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Bahnhof des Jahres aus NRW
Der schönste Bahnhof ist ein Winzling zum Verlieben

Steinheim in NRW hat den "Bahnhof des Jahres 2016"
Steinheim in NRW hat den "Bahnhof des Jahres 2016" FOTO: dpa, mg
Steinheim . Bei der Wahl zum Bahnhof des Jahres ging NRW bislang leer aus. Nun darf sich ein kleiner S-Bahnhof im Weserbergland mit der Auszeichnung schmücken. Was Steinheims Bahnhof anders macht, zeigt ein Besuch.

Wer an Nordrhein-Westfalens ersten "Bahnhof des Jahres" auf den Bahnsteig treten will, muss bis an den Rand des Bundeslandes reisen. Wo die Ballungsräume von Rhein und Ruhr fern sind und das Weserbergland beginnt, liegt Steinheim/Westfalen – 13.000 Einwohner und 600 Bahnreisende täglich.

Gemessen daran erwartet man eigentlich wenig mehr als einen zugigen Bahnhof mit Wartehäuschen und Ticketautomat. "Doch die Kleinstadt überrascht mit einem Bahnhof zum Verlieben, der alles hat", lobt Karl-Peter Naumann.

Er ist Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn und Jury-Mitglied des Eisenbahnlobby-Vereins Allianz pro Schiene, die den Titel Bahnhof des Jahres seit 13 Jahren an je zwei Vorbilder in Sachen Kundenfreundlichkeit und Wohlfühlfaktor verleiht. Mustergültig sei in Steinheim auch die Fahrgastführung, die Einbindung in die Stadt – all das barrierefrei und gepflegt.

Jury hat in NRW lange nach einem Bahnhofs-Schmuckstück gesucht

Ein Besuch beim "König der S-Bahnhöfe", wie die Allianz ihn nennt, bestätigt das Saubermann-Image. Das Pflaster auf den beiden Bahnsteigen ist so neu, dass sich kein festgetretener Kaugummi findet. Im frisch kernsanierten Glanz erstrahlt auch das Empfangsgebäude von 1929, darin ein Fahrradhotel, ein Kiosk, ein Restaurant. Am Fahrkartenschalter – in deutschen Bahnhöfen längst keine Selbstverständlichkeit mehr – ist ein DB-Mitarbeiter, der zugleich auch die Fahrdienstleitung innehat, in ein Beratungsgespräch vertieft.

Nach einem solchen Schmuckstück habe man in NRW lange suchen müssen, sagt Naumann. Seit 2004 wird die Auszeichnung je an einen größeren und einen kleineren Bahnhof vergeben – von den fast 700 Stück im bevölkerungsreichsten Bundesland war bis zu diesem Jahr noch keiner ausgewählt. "Im Großen und Ganzen sind die Bahnhöfe in Nordrhein-Westfalen deutlich dreckiger als im Rest der Republik", sagt Naumann. Vieler schöner Gebäude zum Trotz, gebe es eben auch oft Bahnhofsvorplätze, die die Stadt aufgegeben habe, Hinterausgänge, die dem Verfall überlassen werden, Unterführungen, die wie Klos riechen.

Die Bahn verweist auf ihre Modernisierungsoffensiven, in Zuge derer Land, Bund und DB bis 2019 mehr als 100 Bahnhöfe im Land ausbauen. Was die Sauberkeit betrifft, lässt die Bahn wissen, dass man jährlich mehr als 20 Millionen Euro in die Reinigung der Stationen stecke. Und: "Im Vergleich zu anderen, dünn besiedelten Bundesländern sind jeden Tag mehr als fünfmal so viele Menschen an einem Bahnhof unterwegs", teilt die Bahn mit. Nirgendwo anders gebe es so viele Großveranstaltungen, so viele Fußballspiele.

Stadt hat Gebäude gekauft und saniert

Das alles gibt es in Steinheim nicht. Spricht man mit den Verantwortlichen der Stadt, wird klar, was dennoch Antrieb war, die S-Bahn-Station zu etwas Besonderem zu machen: "Der Bahnhof war für uns die Basis für ein Stadterneuerungsprogramm", sagt Ralf Kleine, oberster Wirtschaftsförderer der Stadt. Früher stand der Bahnhof weitgehend leer, es regnete ins Dach, Decken waren eingebrochen. Die Bahn habe jahrelang nichts getan, um dem Verfall Einhalt zu gebieten.

Drumherum sah es nicht viel besser aus: Der Niedergang der Möbelmanufakturen, die der Stadt bis in die 1970er-Jahre Arbeit und Wohlstand beschert hatten, hatte in Form von Industriebrachen seine Spuren hinterlassen. Damit dort wieder Firmen mit Jobs ihren Sitz haben sollten, musste saniert werden – mit dem Bahnhof als zentralem Element.

So entschied die Stadt das Gebäude zu kaufen, suchte einen Investor.
Auch die Deutsche Bahn kam wieder an Bord, steckte 2,3 Millionen in die Bahnsteige. 1,3 Millionen zur Sanierung der Empfangshalle brachte der Investor auf, bekam noch 300 000 Fördergelder aus Stadtumbautöpfen dazu. "Wir wollten das Zepter des Handelns in der Hand behalten, weil wir am Besten wissen, was wir brauchen", erklärt Bürgermeister Carsten Torke das Engagement der Stadt. Jetzt jedenfalls gebe es alles, was das Pendler- und Touristenherz begehre. "Dazu morgens die Zeitung und den Coffee to go. Wie auf einem großen Bahnhof", sagt Torke stolz.

"Das ist auch ein Alleinstellungsmerkmal und damit Standortvorteil, der auch Familien und junge Leute überzeugt", so der Bürgermeister.
Für viele Steinheimer ist der Bahnhof das Tor aus der kleinen Stadt in die Welt: im Stundentakt rollt die S-Bahn von hier nach Paderborn oder Hannover.

(rent/lnw)
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