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Unterstützung für Bedürftige in NRW
Nur bei Kälte über Hilfe für Obdachlose zu reden, ist scheinheilig

Obdachlose in der Kälte: Hilfe nur im Winter ist scheinheilig
Ein Obdachloser (Archivbild) auf der Straße in Nordrhein-Westfalen. FOTO: dpa, jps mhe abl sab
Meinung | Düsseldorf. Es ist kalt. Menschen unterhalten sich über Winterjacken, Lippenpflegestifte und Kirschkernkissen. Und, ach ja: Darüber, wie man "jetzt, wo es nachts friert", Obdachlosen helfen sollte. Dabei ist das keine Debatte für den Winter - sondern für das ganze Jahr. Von Helene Pawlitzki

Neulich im Regionalexpress: Ein streng riechender Mann in abgerissener Kleidung geht durch die Reihen und bittet um Geld für die Notschlafstelle. Manche geben eine Münze. Eine Frau kramt eine angebrochene Tüte Trockenfrüchte aus dem Rucksack und hält sie ihm hin. Er geht schnell weiter - ob ein Schaffner hinter ihm her ist oder er einfach keine Trockenfrüchte will, bleibt unklar. "So ein  Arsch", sagt die Frau und stopft die Trockenfrüchte wieder in ihren Rucksack.

Ungefähr 25.000 Menschen leben in Nordrhein-Westfalen auf der Straße - und es werden stetig mehr. Das wissen wir nicht erst, seit das Thermometer Minusgrade zeigt. Es braucht aber einen kräftigen Wintereinbruch mit sibirischer Kaltluft, damit das Thema einmal durch die Facebook-Timelines und -Gruppen gespült wird. Hier sind die besten Tipps, wie ihr jetzt Obdachlosen helfen könnt! Wo es doch so kalt ist. Auch bei RP Online ist das natürlich ein Thema - weil die Menschen in NRW gerade viel darüber reden.

Obdachlosen helfen ja - aber nur zu unseren Bedingungen

Was steckt dahinter? Ist doch gar nicht Weihnachten? Das ist ja sonst der Anlass, mal ein bisschen was fürs Karma zu tun. Naja - es ist halt kalt und man hat ja selbst schon gefroren auf dem Weg zur Arbeit. Der Mensch, der am Wegesrand hockt und die Hand aufhält, tut einem dann um so mehr leid. Geld möchten viele Menschen trotzdem nicht geben, auch wenn sie explizit darum gebeten werden. Könnte ja sein, dass derjenige Alkohol oder Zigaretten davon kauft. Statt Geld gibt's deshalb vielleicht auch einfach, was an Nahrungsmitteln gerade übrig und zur Hand ist - Trockenfrüchte zum Beispiel.

Die Wahrheit ist doch: Obdachlosen helfen wollen wir nur zu unseren eigenen Bedingungen - und nicht zu den Bedingungen der Obdachlosen.

Diese Leute werden in den Städten Nordrhein-Westfalens ignoriert, geschlagen, beklaut, beschimpft und vom Ordnungsamt schikaniert. Sie kriegen keine adäquate medizinische Versorgung für ihre häufig komplexen Probleme, zu denen auch psychische Erkrankungen und Alkoholismus gehören. Wenn sie nachts ein Dach über dem Kopf wollen, können sie versuchen, einen Platz in einer Notschlafstelle zu ergattern - mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammenbleiben oder ihren Hund mitnehmen, können sie aber nicht. Viele meiden deshalb diese Orte.

Diese Probleme existieren das ganze Jahr, und wir ignorieren sie das ganze Jahr. Wir kümmern uns dann um Obdachlose, wenn sie so in unserem Gesichtsfeld erscheinen, dass man nicht mehr sozialverträglich wegschauen oder einen Bogen laufen kann.

Keine Todesfälle - ist das wirklich die Mindestforderung?

Richtig ist: Obdachlose sind - sofern sie erwachsen sind - für sich selbst verantwortlich. Wenn sie Hilfe wollen, gibt es etliche staatliche und nichtstaatliche Stellen, die welche anbieten. Die Stadt Düsseldorf erweitert jedes Jahr bei großer Kälte ihr Angebot, aber vieles davon existiert auch den Rest des Jahres. Wer also nicht mehr auf der Straße leben will, muss das auch nicht. Es ist allerdings ein weiter Weg zurück zur eigenen Wohnung, und sie fordert Obdachlosen ab, sich anzupassen - an die Erwartungen von Arbeitgebern, Sozialarbeitern, Vermietern. Wer die Schicksale kennt, weiß, dass viele Obdachlose gerade deshalb auf der Straße leben, weil sie die Erwartungen der Gesellschaft eben nicht erfüllen können oder wollen.

Richtig ist auch: sich bei Kälte um Obdachlose Gedanken zu machen, ist besser, als nie etwas zu tun. Wir ziehen damit gewissermaßen eine rote Linie und sagen: Egal, was sonst so los ist - in Deutschland soll jedenfalls keiner auf der Straße erfrieren. Keine Todesfälle durch die Kälte! Wenn doch mal jemand auf der Straße stirbt, wie an Weihnachten in Düsseldorf, gibt es einen Aufschrei.

Keine Todesfälle - das ist bestimmt eine sinnvolle Forderung der Gesellschaft an sich selbst. Die Frage ist aber: Sollte die rote Linie nicht eigentlich woanders verlaufen? Sollte die Minimalforderung, die wir an uns selbst stellen, nicht viel früher ansetzen? Sollte es nicht eigentlich unser Wunsch sein, dass Menschen ohne Wohnung respektiert und würdevoll behandelt werden - egal, was das Thermometer zeigt?

Hilfe für Hilfsbedürftige sollte nicht von der Gnade des Einzelnen abhängen

Dazu würde gehören, dass wir akzeptieren: Hilfe für Hilfsbedürftige orientiert sich - richtig verstanden - nicht an unserer Tagesform, unserem aktuellen schlechten Gewissen, unserem Kontostand oder unseren Vorstellungen davon, wie man zu leben hat. Sie orientiert sich an den Bedürfnissen der Hilfsbedürftigen. Wenn einer Geld will, sollte man ihm welches geben - was er damit macht, ist eigentlich seine Angelegenheit. Auch wenn er keine Wohnung hat. (Die Caritas hat dazu einen nützlichen Leitfaden veröffentlicht: Wie gehe ich richtig mit Bettlern um?)

Dazu gehört aber auch, dass wir uns dafür einsetzen, dass diese Hilfe durch Institutionen ganzjährig schnell, unkompliziert und pragmatisch geleistet wird. Dass die Rheinbahn Menschen in U-Bahnhöfen übernachten lässt (wie es in Duisburg jetzt gerade passiert), solange die dort nicht in Ecke pinkeln oder Dreck hinterlassen. Dass Notschlafstellen kreativ mit den Bedürfnissen Obdachloser umgehen (und dazu vielleicht auch mit anderen Institutionen kooperieren, wie mit dem Tierheim Köln) und finanziell gut ausgestattet sind. Dass es genug Wohnungen gibt für jeden, der von der Straße will - und zwar bezahlbare.

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Viel gewollt? Ja, das ist es. Wer sich Humanist oder Christ nennt; wer behauptet, sein Wertesystem orientiere sich am Islam oder an jeder anderen Religion, die Nächstenliebe und Wohltätigkeit gegenüber Bedürftigen predigt - der sollte sich diese Forderungen zu eigen machen. Auch dann noch, wenn der Frühling kommt.

 
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