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Trotzdem ein Haftbefehl erlassen
Bislang keine Hinweise auf Beteiligung an BVB-Anschlag

Explosionen am BVB-Mannschaftsbus
Karlsruhe. Die Tatverdächtigen vom Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus stehen nicht mehr im Fokus der Ermittlungen. Wie die Bundesanwaltschaft mitteilte, gebe es bei beiden Männern bislang keine Hinweise auf eine Tatbeteiligung. NRW-Innenminister Jäger nannte die Bomben am Mittag hochprofessionell.

Während ein zunächst tatverdächtiger 28-jähriger Deutscher aus Fröndenberg im Kreis Unna damit auf freiem Fuß bleiben darf, wurde gegen den bereits festgenommenen 26-jährigen Iraker Haftbefehl erlassen. Dabei geht es aber nicht um die Beteiligung an dem Dortmunder Anschlag, vielmehr steht Abdul Beset A. im Verdacht, ein Mitglied der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu sein und im Irak eine IS-Einheit angeführt zu haben.

Laut Bundesanwaltschaft soll der Beschuldigte sich spätestens Ende 2014 im Irak dem IS angeschlossen haben. Den Erkenntnissen zufolge führte er dort das Kommando über eine Einheit von etwa zehn Personen. Aufgabe seiner Einheit war es demnach, Entführungen, Verschleppungen, Erpressungen und auch Tötungen vorzubereiten. 

Ralf Jäger: Bomben waren professionell

Borussia Dortmund: Profis bedanken sich unter Tränen bei Fans FOTO: afp

Die Sprengsätze selbst waren nach Angaben von Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) hochprofessionell gebaut. "Die Sprengkraft war enorm", sagte Jäger am Donnerstag in einer Sitzung des Innenausschusses im nordrhein-westfälischen Landtag. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Täter gewaltbereite Fußballfans seien.

Die Täter seien nicht gefasst und hätten weitere Anschläge angekündigt, sagte der Minister. "Das nehmen wir sehr ernst". Landeskriminaldirektor Dieter Schürmann sagte: "Wir suchen nach mordbereiten Tätern". Es werde auch nach Fingerabdrücken an den Sprengsätzen gesucht.

Laut NRW-Verfassungsschutz sind die drei identischen Bekennerschreiben, die am Tatort gefunden wurden, keiner einzelnen extremistischen Richtung zweifelsfrei zuzuordnen. Es werde in Richtung Links- und Rechtsextremismus sowie Islamismus ermittelt, sagte der Leiter des NRW-Verfassungsschutzes, Burkhard Freyer.

Mit Blick auf Islamismus sage er, es fehlten arabische Floskeln, auch seien die Forderungen am Ende des Textes untpyisch für die Terrormiliz Islamischer Staat. "Der IS verhandelt nicht", sagte Freyer.

Experte: Eher kein Anschlag von Hooligans oder Rechten

Der Extremismusforscher Dierk Borstel hält derweil einen Anschlag von Dortmunder Hooligans oder Rechten für wenig wahrscheinlich. "Die meisten Rechten sind überzeugte BVB-Fans, und die Art des Anschlags spricht auch nicht für Hooligan-Gewalt", sagte Borstel am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Hooligans würden sich schlagen, aber nicht Monate einen Anschlag vorbereiten. "Es kann aber natürlich ein Einzeltäter sein, der sich radikalisiert hat. Das ist aus allen Richtungen möglich", sagte der Dortmunder Extremismusforscher von der Fachhochschule Dortmund. Die Art des Anschlages sei aber auch für Rechtsextremisten untypisch.

Täter müssten die Bedeutung des BVB für die Stadt kennen. "Das ist ein Symbol für die Stadtgesellschaft." Und sie müssten über Straßen und über die Wege des BVB Bescheid wissen, sagte Borstel.

Am Tatort in Dortmund waren drei textgleiche Bekennerschreiben gefunden worden, die auf einen islamistischen Hintergrund hinwiesen. Daraufhin hatte die Bundesanwaltschaft am Mittwoch zwei Verdächtige identifiziert, einen Iraker und einen Deutschen. Bei beiden wurden die Wohnungen durchsucht. 

Anschlag auf BVB-Bus 

Am Dienstagabend hatten drei Explosionen den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund erschüttert. Für die Sprengladungen wurden Metallstifte verwendet, die die Fenster des Busses schwer beschädigten und teilweise auch ins Innere drangen. Dabei wurde der BVB-Spieler Marc Bartra so schwer an der Hand verletzt, dass er noch am Abend operiert werden musste. 

Das eigentlich für den Abend angesetzte Champions League-Viertelfinalspiel gegen den AS Monaco wurde daraufhin auf Mittwoch verlegt. Noch am Abend war nicht nur in Deutschland eine Welle der Solidarität mit dem BVB zu spüren. Über den Kurznachrichtendienst Twitter fanden unter dem Stichwort #bedforawayfans zudem viele französische Fans spontan eine Unterkunft in Dortmund. 

Beim Nachholspiel am Mittwoch war beiden Mannschaften der Schock noch deutlich anzumerken, letztlich verlor der BVB unglücklich mit 2:3. Wie Mittelfeldspieler Nuri Sahin nach dem Spiel sagte, hatten die Dortmunder die Partie gegen ihren Willen bestreiten müssen. BVB-Trainer Thomas Tuchel warf dem europäischen Fußballverband Uefa vor, das Spiel ohne das Einverständnis des Vereins auf den Tag nach dem Anschlag verlegt zu haben. Das bestritt die Uefa im Gespräch mit unserer Redaktion allerdings.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Textes hatten wir in der Überschrift geschrieben, der festgenommene Iraker sei nicht am Angriff beteiligt gewesen. Richtig ist jedoch, dass es laut den Behörden für eine Beteiligung des Mannes bislang keine Belege gibt.

(kess/AFP/dpa)
 
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