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NRW
Bielefeld – das gibt's doch gar nicht

NRW. Morgen ist das Kino Cinemaxx in Bielefeld Schauplatz eines denkwürdigen Medienereignisses. Dort sind in einer Pressevorführung die ersten geschnittenen Bilder eines Filmes zu sehen, der verspricht, ein raffiniertes Komplott aufzudecken: die Bielefeld-Verschwörung. Von Ansgar Mönter

Es muss an dieser Eigenart der Einheimischen liegen, bloß kein Aufsehen zu erregen und immer schön die Oberlippe steif zu halten. Bielefelder haben auch Gefühle, sie zeigen sie nur nicht andauernd. Dort wispern sich Liebende statt einem rührigen "Ich liebe dich" lieber ein beiläufiges "So ganz schlecht finde ich dich nicht" zu. So viel zum Klischee, an dem erstaunlich viel dran ist. So traf es wohl genau die richtige Stadt, als ein Informatikstudent aus Kiel sich vor 16 Jahren den Spaß erlaubte und das Internet mit einer Verschwörungs-Theorie fütterte. Seine Behauptung: Bielefeld gibt es gar nicht. Eine Illusion, nichts als eine virtuelle Kulisse, das Ergebnis einer arglistigen Täuschung.

Dieser Witz samt Begründung hat mittlerweile eine enorme Berühmtheit erlangt, Schriftsteller-, Satiriker- und Kabarettisten-Hirne gefüttert und nun dafür gesorgt, dass ein Film über die Bielefeld-Verschwörung gedreht wird und gerade ein Buch dazu erschienen ist.

"Das war doch alles nur ein Jux", sagt ein staunender Achim Held (41) aus Kiel, Erfinder der Theorie, als er zu den Dreharbeiten für den Film "Die Bielefeld-Verschwörung" 2009 nach Bielefeld kommt. Niemals hätte der Software-Ingenieur gedacht, dass seine Idee einen solchen Widerhall findet. Und sie wächst von Jahr zu Jahr: John F. Kennedy soll in Bielefeld versteckt sein, eine Ufo-Sekte, der schwedische Geheimdienst und natürlich Elvis Presley haben ebenfalls ihre Finger tief drin stecken in der Matrix Bielefeld.

Zunächst ignorierte der Bielefelder – so ist er halt – die Verschwörungstheorie in eigener Sache, dann ärgerte er sich heimlich ein bisschen darüber, mittlerweile aber begreift er sie als Markenzeichen. Sogar die Marketing-Abteilung der 325 000-Einwohner-Stadt wirbt nun offensiv mit dem Spaß und unterstützt das Filmprojekt der Bielefelder Universität.

Warum auch nicht. Neben dem Immer-mal-wieder-Fußballbundesligisten Arminia Bielefeld und dem Pudding- und Pizza-Imperium Dr. Oetker gibt es kaum etwas, was die Stadt, die es sonst nicht gibt, zum Gesprächsthema macht. Vor allem das satirisch-kabarettistische Personal in Deutschland greift die Theorie mit Lust auf. Wobei – das muss ausdrücklich erwähnt werden – zahlreiche dieser Spaßmacher tatsächlich aus Bielefeld kommen oder zumindest dort mal gewohnt haben. Zum Beispiel Ingolf Lück, Wiglaf Droste, Dietmar Wischmeyer und Hans Zippert. Das also gibt es auch in Bielefeld: Humor. Einen speziellen, gerne selbstironischen und selbstsatirischen. So liegen die Ursprünge des Satire-Magazins "Titanic" logischerweise in Bielefeld. Dort erschien die Vorläufer-Postille.

Produzent des Films ist Fabio Magnifico, Dozent für Medienpädagogik an der Universität Bielefeld. Er verspricht einen "Agenten-Thriller im Stil von James Bond". Der 80-Minuten-Streifen klärt auf, warum Bielefeld in Straßen-Atlanten auftaucht und bei Google-Maps; und warum tausende Autos mit gefälschten BI-Kennzeichen durchs Land geschickt werden. "Dieser Mythos ist einzigartig auf der Welt", sagt Magnifico.

Wie der Film ausgeht, ist streng geheim. Die Welt wird noch 85 Tage warten müssen, bis das Rätsel gelöst wird. Auch die Frage, ob es Bielefeld denn wenigstens im Film tatsächlich gibt, soll nicht einmal auf einer für morgen anberaumten Presse-Vorführung im Premierenkino beantwortet werden.

Und wie reagiert der Bielefelder auf den Hauch von Hollywood, der sich anschickt, über die Höhen des Teutoburger Waldes zu wehen? Er bleibt cool. Er weiß schließlich, was er an seiner Großstadt hat, die vom unwissenden Rest der Republik verschmäht wird: ungewöhnlich viel Grün, ein anständiges Mittelgebirge mittendrin, eine echte Burg, nie Naturkatastrophen, keine Menschen, die einen schon morgens beim Bäcker zutexten – und einen beruhigend großen Abstand zum karnevalsgeschüttelten Rheinland. Da wird selbst die Nicht-Existenz zum Werbefaktor.

Quelle: RP
 
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