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Duisburg
Loveparade: Erster Zivilprozess gescheitert

Duisburg. Er sei durch seinen Einsatz auf der Loveparade in Duisburg schwer traumatisiert, sagt ein Feuerwehrmann. Dafür wollte er 90 000 Euro Entschädigung haben. Einen Anspruch darauf sieht das Duisburger Landgericht nicht. Von Christian Schwerdtfeger

Feuerwehrmann Ralf Strutz betritt das Gerichtsgebäude gestern um 10.02 Uhr mit einer Menge Wut im Bauch. "Ich werde hier präsentiert wie ein Vorzeigehammel, bin ungefragt hier hinbestellt worden", sagt er in die vielen Fernsehkameras, die ihn umringen. "Aber jetzt bin ich hier und stelle mich." Dann geht der 53-Jährige mit seiner Anwältin Bärbel Schönhof die Stufen hoch zum Verhandlungssaal in der zweiten Etage des Duisburger Landgerichts. Die beiden stecken noch kurz ihre Köpfe zusammen, Schönhof nimmt einen Schluck aus einer Wasserflasche. Dann beginnt der erste Loveparade-Zivilprozess. Da ist Strutz noch guter Dinge, vom Land und dem Veranstalter der Loveparade 90 000 Euro Entschädigung zu erhalten. Seine Forderung begründet er damit, dass er als Folge seines Einsatzes bei der tödlichen Massenpanik vor fünf Jahren eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten habe. Die Bilder der 21 Toten und mehr als 500 Verletzten verfolgten ihn bis heute, seinen Beruf könne er nicht mehr ausüben, er sei schwer krank, erklärt er.

Die Anwesenden im Saal haben gerade erst Platz genommen, da macht der Vorsitzende Richter Stefan Ulrich die Hoffnungen des Feuerwehrmannes bereits zunichte: "Ich sehe bei Ihrer Klage keine Aussicht auf Erfolg", stellt Ulrich unmissverständlich klar. Es geht ein Raunen durch den Saal. Strutz' Gesichtszüge erstarren, seine Anwältin kratzt sich am Hinterkopf. Der Richter erklärt, dass Schadenersatz in aller Regel nur Menschen zustehe, die von einem Unglück unmittelbar betroffen seien. Dies sei bei Strutz nicht der Fall. "Beobachter können laut Rechtsprechung in Deutschland keinen Schadenersatz beanspruchen, selbst wenn man dadurch schwer psychisch geschädigt wird", betont Ulrich. Etwas so Schlimmes wie auf der Loveparade zu sehen oder auch einen Unfall auf der Autobahn, gehöre zum "allgemeinen Lebensrisiko". Es gebe nur ganz wenige Ausnahmen, etwa wenn jemand den Tod eines nahen Angehörigen miterleben muss. "Das trifft bei dem Kläger aber nicht zu", so Ulrich. Sein Fall sei zwar tragisch, aber Land und Veranstalter könnten für sein Leid nicht verantwortlich gemacht werden.

Bärbel Schönhof teilt diese Einschätzung erwartungsgemäß nicht. "Er hat nicht nur den Schock der anderen erlebt, sondern wurde selbst körperlich bedrängt", erklärt sie. "Er konnte sich der schrecklichen Situation nicht entziehen." Das Gericht nimmt ihre Einwände ins Protokoll auf. Das Urteil soll am 5. Oktober gesprochen werden.

Ralf Strutz reagiert emotional, weil er nicht verstehen kann, wieso der Richter ihm den Schadenersatz verwehrt. "Alle sagen: Ich war es nicht. Aber alle wollten die Loveparade haben. Dann ist die ganze Geschichte in die Hose gegangen, alle gucken weg und lassen mich auf meinem Schaden sitzen", sagt er. Dabei sei der Einsatz in Duisburg "wie im Krieg" gewesen. Kein Berufsrisiko, sondern ein Grauen, das er erlebte.

Wer für dieses Grauen verantwortlich ist, muss der Strafprozess klären, wenn er denn stattfinden sollte. Das Landgericht hat immer noch nicht entschieden, ob es die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Duisburg aus dem Jahr 2014 wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zulässt. Beschuldigt sind zehn Mitarbeiter der Stadt und des Veranstalters. Die Polizei nicht. Mit der strafrechtlichen Aufarbeitung der Katastrophe ist frühestens 2016 zu rechnen.

Der Feuerwehrmann gibt sich trotz der deutlichen Worte des Richters kämpferich: "Wenn wir das finanziell in irgendeiner Form stemmen können, werden wir bis zum Europäischen Gerichtshof gehen." Mit Wut im Bauch, mit der er bereits das Gericht betreten hat, verlässt er das Gebäude auch wieder.

Quelle: RP
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