| 19.46 Uhr

#maggikalypse in Düsseldorf und Köln
Aromafirma aus Neuss bedauert den Gestank

Neusser Betrieb Silesia  - Spezialist für Aromen und Gerüche
Neusser Betrieb Silesia - Spezialist für Aromen und Gerüche FOTO: Woitschützke, Andreas
Köln. Am Dienstag stank es im Rheinland zum Himmel. Bewohner im Gebiet zwischen Köln, Dormagen, Leverkusen und Düsseldorf waren beunruhigt, weil sich ein beißender Geruch verbreitete. Das Netz pulsierte, die Behörden tappten im Dunkeln. Dann führt die Spur zu einem Neusser Chemiebetrieb für Aromastoffe. Die Geschäftsführung bedauert den Vorfall. Die Polizei nahm Ermittlungen auf. Von I.rzepka, J. Reiblein, C. Siedentop und P. Stempel

Seit Dienstagmorgen hing ein Gestank in Köln, zog später über Leverkusen und Dormagen bis Düsseldorf. Die Feuerwehr Köln führte zahlreiche Messungen durch, im gesamten Stadtgebiet und im Umland waren über Stunden Messwagen und ein Helikopter unterwegs. Experten rätselten über die Ursache, Anwohner waren beunruhigt über den stark würzigen Geruch, der viele an Maggi erinnerte.

Am Nachmittag führten Hinweise aus der Bevölkerung die Behörden auf die richtige Spur. Quelle des Gestanks war ein Chemiebetrieb in Neuss an der Grenze zu Dormagen. Dort kam es nach Angaben des Unternehmens um 3.15 Uhr im Rahmen eines Destillationsprozesses zu einer Verdampfung, als eine kleine Menge des Aromastoffes Sotolon mit einer heißen Platte in Berührung gekommen sei. Der geruchsintensive Stoff trat durch den Schornstein aus und wurde durch den Wind nach Köln getrieben.

In einer Mitteilung bedauerte das Unternehmen den Vorfall. Es stehe mit der Bezirksregierung und den Feuerwehren in Köln und Neuss in Kontakt. Das Kreisgesundheitsamt kündigte an, den Vorfall mit dem Unternehmen aus Allerheiligen, der zu massiven Beschwerden geführt hatte, aufarbeiten zu wollen.

Der Schuldige heißt Sotolon 

Sotolon stinkt zwar, aber es ist nicht gesundheitsschädlich. Das Geruchsmittel ist unter anderem in Liebstöckel enthalten, auch Maggi-Kraut genannt. Das Unternehmen erklärte in einer Pressemitteilung, schon äußerst geringe Mengen des Stoffes würden intensiv nach Liebstöckel oder Bockshornklee riechen. Nach Informationen des Kölner Stadtanzeigers traten nicht weniger als vier Kilogramm frei.  

Die Spötter im Internet, die sich unter dem Hashtag #maggikalypse über den Gestank austauschten, bewiesen jedenfalls einen guten Richer. Sotolon ist als Bestandteil von Liebstöckel auch im Maggi-Gewürz enthalten.

Die Kölner Feuerwehr hatte am Nachmittag in einer offiziellen Mitteilung noch anfangs von einem Brand in dem Chemiebetrieb gesprochen. Das Unternehmen wies dieses Darstellung jedoch zurück. Es sei lediglich zu einer Verdampfung gekommen. Die automatisch ausgelöste Löschanlage habe die Entstehung eines Brandes frühzeitig verhindert.

Aromen für Lebensmittelindustrie

Die Feuerwehr habe daher nicht nicht ausrücken müssen. "Wir wurden nicht alarmiert", begründete auch Feuerwehr-Chefin Sabine Voss, warum keine Einsatzkräfte der Dormagener Feuerwehr zu Hilfe gerufen wurden. 

Der Chemiebetrieb in Neuss stellt Aromen für die Lebensmittelindustrie her. Zur Zeit des Feuers, um 3.15 Uhr, herrschte Nordwind, so dass der Stoff genau in Richtung Köln geweht wurde. Dienstagmorgen drehte der Wind, wodurch der Gestank über das gesamte Stadtgebiet verteilt wurde.

Die Polizei ermittelt

Die Firma sorgte bereits im vergangenen Jahr für Schlagzeilen in Kalkar: Bürger hatten einen Verein gegen Geruchsimmissionen des Silesia-Werks gegründet. Sie beklagen Übelkeit und Kopfschmerzen. Die Kreisverwaltung Kleve sagte jedoch, es bestehe keine Gesundheitsgefahr.

