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Apotheker-Skandal in Bottrop
Der Mann, der den Mund aufmachte

Apotheker-Skandal in Bottrop: Martin Porwoll bekommt Deutschen Whistleblower-Preis
Martin Porwoll hat das Treiben von Peter S. aufgedeckt, dem mutmaßlichen Pansch-Apotheker von Bottrop. FOTO: Tobias Jochheim
Duisburg. Martin Porwoll hat den Deutschen Whistleblower-Preis dafür erhalten, dass er die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Medikamentenpanscher von Bottrop ermöglichte. In einer Schule erklärt er Jugendlichen, was ihn antrieb - und ob es sich gelohnt hat. Von Tobias Jochheim

"Ich weiß ja, dass Sie nicht beißen", sagt Leon und setzt sich beherzt neben Martin Porwoll ans Kopfende der Kaffeetafel, die sie im Klassenraum aus Schulbänken zusammengeschoben haben. "Dass ich nicht beiße, stimmt zwar", antwortet der 47-Jährige trocken, "aber ich werde natürlich alle Ihre Geheimnisse 'rausfinden und verraten. Und dann zeige ich Sie auch noch an." Leon und die anderen Elftklässler der Globus-Gesamtschule in Duisburg-Hochfeld grinsen; die anfängliche Spannung zwischen den Schülern und ihrem Gast ist gelöst.

"Whistleblower – Helden oder Nestbeschmutzer?" ist derzeit das Thema im Sowi-Kurs der Referendarin Pardis Latifi. Martin Porwoll haben sie eingeladen, ohne wirklich auf eine Zusage zu hoffen. Aber jetzt ist er hier, und alle 13 Schüler des Kurses sitzen um ihn herum, bei Apfelschorle und selbstgebackenem Kuchen, in der siebten und achten Stunde, in ihrer Freizeit.

Apotheker aus Bottrop wegen Krebs-Mitteln vor Gericht FOTO: dpa, ve fgj

Eine große Kamera und ein Profi-Tischmikrofon laufen, zwei Schüler sollen vom Abend einen Film zusammenschneiden. Zwei andere moderieren das Gespräch. Frau Latifi platzt fast vor Stolz auf ihre Schüler. Und alle haben Fragen an den Mann, der Peter S. auffliegen ließ, den mutmaßlichen Pansch-Apotheker von Bottrop.

"Dass man 'rausgeschmissen wird, ist ja klar"

Porwoll war 2016 kaufmännischer Leiter der Apotheke – und nutzte diese Position, um den Gerüchten auf den Grund zu gehen, die über Missstände bei der Anmischung von Chemotherapien kursierten. Ein- und Verkäufe von verschiedenen Wirkstoffen rechnete er durch und entdeckte dabei große Differenzen. Im Juli 2016 reichte er nach langen Diskussionen mit seinem Anwalt Strafanzeige gegen seinen damaligen Chef wegen gewerbsmäßigen Betrugs ein. Insgesamt ein Dreivierteljahr lang lebte Porwoll zwischen Panik, Paranoia und Selbstzweifeln, bis es am 29. November 2016 zur Razzia kam.

Erst ein weiteres Jahr später, Mitte November 2017, begann der Prozess gegen S. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm 60.000 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz vor sowie Kassenbetrug um 56 Millionen Euro und Körperverletzung in 27 Fällen. Insgesamt geht es um rund 50 Wirkstoffe in immer neuen Medikamentencocktails, von denen keine Rückstände archiviert wurden, und deren mutmaßliche Unterdosierung sicher eine Wirkung hatte, bloß ist diese Wirkung extrem schwer zu benennen, weil jede Krebserkrankung anders verläuft.

