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Mehr Gefangene im Senioren-Alter in NRW
Lebensabend hinter Gittern

Lebensabend hinter Gittern - so leben Senioren im Knast
Einer der Insassen in der Abteilung für „lebensältere Gefangene“ ist Thomas Wolf. Der 63-Jährige verurteilte Bankräuber und Erpresser sitzt seit 1980 immer wieder in Gefängnissen. In der Rentnergruppe hat er nach langer Zeit wieder Kontakt zu Menschen gefunden. FOTO: Bretz, Andreas
Rheinbach. Die demografische Entwicklung macht auch vor dem Gefängnis nicht Halt. Rund 500 Insassen in NRW sind mittlerweile über 60 Jahre alt - Tendenz steigend. Die JVA Rheinbach hat in einem Modellprojekt eine neue Abteilung eingerichtet. Von Joris Hielscher

Ein Flur mit Linoleumboden, Neonröhren und ein paar Pflanzen; ein Gemeinschaftsraum mit Möbeln, die an das Inventar von Jugendherbergen erinnern, ein Fernseher, eine Dart-Scheibe und große Kühlschränke; dazu eine kleine Küche. Besonders spektakulär sieht die neue Abteilung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rheinbach nicht aus, doch für Thomas Wolf bedeutet sie eine "Rückkehr in die Zivilisation", wie er es beschreibt. Der Düsseldorfer, der etliche Banken ausraubte, mehrfach aus dem Gefängnis ausbrach sowie in Wiesbaden die Frau eines leitenden Bankangestellten entführte und für sie Lösegeld kassierte, kann sich nun die Beine vertreten, ein Pläuschchen mit dem Wärter halten oder sich etwas zu essen machen. Bevor er auf die Station kam, war er 23 Stunden am Tag in seiner Zelle eingesperrt.

Diese Privilegien hat Wolf seinem Alter zu verdanken. Der 63-jährige Schwerkriminelle sitzt in der Abteilung für "lebensältere Gefangene". Im Behördendeutsch sind damit Inhaftierte gemeint, die älter sind als 60 Jahre. Als Reaktion auf die Entwicklung, dass es davon immer mehr gibt, hat das Land NRW spezielle Abteilungen für ältere Gefangene eingerichtet - wenngleich die Mehrzahl der über 60-Jährigen weiterhin im normalen Strafvollzug untergebracht ist.

Beispiel JVA Detmold

Seit 2007 gibt es in der JVA Detmold die erste Abteilung im geschlossenen Vollzug. Im offenen Vollzug bieten die Gefängnisse Attendorn, Bielefeld-Senne und Castrop-Rauxel insgesamt 82 Haftplätze. In der JVA Hövelhof bei Paderborn hat sich eine Station auf pflegebedürftige und demente Häftlinge spezialisiert. "Viele der älteren Insassen, die in Frage kamen, wollten nicht nach Detmold verlegt werden", erklärt Annette Emschermann, die zuständige Abteilungsleiterin in Rheinbach. So sei die Idee entstanden, solch ein Angebot auch im Rheinland anzubieten. Seit einem Jahr gibt es nun die Abteilung in der JVA Rheinbach, in der momentan elf Gefangene untergebracht sind und die maximal 16 Plätze besitzt.

Sie ist als Modellprojekt konzipiert und soll die besonderen Herausforderungen des Alterns hinter Gittern berücksichtigen. "Im Gefängnis altern die Menschen viel schneller", sagt Emschermann. Denn Menschen bauen in Gefangenschaft körperlich und geistig stärker ab, typische Altersbeschwerden setzen dort früher ein. Hinzu kommt, dass viele langjährige Inhaftierte kaum noch Kontakt nach draußen, zu Freunden und Familie hätten, erklärt Emschermann.