Die Polizei Neuss hat inzwischen erste Ermittlungen aufgenommen - eine strafrechtliche Relevanz sei zumindest nicht auszuschließen, sagt ein Sprecher. Wie stark Liebstöckelduft belästige, liege schließlich "in der Nase des Betrachters". Beim Unternehmen Maggi wollte man sich zum besonderen Kölner Duft übrigens nicht äußern. Es handele sich jedenfalls "nicht um einen PR-Gag", versichert eine Sprecherin. 

Am frühen Morgen bemerkten die ersten den Geruch

Rückblick: Seit dem frühen Morgen um 6.40 Uhr meldeten viele Bürger einen starken Gestank aus dem Stadtgebiet Köln. Der Gestank wurde als "würzig" bis "ätzend" beschrieben, teilte die Stadt Köln mit. Einige berichteten, es würde nach Majoran oder Maggi riechen.

Auch eine Anwohnerin in Köln-Lindenthal wunderte sich über den merkwürdigen Geruch in der Wohnung. "Zunächst dachte ich, es wird Zeit den Müll runter zu bringen. Aber vor dem Haus stank es noch schlimmer. Im Radio hab ich dann zum Glück gehört, dass es nicht gefährlich sein soll."

Witze-Happening im Internet

Im Internet kursierten derwei unter dem Hashtag #maggikalypse Gerüchte und ironische Kommentierungen. Auch Wortspiele machten die Runde. Was ist das Lieblingsglücksspiel der Kölner? Brühwürfeln. Hat etwa das Parfum "4711 Echt Kölnisch Wasser" eine neue Produktlinie? Auch Fotomontagen verbreiteten sich im Netz. In einem Bild waren etwa die Spitzen des Kölner Doms durch zwei Maggiflaschen ersetzt. Großer Aufmerksamkeit erfreute sich auch die interaktive Karte eines Twitter-Nutzers mit dem Namen Droid Boy, auf der Nutzer "Kölner Stinkeorte" markieren konnten. Neuss bekam als "Hauptstadt des Gestanks" ihr Fett weg. 

 

 

Am Mittag wehte der Wind stabil aus südwestlicher Richtung. Die zehn Mess- und Erkundungsfahrzeuge meldeten nun, dass der Gestank nicht mehr zu riechen sei, so die Feuerwehr Köln. Zuvor waren die Experten der  Feuerwehr im Dauereinsatz. "Wir erkunden weiterhin mit Messfahrzeugen die Lage und wissen noch nicht, wo es herkommt", sagte Jens Müller, Sprecher der Kölner Feuerwehr am Morgen unserer Redaktion.

Hubschrauber in Köln im Einsatz

Die Feuerwehr Köln hatte mehrere Messfahrzeuge und die Analytische Task Force alarmiert, um die Quelle des Gestanks herauszufinden.  Die Messfahrzeuge erkundeten über Stunden das Stadtgebiet und nahmen Luftproben. Außerdem erkundete ein Hubschrauber die Stadt von oben -  ohne Ergebnis.

Auch am Mittag war man noch ratlos: Im Labor der Feuerwehr wurden die Luftproben analysiert. Normalerweise wird eine Luftprobe entnommen, indem zehnmal mit einer Pumpe Luft angesogen wird. In diesem Fall haben die Experten sogar 50 Mal gesogen. Dennoch lieferten Gaschromatographen und Massenspektrometer aus der Probe keine Ergebnisse. "Derzeit forschen wir weiter nach der Ursache, rufen Unternehmen und Chemie-Betriebe an", sagt Müller.


Köln Stinkekarte auf einer größeren Karte anzeigen

  Feuerwehr meldet Geruch auch in Düsseldorf

Ein Mitarbeiter des Bürgeramts Nippes hatte am Morgen über starke Übelkeit geklagt. Ein Rettungswagen brachte ihn in ein Krankenhaus. Unklar ist, ob der Fall mit dem starken Geruch zu tun hatte. Einige Stunden nach dem ersten Auftreten in Köln ist der seltsame Gestank auch in Dormagen und Leverkusen angekommen. Aus dem Düsseldorfer Süden melden Bürger und Feuerwehr ebenfalls den Gestank.

Die Dormagener Feuerwehr hatte ebenso wie die Kölner Kollegen und die der Werkfeuerwehr von Chempark-Betreiber Currenta keine Auffälligkeiten bei den Luftmessungen feststellen können. Das erklärte Sabine Voss, die Chefin der Feuerwehr Dormagen: "Wir haben heute Morgen die Luft auf Kohlenwasserstoffe und Stickstoffoxide getestet, aber keine Hinweise auf die bekannten giftigen Stoffe feststellen können." Alle Messungen, die die Dormagener Feuerwehr ab 8.44 Uhr in Nievenheim vornahm, waren negativ auf Gefahrenstoffe. "Die einzige Wahrnehmung war die mit der Nase", sagte Voss.

Bei Twitter hat der Geruch bereits einen eigenen Hashtag:

(jre/csi/jre/top/anch/url/pst/felt)
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