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Krise in der Landwirtschaft
1800 Bauernhöfe in NRW bedroht

1800 Bauernhöfe in NRW bedroht
FOTO: John Foxx
Düsseldorf/Berlin. Überangebote bringen vor allem die Milchlandwirte in Existenznöte. Doch auch andere Bauern in Nordrhein-Westfalen sind betroffen. Die Verbände üben heftige Kritik an der Landesregierung. Von Jan Drebes und Detlev Hüwel

Vielen Landwirten geht es nicht gut. Vor allem die Milchbauern müssen wegen des anhaltend niedrigen Milchpreises um ihre Existenz bangen. Nach Angaben der beiden Landwirtschaftsverbände Rheinland und Westfalen könnten in diesem Jahr in NRW rund fünf Prozent der Betriebe betroffen sein. Bei insgesamt 36.000 Höfen wären das 1800 Betriebe, die sich nicht mehr über Wasser halten könnten oder drastische Änderungen vornehmen müssten.

Der Bauernverband rechnet damit, dass die deutschen Landwirte seit 2014 schon mehr als 50 Prozent ihres Einkommens verloren haben. "Die existenzbedrohende wirtschaftliche Krise in der Landwirtschaft betrifft die Milchbauern, aber auch Schweinehalter wie Ackerbauern", sagt Verbandspräsident Joachim Rukwied.

Rheinischer Landwirtschaftsverband spricht von "ruinösen Milchpreisen"

Die schon seit anderthalb Jahren andauernde Krise liegt vor allem an dem großen weltweiten Angebot. In der Milchwirtschaft habe dies einen "gnadenlosen Preisdruck" zur Folge, betonte Hans-Heinrich Berghorn, Sprecher des Landwirtschaftsverbands Westfalen. Die Molkereien seien wegen des Überangebots "erpressbar".

Auch seine Kollegin Andrea Bahrenberg vom Rheinischen Landwirtschaftsverband (RLV) pflichtet bei. Die vier großen Einzelhandelsketten Aldi, Edeka, Lidl und Rewe könnten den Molkereien die Preise diktieren - mit den entsprechenden Folgen für die Milchbauern: Sie erhielten derzeit nur noch zwischen 22 und 25 Cent pro Liter Milch netto ab Hof. Für den RLV sind das "ruinöse Milchpreise".

Zu den Gründen zählen vor allem das Russland-Embargo, die Überproduktion in der EU sowie die stockende Nachfrage aus China. Der Einwand, dass nur eine Marktbereinigung das Angebot senken könne, sei "Quatsch", sagte Bahrenberg. Auch wenn Betriebe schließen würden, bliebe die Anzahl der Kühe unverändert. Falls nicht, würden ausländische Staaten, vor allem Irland, gern noch mehr Milch nach Deutschland liefern. Nötig sei vielmehr eine politische Lösung, die zur Bündelung der Marktmacht der bundesweit 100 Molkereien führe. Nur so erhielten diese eine echte Verhandlungsposition gegenüber den großen Handelsunternehmen.

"Die bäuerlichen Strukturen werden rasiert"

Die Landwirtschaftskammer NRW richtet an die Landesregierung den Appell, die hiesige Bauernschaft nicht mit Vorschriften zu überfrachten, die sie benachteiligten. "Gleiche Bedingungen für alle", meinte ein Sprecher der Kammer. Deutlicher wird Verbandsvertreter Hans-Heinrich Berghorn. Die NRW-Vorschriften für den Klima-, Natur- und Umweltschutz seien für sich betrachtet "wohl ganz sinnvoll. In der Gesamtheit aber wirkt sich das verheerend aus. Die bäuerlichen Strukturen werden rasiert." Das NRW-Landwirtschaftsministerium wiederum verweist darauf, dass das Land bis 2020 allein für die Förderung des Öko-Anbaus 133 Millionen Euro bereitstelle.

Nach Ansicht des Grünen-Agrarexperten Friedrich Ostendorff ist eine gerechtere Verteilung der EU-Fördermittel notwendig: "Dass 20 Prozent der Betriebe 80 Prozent der EU-Gelder erhalten, ist nicht länger tragbar." Es sei absehbar gewesen, dass es nicht gutgehen würde, die Milcherzeugung nach 32 Jahren staatlicher Mengenregulierung "einfach in den freien Markt zu entlassen". Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) müsse "aktuell eine schnelle und effektive Mengenabsenkung und mittelfristig ein wirkungsvolles Krisenmanagementprogramm auf europäischer Ebene" erreichen.

Quelle: RP
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