"Die Abteilung soll das Altern erleichtern" sagt Gefängnisdirektor Heinz-Jürgen Binnenbruck. Die älteren Gefangenen leben in einer Art Wohngruppe und haben zahlreiche Privilegien im Vergleich zu den anderen Gefangenen: Die Zellentüren sind tagsüber offen, es gibt einen Gemeinschaftsraum, in dem die Gefangenen zusammen essen oder fernsehen, und einen eigenen Hof mit einem kleinen Garten, in dem sie werkeln können. Und weil die Abteilung deutlich kleiner ist (üblich sind 40 Plätze), ist der Kontakt zu den Wachleuten enger. Auch eine Sozialarbeiterin hat auf dem Gang ihr Büro. Voraussetzung für die Aufnahme in die Abteilung ist, dass die Häftlinge nicht durch Drogenkonsum oder aggressives Verhalten aufgefallen sind. Außerdem müssen sie sich in die Gemeinschaft integrieren. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird zurückgeschickt. "Häftlinge holen hier im Alter Erlebnisse nach, die sie ihr Leben lang nicht gemacht haben", sagt der Anstaltspsychologe Andreas Warnek. Manche der Häftlinge hätten - außer mal eine Pizza im Backofen - nie selber gekocht, oder würden es nicht kennen, gemeinsam mit anderen am Tisch zu essen. "Ein Häftling hatte nie Weihnachten gefeiert", erzählt Warnek. Einige hätten nie stabile und vertrauensvolle soziale Beziehungen erlebt. "Durch Nähe wollen wir hier Sicherheit schaffen", sagt der Psychologe. Und der Gefängnisdirektor ergänzt: "Zwar machen die älteren Gefangenen in der Regel weniger Dummheiten und sind ruhiger, aber das sagt nichts über deren Gefährlichkeit aus." So hatte ein Häftling, der in Rheinbach unauffällig ist, in der JVA Aachen einem Wärter eine Schere in den Rücken gerammt.

"Das Schöne ist, Menschen zu haben, mit denen ich reden kann"

Fast alle in der Abteilung haben noch sehr lange Haftstrafen zu verbüßen. Entweder haben sie eine schwere Straftat wie etwa Mord, Totschlag oder Raub begangen oder waren ihr Leben lang kriminell. So wie Thomas Wolf, der seit 1980 entweder im Gefängnis sitzt oder untergetaucht war. Mehrmals gelang ihm die Flucht, zeitweise war er der meistgesuchte Flüchtige Deutschlands. 2011 wurde er für zwei Banküberfälle und die Entführung einer Bankiersgattin verurteilt. Das Urteil: 13 Jahre und sechs Monate.

"Das Schöne ist, Menschen zu haben, mit denen ich reden kann", beschreibt Wolf den Vorteil der Altenabteilung. Denn davor war er in einer geschlossenen Abteilung, verbrachte den Großteil des Tages in seiner Zelle, da er wegen einer chronischen Erkrankung nicht arbeitet. "Das Reden war mir abhandengekommen", sagt er und erinnert sich an die Einsamkeit, die er produktiv zu nutzen wusste: Er verfasste und veröffentlichte seine Biografie. Auch weiterhin schreibt er Bücher.

Das Ende der Haft noch in weiter Ferne, dazu gesundheitliche Probleme - ob er Angst hat, das Gefängnis nicht zu überleben? "Ich habe die Hoffnung, vorher herauszukommen", sagt der 63-jährige Wolf. Er will sich ordentlich verhalten, um vorzeitig entlassen zu werden.

Es ist ein Wunsch, den er mit den anderen Häftlingen in der Abteilung teilt. "Alle haben die Hoffnung auf Lockerung oder vorzeitige Entlassung", sagt Abteilungsleiterin Emschemann. Allerdings sei angesichts der Schwere der Delikte nicht bei allen die Perspektive auch realistisch. Die Konsequenz: "Manche werden aus der Haft nicht lebend herauskommen", sagt Gefängnisdirektor Binnenbruck. Denn selbst bei schwerer Erkrankung würden Häftlinge nicht entlassen, sie kommen höchstens in den offenen Vollzug. Wenn es den Gefangenen gesundheitlich zu schlecht geht, müssen sie verlegt werden, da die Abteilung nicht für Pflegefälle ausgerichtet ist.

Der letzte Häftling, der die Lebensälteren-Abteilung der JVA Rheinbach verließ, kam auf die Pflegestation in der JVA Hövelhof. Er hat Krebs.

Quelle: RP
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