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Projekt in Aaachen
"Umgeswitcht": Turbo-Ausbildung statt Studien-Abschluss

Angela Merkel besucht Projekt Switch für Studienabbrecher
Kanzlerin Merkel und Bildungsministerin Wanka besuchten das Studienabbrecher-Projekt Switch in Aachen. FOTO: dpa, obe cul
Aachen. Studienabbrecher sind begehrte Azubis. Arndt Kessler hat diese Erfahrung gemacht. Er hat Kanzlerin Merkel von seiner schnellen Ausbildung im Projekt "Switch" erzählt.

 Eins, zwei Semester vielleicht, dann hätte Arndt Kessler es geschafft. Aber im 6. Semester Wirtschaftsinformatik an der FH Gelsenkirchen in Bocholt kam dann diese unselige Prüfung. Drei Versuche, dreimal durchgefallen. Das bedeutete automatisch die Exmatrikulation. Große Enttäuschung, tiefes Loch. "Es gab Zeiten, da war ich nicht gut drauf und habe mich gefragt, sitzt man jetzt auf der Straße?", erzählt er. Es hat aber nicht lang gedauert, da hat er über das Aachener Projekt für Studienabbrecher "Switch" eine Art Turbo-Ausbildung zum Fachinformatiker gemacht, 18 Monate statt 36.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich am Donnerstag bei einem Besuch in Aachen über das Projekt informiert und dabei auch mit dem 32-Jährigen Kessler gesprochen. Es gebe noch zu viele junge Menschen, die nach dem Studienabbruch keine Berufsausbildung machten, sagte Merkel anschließend. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), die in Aachen mit dabei war, werde für solche Konzepte werben.

"Switch" ist eines von bundesweit 18 regionalen Projekten für Studienabbrecher im Programm Jobstarter plus des Bundesbildungsministeriums. Mit den Projekten sollen Studienabbrecher für eine duale Ausbildung gewonnen werden.

Prominente Studienabbrecher FOTO: ddp

Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) bricht jeder Dritte sein Bachelor-Studium an deutschen Universitäten ab, an Fachhochschulen sind es mit 23 Prozent etwas weniger. Überfordert, kein Geld oder falsche Vorstellungen: Die meisten schmeißen ihr Studium in Mathe, Natur- und Ingenieurswissenschaften.

Bei seiner Suche nach einem Ausbildungsplatz als Informatiker war Kessler auf "Switch" gestoßen. Ein Gespräch, ein erster Test und dann landete sein Kurzprofil bei dem passenden Teil der über 140 teilnehmenden Unternehmen. Mehrere wollten ihn, er entschied sich für den Aachener IT-Berater ComConsult Kommunikationstechnik.

"Wir haben schon vorher gerne Studienabbrecher eingestellt", sagt Personalleiterin Birgit Haveneth und meint damit, vor der Zeit von "Switch" und bevor auch viele andere Unternehmen nach Fachkräften suchten und Studienabbrecher entdeckten.

Die Vorteile liegen für Haveneth auf der Hand: "Sie haben erlebt, dass mal was nicht geklappt hat. Sie wissen, was sie wollen." Und - im Umgang mit Kunden seien sie auch souveräner. Das müssen viele andere ähnlich sehen: Über 140 Unternehmen aus der Aachener Region konkurrieren bei "Switch" um die Azubis aus den Hochschulen.

Der Lehrplan ist gestrafft, die Ausbildungszeit beträgt je nach Beruf 18 oder 24 Monate. Dieser Anreiz war für Kessler so stark, dass er sich sogar für den Umzug nach Aachen entschloss, schweren Herzens zunächst ohne Freundin.

Die Stadt Aachen will mit ihrem Projekt Leute wie Kessler nach Aachen holen und den geschätzt 3500 Aachener Studienabbrechern pro Jahr einen Anreiz bieten, in Aachen zu bleiben. "Man muss sich schon auf die Hinterbeine stellen, um junge Leute in der Stadt zu halten", sagt Thomas Hissel von der Aachener Wirtschaftsförderung, der das Projekt mit auf die Beine gestellt hat. Das bringe allen etwas: örtlichen Unternehmen, jungen Leuten und der Stadt.

Als die ersten Klassen mit einem Durchschnitt von 1,6 und 1,7 abschlossen, waren die Skeptiker schnell verstummt. Arndt Kessler ist mittlerweile froh und auch ein bisschen stolz, dass alles so geklappt hat. Und auch privat gibt's ein gutes Ende: Seine Freundin lebt jetzt auch in Aachen.

(lnw)
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