Porwoll hatte die Ermittler auf die richtige Fährte gebracht, mit einem dicken Aktenordner voller Beweise. Lange war er anonym geblieben, doch im August 2017 ging er an die Öffentlichkeit, erzählte aus seinem Privatleben und ließ zu, dass Journalisten seinen Namen schreiben, ihn fotografieren und filmen. Weil er öffentlichen Druck auf S. ausüben will. Heute sagt er desillusioniert: "Selbst mit maximalem Druck passiert relativ wenig."

Ob er einen Plan gehabt habe, fragen die Schüler. "Klar", sagt Porwoll. "Ohne Plan wäre man verloren. Dass man 'rausgeschmissen wird und danach auch erstmal keinen neuen Job bekommt, ist ja klar." Letztlich aus Notwehr hat er sich nach einem Dreivierteljahr voller vergeblicher Bewerbungen am 1. September selbstständig gemacht. Betretene Blicke bei den Schülern.

So hart ist es also, ein Whistleblower zu sein. Als Held sieht sich Porwoll nicht. Es sei bloß der Versuch gewesen, "Zivilcourage zu zeigen". Nichts anderes habe er getan, sagt Porwoll und allein sei er dabei auch nicht gewesen. "Die Ermittler haben mich früh gefragt, ob es noch jemanden gebe, der 'ähnlich strukturiert‘ sei, wie ich selbst", sagt er sarkastisch. "Auf gut Deutsch also: Ob es noch einen Verräter gibt."

Seine Kollegin unterstützte ihn, fing zum Beispiel eine Infusion ab, die nachweislich keinen Wirkstoff enthielt, nicht einen einzigen Tropfen. Gemeinsam haben die beiden am Freitagabend in Kassel den Deutschen Whistleblower-Preis erhalten.

"Man muss doch den Deckel der Friteuse öffnen!"

Gegen die fristlose Kündigung, die er zwei Tage nach der Razzia erhielt, geht Porwoll gerichtlich vor. "Das hat ja Folgen", sagt er, "angefangen damit, dass man drei Monate lang kein Geld vom Amt bekommt." Doch dass sein Engagement so enden würde, war ihm schnell klar: "Hätte ich mit meinem damaligen Chef geredet, hätte er doch alle Beweise für seine mutmaßlichen Straftaten vernichtet und mich gefeuert."

Entweder das, werfen die Schüler ein – oder der Apotheker hätte ihn besser bezahlt. Ob er dann in Versuchung gekommen wäre?, fragen die Jugendlichen. "Sehr gut verdient habe ich ohnehin", sagt Porwoll. "Wenn ich es geschafft hätte, mich einfach doof zu stellen, nichts wissen zu wollen, wäre ich reich geworden. Aber eben nicht glücklich."

Ob er das denn nun sei, fragen die Schüler. Porwoll zögert. "Ich fühle mich wie jemand, der einen Lebensmüden gerettet hat – und dann von ihm Prügel einsteckt." Die Frage, ob es sich gelohnt habe, sei so einfach nicht zu beantworten. Und das Urteil gegen S. habe damit auch nur wenig zu tun. Porwoll kämpft nicht gegen Peter S., er kämpft für besseren Schutz von Whistleblowern und vor allem für strengere Kontrollen in Onkologie-Schwerpunktapotheken, die Patienten mit krebshemmenden Medikamenten versorgen.

Um zu verdeutlichen, was er meint, zieht der Whistleblower einen Vergleich zur Gastronomie: Es reiche doch auch nicht aus, dass ein Lebensmittelkontrolleur in einer Pommesbude nachschaue, ob Böden und Wände sauber sind und die Küche gut beleuchtet ist. "Das kann es doch nicht sein!", ruft Porwoll. "Es geht doch um das Produkt! Man muss doch den Deckel der Friteuse öffnen!"

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Erst recht, meint Porwoll, wenn das Produkt kein Fast Food ist, sondern eine Infusion, die einem Krebskranken das Leben retten soll – und dem Apotheker, der sie anmischt, sehr viel Geld einbringen kann, falls er zu wenig Wirkstoff hineingibt. Oder gar keinen.

 
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