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Angeklagte im Höxter-Prozess
"Ich habe verdammt viel auszuhalten gelernt"

Angeklagte sagt im Höxter-Prozess aus
Angeklagte sagt im Höxter-Prozess aus FOTO: dpa, bt
Im Mordprozess gegen das Ex-Paar Angelika W. und Wilfried W. in Paderborn hat die Angeklagte ihr jahrelanges Martyrium geschildert. Bevor das Paar andere Frauen erniedrigt und getötet haben soll, litt auch Angelika W. unter den Ausbrüchen ihres Ex-Mannes. Von Claudia Hauser, Paderborn

Wenn Angelika W. darüber nachdenkt, wie lange die Beziehung zu ihrem Ex-Mann Wilfried W. gut war, kommt sie zu dem Schluss: "Eineinhalb bis zwei Tage war er lieb und nett zu mir." Da habe man Händchen gehalten, sei durch die Stadt gelaufen, er habe ihr nette Dinge gesagt. Doch dann habe er ihre Hand nicht mehr nehmen wollen. "Er meinte, ich hätte so heiße Hände, das mochte er nicht", sagt die 47-Jährige.

Nach diesen zwei Tagen begann ein Martyrium, das Angelika W. am Mittwoch vor dem Landgericht Paderborn über Stunden beschreibt. Das so genannte Folterpaar von Höxter ist wegen zweifachen Mordes durch Unterlassen angeklagt. An diesem zweiten Prozesstag belastet sie ihren Ex-Mann schwer. Er hatte in seinen Vernehmungen bei der Polizei behauptet, sie sei die treibende Kraft gewesen. Zwei Frauen starben im Haus des Paares, mindestens sechs weitere wurden schwer misshandelt.

Der Fall Höxter - eine Chronologie der Gewalt

Warum Angelika W. jahrelang bei Wilfried W. geblieben ist, ihn nach zwei Monaten im März 1999 geheiratet hat, obwohl er auch sie schon in den ersten Wochen schwer misshandelt hat, wie sie sagt, ist schwer zu verstehen. Immer wieder fragt der Vorsitzende Richter der Ersten Großen Strafkammer nach. Manchmal nimmt sie ihn dann in Schutz: "Das Boxen war ja eher Spaß", sagt sie dann. Oder sie erklärt: "Ich hab verdammt viel auszuhalten gelernt". 50, 80 oder 100 blaue Augen habe er ihr im Laufe der Jahre geschlagen.

17 Jahre Schweigen

Angelika W. schildert in einem ruhigen Ton all die Misshandlungen. Manchmal sagt sie süffisant: "Wenn dem Herrn wieder etwas nicht gepasst hat". Wilfried W. sitzt keine zwei Meter entfernt von ihr, zwischen ihnen sitzen zwei Verteidiger. Es wirkt so, als ob es Angelika W. nicht schwer fällt, alles zu erzählen. Im Gegenteil. 17 Jahre lang hat sie geschwiegen. Nun beantwortet sie frei und nur selten zögerlich, was der Vorsitzende Richter wissen will. An diesem Prozesstag geht es noch nicht um die Taten, die das Paar gemeinsam begangen haben soll, sondern um die Beziehung der beiden.

Angelika W. hatte nicht viel Erfahrung mit Männern, als sie den ein Jahr jüngeren Wilfried W. kennenlernte – so wie die späteren Opfer hatte sie auf eine Kontaktanzeige geantwortet. Mit einem verheirateten Arbeitskollegen hatte die Gärtnerin ein paar Mal Sex, als sie 25 Jahre alt war. "Da hab ich zum ersten Mal einen nackten Mann gesehen", sagt sie. Sie sei eigentlich nie auf der Suche gewesen nach einem Mann. Weil sie Wilfried W. von der kurzen Liebschaft erzählte, zwang er sie, ihren Job in der Gärtnerei aufzugeben.

Prozessauftakt im Fall Höxter FOTO: dpa, mku kno

Die Angeklagte zeigt an diesem Tag zwei unterschiedliche Gesichter. Da ist zum einen das des Opfers. Wenn stimmt, was sie erzählt, dann quälte ihr Ex-Mann sie Tag für Tag. Einmal habe er ihren Arm mit kochend heißem Wasser verbrüht. Aus Angst, er könnte ihr das Wasser ins Gesicht schütten, habe sie einfach still gehalten, so lange es ging. "Danach bin ich im Zimmer auf und ab gelaufen, habe geschrien vor Schmerzen", sagt sie. Zu einem Arzt sei sie erst einmal nicht gegangen, obwohl die riesige Wunde eiterte, sie Fieber bekam. Es habe drei Jahre gedauert, bis sie keine Schmerzen mehr gehabt habe.

Es ist nur eine von vielen Taten, die sie schildert. Wilfried W. und sie haben in ihrer eigenen verrohten Welt gelebt, auf dem Hof in Höxter-Bosseborn. Er soll sie regelmäßig die Treppen heruntergestoßen haben, ihr mit Decken und Handtüchern das Gesicht so verdeckt haben, dass sie blau anlief. Er soll sie mit dem Feuerzeug verbrannt oder ihr die Beine weggetreten haben. "Wenn ich vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte, hat er mich angemeckert." Einmal habe er ihr eine Gabel in den Oberschenkel gerammt.

"Wenn eine andere Frau da war, wurde ich in Ruhe gelassen", sagt die Angeklagte. "Die Extremquälereien haben dann aufgehört." Nach der Scheidung im Jahr 2003 suchte das Paar in Dutzenden Kontaktanzeigen eine neue Partnerin für Wilfried W. "Ich sollte ihm eine andere Frau besorgen, weil ich nicht seine Traumfrau war." Warum sie in diese Hölle zurückgekehrt sei, als sie nach der Scheidung längst eine eigene Wohnung hatte, wird sie an diesem Tag gefragt. "Ich habe mich ihm gegenüber in einer Schuld gefühlt", sagt sie nach einigem Nachdenken.

Nicht das klassische Opfer

Doch Angelika W. hat auch eine andere Seite. Sie wirkt nicht wie ein klassisches Opfer – nicht unterwürfig oder ohne Selbstvertrauen. Und als der Verteidiger ihres Ex-Mannes sie fragt: "Sie beschreiben sich doch als großen Katzenfreund, richtig?" antwortet sie trotzig: "Ja." Darauf der Anwalt: "Warum haben Sie dann die Katze in den Trockner gesteckt?" Da schaut sie ihren eigenen Verteidiger an, als wäre sie gerade bei etwas Verbotenem erwischt worden. Dann beschreibt sie, dass die Katze irgendetwas getan hätte, was Wilfried W. verärgert hätte. "Sie hat ihn gekratzt oder so." Da habe sie das Tier in den Trockner gesteckt. "Das hat mir sehr leid getan", sagt sie. "Sie war dann auch leider tot."

Ob sie ernsthaft geglaubt habe, dass die Katze das überleben könnte, hakt der Anwalt nach. Angelika W. schaut wieder fragend ihren Verteidiger an, dann sagt sie: "Ich stand immer vor der Wahl: Wer wird gequält?" Und sie habe gewusst, wenn sie die Katze nicht bestrafe, würde Wilfried W. sie bestrafen.

Der Prozess wird am 30. November fortgesetzt. 

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