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Hilfloser Rentner in Bankfiliale
Bankkunden wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt

Bankkunden ignorieren hilflosen Mann: Staatsanwaltschaft erhebt Anklage
Die Polizei fahndete mit Bildern der Überwachungskamera nach den Verdächtigen. FOTO: dpa, obe htf
Essen. Sieben Monate nach dem Zusammenbruch eines alten Mannes in einer Bankfiliale hat die Staatsanwaltschaft Essen drei Männer und eine Frau wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Sie sollen den 82-Jährigen ignoriert haben, als er hilflos am Boden lag. Der Rentner starb später.

Die Verdächtigen seien zwischen 39 und 62 Jahre alt, sie stammen aus Essen und Oberhausen, sagte Oberstaatsanwältin Birgit Jürgens am Dienstag auf Anfrage unserer Redaktion. Bisher hätten sich nur zwei von ihnen zu den Vorwürfen geäußert. 

Diese sagten demnach aus, dass sie den Mann fälschlicherweise für einen Obdachlosen gehalten hätten. Obdachlose würden häufiger in der Filiale liegen und schlafen. Deshalb hätten sie sich nicht um den Mann gekümmert. Die beiden Beschuldigten bedauerten ihren Irrtum. Der Tod des Mannes tue ihnen leid, sagte Jürgens. 

Rentner bekam 20 Minuten keine Hilfe

Der Mann war am 3. Oktober 2016 im Vorraum der Bank in Essen zusammengebrochen. 20 Minuten lang hatte er keinerlei Hilfe bekommen, obwohl mehrere Personen im Raum waren. Das zeigen die Aufnahmen einer Überwachungskamera. 

Demnach betraten vier Kunden die Filiale, ohne sich um den hilflosen Rentner am Boden zu kümmern oder Alarm zu schlagen. Teilweise stiegen sie sogar über den 82-Jährigen, wie Fotos zeigen, die die Polizei anschließend veröffentlichte. 

Erst ein fünfter Kunde wählte den Notruf. Polizei und Rettungsdienst versorgten den Mann und brachten ihn in ein Krankenhaus. Aber der Rentner erlangte das Bewusstsein nicht wieder und starb einige Tage später im Krankenhaus. 

Bundesweites Entsetzen 

Ein Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft kam zu dem Ergebnis, dass der Mann wahrscheinlich auch gestorben wäre, wenn ihm früher geholfen worden wäre. Das könne sich auf das Strafmaß auswirken, am Vorwurf selbst ändere das nichts, sagte Jürgens. "Es bleibt unterlassene Hilfeleistung." Im Fall eines Urteils drohen den Angeklagten Haftstrafen von bis zu einem Jahr. Die Identität der vier Verdächtigen konnte die Polizei anhand der Bankdaten ermitteln. 

Der Fall hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt und eine Debatte über eine Verrohung der Gesellschaft ausgelöst. "Ich bin fassungslos. Wie kann man nur an jemandem vorbeilaufen, der doch wohl ganz offensichtlich Hilfe zu brauchen scheint?", fragt damals ein Nutzer.

(lnw)
 
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