nimmt den Blick keinen Moment von seinem Gesprächspartner. Auch später nicht, als die Führungsetage des Unternehmens von ihren Aufgaben und Problemen berichtet. Lindner nickt, lässt mal ein zustimmendes "Ja" oder "hmmm" einfließen. Er vermittelt seinen Gesprächspartner, dass er ihre Probleme zu seinen macht und Lösungen sucht. "Botschaft angekommen. Das nehme ich mit", sagt er, als die von der FDP durchgesetzte Senkung von Medikamenten-Kosten kritisiert wird.

FDP-Chef kritisiert die Regierung scharf

Vertrauen in die Menschen, das ist Lindners Thema. Also hört er sich ihre Probleme und Ideen an, kritisiert die Landesregierung, setzt die Forderungen und Themen der FDP dagegen. Er provoziert, er greift, anders als zum Beispiel Armin Laschet (CDU), mit scharfen Worten den Führungsstil von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD)an. "Ich will kein Störenfried sein, aber wir müssen doch Probleme klar ansprechen", sagt Lindner.

Und doch findet er bei jeder Frage, die ihm zu seiner Meinung über die Ministerpräsidentin gestellt wird, auch positive Worte. Kraft habe ein Gespür für die richtigen Worte in schweren Situationen, zum Beispiel nach Anschlägen. Sie könne gut repräsentieren, sagt Lindner. Ganz professionell lobt er zunächst, bevor er dann nicht mit Kritik spart. "Man kann aber nicht nur repräsentieren, man muss ein Land auch regieren", sagt der FDP-Chef.

Lindner ist bereit, Verantwortung für das Land und seine Menschen zu tragen, sagt er– ob in NRW oder Berlin. "Wenn Sie den Staat als Problemlöser und nicht als Erziehungsberechtigten wollen, dann müssen Sie die FDP mit ihrem freien, optimistischem Menschenbild wählen", sagt er bei der Aufzeichnung des RTL-Formats "Klartext". Allerdings werde die FDP nur dann Regierungsverantwortung mit übernehmen, wenn es einen echten Wandel in der Politik gibt: "Wenn sie NRW wirklich voranbringt", sagt Lindner. "Die FDP ist kein nützlicher Idiot, den man sich holt, wenn man ihn gerade braucht." 

Dann muss Lindner schnell zum Interview bei einer Lokalzeitung. Er ist schon fast eine Stunde hinter seinem Zeitplan. Und am Abend muss er pünktlich um 18 Uhr in Aachen sein. Jetzt wären Turnschuhe gut. 

 
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