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Bonn-Center wird gesprengt
Mein Büro im "Bonn-Center"

Bonn-Center wird gesprengt: Mein Büro im Bonn-Center
Das Bonn-Center in Bonn. Am Sonntag wird es gesprengt. FOTO: dpa, obe jai
Düsseldorf. Am Sonntagnachmittag wird das "Bonn-Center" Geschichte sein. Das Hochhaus wird gesprengt, weil es nicht mehr genutzt wurde. Unser Autor erinnert sich an bessere Zeiten. In den 90ern hat er in dem Gebäude gearbeitet - und war dort mitten in der damaligen Hauptstadt. Von Martin Kessler

An meinem Arbeitsplatz hatte ich als politischer Korrespondent die richtige Übersicht. Von weithin grüßte der Lange Eugen, etwas näher das Hochhaus Tulpenfeld und gewissermaßen über die Straße, die Adenauer-Allee, das moderne Bundeskanzleramt mit der auberginebraunen Metallfassade. Wir residierten damals als Parlamentsredaktion der Wirtschaftswoche im 13. Stock – also ziemlich weit oben. Wenn ich auf die Toilette musste, hatte ich den Blick auf den zentralen Schienenstrang, der mitten durch Bonn führte, und von dem die Einheimischen zu berichten wussten, dass er dafür verantwortlich war, dass fast immer die Schranken in Bonn geschlossen waren (oder es regnete).

Fünf Jahre von 1992 bis 1997 arbeitete ich als Korrespondent für Wirtschaft, Umwelt und Energie in unserem damaligen Team. Klaus Töpfer, Angela Merkel, Jürgen Möllemann und Günter Rexrodt hießen die Minister, mit denen ich fast dauernd zu tun hatte. Und weil die Wirtschaftswoche in Wirtschaftsfragen nicht ganz unwichtig war, bequemten sich die Ressortchefs des Öfteren in die 13. Etage, um mit uns Journalisten "Hintergrundgespräche" zu führen, bisweilen auch offizielle Interviews.

Sauna und Flipper am Arbeitsplatz

Auch für Entspannung war im Bonn-Center gesorgt. Nicht so sehr in der Sauna "für Bürger und Beamte beiderlei Geschlechts". Dafür war leider keine Zeit in der ständigen Bonner Hektik. Schon eher durch den Flipper-Automat, der in unserem Büro stand und zu manchem Duell mit unseren Gästen verführte. Nicht immer blieben wir Journalisten Sieger. Manch Abgeordneter oder Staatssekretär legte ein erstaunliches Geschick an den Tag.

Das Bonn-Center sollte der Bundeshauptstadt am Rhein urbanes Flair vermitteln. Tatsächlich war dort ein geschäftiges Kommen und Gehen, viele Lobby-Verbände, ein Hotel und etliche Medien fanden dort ihre Räume. Auch die TV-Kollegen von Sat1 sendeten gern von der Terrasse des Gebäudekomplexes oder veranstalteten auf dem Hof ihre rauschenden Sommerfeste.

"Hier spielt die Musik"

Ich fuhr gern ins Bonn-Center, in die Tiefgarage, wo die Wirtschaftswoche für uns Parkplätze gemietet hatte. Dann ging es mit dem Aufzug nach oben, die meditative Ruhe vor dem Arbeitsbeginn. Oben die lichten Büros, der Leiter der Parlamentsredaktion hatte ein größeres Zimmer als der Chefredakteur in der Zentrale in Düsseldorf. Wir Korrespondenten – fünf an der Zahl – waren frei. Auf Recherche, unterwegs im Bundeshaus und den Ministerien, in "Ossi's Bar", dem Presseclub oder einem der vielen Restaurants, in denen man Spitzenpolitiker oder Lobbyisten treffen und Kollegen bei der gleichen Arbeit beobachten konnte. Bonn war überschaubar, und das Bonn-Center ganz nah an den Entscheidungsorten. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad war alles erreichbar. Nur in die entfernteren Ministerien ging es im Auto.

Das Bonn-Center war ein Erlebnisort für einen jungen Korrespondenten wie mich damals. Ich hatte das Gefühl, in einer richtigen Hauptstadt zu arbeiten. "Hier spielt die Musik", pflegte ein Kollege zu sagen. Er hatte Recht - bis der große Umzug kam.

Unser Autor war von 1992 bis 1997 Parlamentskorrespondent der Wirtschaftswoche in Bonn, danach Finanzkorrespondent der "Rheinischen Post" bis zum Umzug im Jahr 1999.

 
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