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Zuschauer bei Feuerwehreinsatz in Duisburg
"Bei den meisten Gaffern ist es schlicht Dummheit"

Zuschauer bei Feuerwehreinsatz in Duisburg: "Bei den meisten Gaffern ist es schlicht Dummheit"
Immer wieder werden Rettungskräfte von Schaulustigen behindert (Symbolbild). FOTO: Bastian Königs
Düsseldorf . Unter den Blicken von 300 Schaulustigen musste die Feuerwehr in Duisburg vergangene Woche einen Rettungseinsatz ausführen. Warum Menschen zu Gaffern werden – und wie man das Problem in den Griff bekommt, erklärt Adolf Gallwitz, Professor für Polizei-Psychologie. Von Susanne Hamann

Herr Gallwitz, vergangene Woche sahen der Feuerwehr in Duisburg rund 300 Schaulustige bei der Arbeit zu. Der Leiter der Feuerwehr, der bei dem Einsatz dabei war, sagte im Gespräch, diese großen Ansammlungen seien für ihn ein recht neues Phänomen. Sehen Sie das auch so?

Adolf Gallwitz Zuerst einmal muss man sagen, dass es nicht wirklich ein neues Phänomen ist. Die Einsatzkräfte in Duisburg haben Glück gehabt. In Baden-Württemberg hatten wir beispielsweise schon bei dem schweren Busunglück in Bad Dürrheim 1994 so eine große Zahl von Schaulustigen, dass sogar Wurstbuden aufgemacht worden sind.

Was ist damals passiert? 

Gallwitz Damals gab es ein Busunglück auf der Autobahn mit 21 Toten, deren Leichen bei dem Unfall in Stücke gerissen worden sind. Deshalb dauerte der Einsatz mehrere Tage, es wurde sogar eine Eishalle angemietet, um die einzelnen Leichenteile dort lagern und die Opfer identifizieren zu können. Vor der Absperrung des Unfallgeländes haben sich hunderte Menschen versammelt und jedes Auto, das rein- und rausfuhr blockiert, um einen guten Blick auf die Leichen zu bekommen.

Adolf Gallwitz ist Professor für Polizei-Psychologie an der Hochschule Polizei Baden-Württemberg. FOTO: Hochschule Polizei Baden-Württemberg

Was ist die Ursache für so ein Verhalten?

Gallwitz Die Grundursache ist schlicht die menschliche Neugier. Das ist gar nichts Ungewöhnliches. Das gehört einfach zum Menschen dazu. Der zweite wichtige Grund ist eine gewisse Ekelgier. Also das Bedürfnis, sich Verletzungen und schlimme Situationen anzugucken, in der Hoffnung, dass es einem selbst niemals passiert. Man guckt quasi in den Abgrund, ohne selbst in Gefahr zu sein. Eine neue Dimension bekommt das alles aber durch Smartphones und das Internet. 

Inwiefern?

Gallwitz Mit den Smartphones kann man sofort alle Erlebnisse mit seinen Freunden teilen. Es bekommt also eine andere Relevanz, Dinge mitzuerleben. Man will sagen können: "Und da bin ich dabei gewesen" - selbst wenn es ein schlimmer Unfall war. Leider zeigen die Schaulustigen dabei eine völlig neue Form von Rücksichtslosigkeit.

Wie zeigt sich das? 

Gallwitz Manchmal stehen die Gaffer schon mit einem Bein halb im Notfallkoffer des Arztes. Die Einstellung ist ganz klar: "Ich habe das Recht auf Meinungsbildung in der Öffentlichkeit, und da lasse ich mir von niemandem reinreden und auch von niemandem etwas gefallen." Das gilt leider auch dann, wenn die Rettungskräfte um mehr Platz zum Arbeiten bitten. Die eigene Sensationsgier wird also über das Wohl der Allgemeinheit gestellt. Dabei ist das meist nicht mal böse gemeint. Ich denke, die meisten machen den Rettungskräften das Leben aus Dummheit schwer und aus Unwissenheit darüber, wie Polizei und Feuerwehr arbeiten. 

Kann man solche Menschenansammlungen und dieses rücksichtslose Verhalten irgendwie verhindern?

Gallwitz Verhindern kann man das meiner Meinung nach nicht. Vielmehr muss man sich an den Umgang mit Schaulustigen gewöhnen. Oder besser gesagt, man muss sich darauf vorbereiten. Das bedeutet, dass es nicht nur einen Pressesprecher geben muss, sondern dass die verschiedenen Rettungskräfte ein eigenes Team brauchen, das sich um die Gaffer kümmert. Die sie also aus dem Weg räumen und Platzverweise verteilen. 

Was bewirkt man mit einem Platzverweis?

Gallwitz Wenn derjenige noch einmal an dem Ort erwischt wird, dann wird er wegen einer Ordnungswidrigkeit angezeigt und mit einem Bußgeld belegt. Das muss natürlich so hoch sein, dass es weh tut, um einen Lerneffekt zu erzielen. Und man muss sich klar sein, dass es Jahre dauert, bis sich das wirklich etabliert hat. 

Sie haben am Anfang unseres Gesprächs gesagt, dass die Duisburger Feuerwehr im aktuellen Fall Glück hatte. Wieso glauben Sie das?

Gallwitz Sie hatte Glück, weil die Menschen nicht aggressiv waren. Ich arbeite sowohl mit der Polizei als auch mit der Feuerwehr zusammen, und wir sind ja schon froh, wenn keiner versucht uns körperlich anzugreifen.

Aber könnte das nicht eine regionale Sache sein?

Gallwitz Nein. Dass Schaulustige übergriffig werden, finden Sie von Freiburg bis hoch nach Sylt. Dort haben erst Ende 2016 Schaulustige die Brötchen gegessen, die bei einem Großbrand von einer Bäckerei für die Rettungskräfte zur Verfügung gestellt wurden. Als man sie darauf ansprach, wurden sie noch patzig und fragten, wo die Getränke seien. Jetzt stellen Sie sich eine Menschenmenge von 250, 300 Leuten vor, da reicht schon einer, der Sachen ruft wie: "Ey, was soll das, die haben mich beiseite gestoßen. Ich hab das Recht hier zu gucken" - und schon wirkt die Gruppendynamik und die Stimmung kippt ins Aggressive. 

(ham)
 
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