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Prozess um gepanschte Krebs-Medikamente
Das Schweigen des Apothekers

Apotheker aus Bottrop wegen Krebs-Mitteln vor Gericht
Apotheker aus Bottrop wegen Krebs-Mitteln vor Gericht FOTO: dpa, ve fgj
Der Bottroper Apotheker Peter S. soll in zehntausenden Fällen Krebs-Medikamente gepanscht haben. Am Montag begann nun der Prozess gegen ihn. Sein Schweigen zu den beispiellosen Vorwürfen bricht er auch vor Gericht nicht. Wirbel gab es um einen der Schöffen. Von Tobias Jochheim, Essen

Staatsanwalt Rudolf Jakubowski leiert, als er im Saal 101 des Essener Landgerichts die Anklageschrift verliest. Zwangsläufig. Es sind menschenverachtende Verbrechen, die im Raum stehen: Medikamentenpanscherei auf Kosten von Krebskranken. Systematisch und zehntausendfach in den Jahren von 2012 bis 2016. Zeitgleich trat der Angeklagte als Großspender für ein örtliches Hospiz auf und warb mit dem Slogan "Weil Gesundheit ein Geschenk ist."

Trotz alledem aber kann der Staatsanwalt nicht anders, als ins Leiern zu geraten. Denn die Liste mit Vorwürfen gegen den Bottroper Apotheker Peter S. ist mehr als 800 Seiten lang. Der Einfachheit halber werden die Tabellen, die die Seiten 9 bis 783 der Anklageschrift füllen, in extrem geraffter Form vorgetragen. In trotzdem nicht enden wollenden Zahlenketten referiert der Staatsanwalt deshalb vor allem über Dreierlei: Erstens, in welchem Maße Peter S. welche Medikamente unterdosiert haben soll - bis zu 80 Prozent bei rund 35 meist sehr teuren Wirkstoffen. Zweitens, wie viele Chemotherapien er in den fünf Jahren gepanscht haben soll und mit welchem Profit. Mehr als 60.000 sind es, der Gesamtschaden für die Krankenkassen beträgt rund 56 Millionen Euro.

"Minus einhundert Prozent"

Dann verliest Jakubowski eine beispielhafte Auswahl von rund 60 Fällen: Wirkstoff, verschriebene Dosis, tatsächlich enthaltene Dosis (mehrmals fällt hier der Halbsatz "minus einhundert Prozent", sprich: null), Name des Patienten. Allein dieses aufs Minimum verdichtete Stakkato der grundlegendsten Fakten dauert eine Dreiviertelstunde.

Die Anwälte blättern währenddessen in ihren Unterlagen, die Journalisten werden unruhig, weil scheinbar noch nichts Berichtenswertes geschehen ist. Die Betroffenen-Sprecherin Christine Piontek vergräbt irgendwann kopfschüttelnd ihr Gesicht in den Händen. Die vier Verteidiger des Angeklagten gähnen ab und zu, einer nimmt einen Schluck von seiner Cola light. Und Peter S., der Mann, dessen mutmaßliche Untaten all diese Seiten füllen, den vor der Prozesseröffnung am Morgen um kurz nach halb zehn knapp 50 Journalisten fotografiert und gefilmt hatten? Er sitzt da, so ausdruckslos, als habe er mit alledem nichts zu tun.

Einer der Schöffen war selbst Apotheker in Bottrop

Die Anwälte der als Nebenkläger zugelassenen kleinen Auswahl von S.' mutmaßlichen Opfern gehen am Vormittag sofort in die Offensive: Einer der drei Schöffen sei befangen, weil er, wie es der Zufall will, selbst jahrelang eine Apotheke in Bottrop betrieben hatte und nach Ansicht der Anwälte somit zum Bekanntenkreis des Angeklagten zähle. Schließlich stellte sich auch noch heraus, dass seine Frau ebenfalls krebskrank ist und bei einem S. nahestehenden Onkologen in Behandlung war.

Vor allem aber sei S. neben Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz, Kassenbetrug und Körperverletzung unbedingt auch eine Tötungsabsicht zu unterstellen. So weit hatte sich die Staatsanwaltschaft nicht vorgewagt. Um halb zwölf wird die Verhandlung daher vertagt. 

Falls das Gericht dem Antrag der Nebenkläger stattgibt, würde es sich selbst für nicht zuständig erklären. Dann müsste statt der zur Hälfte mit Schöffen besetzten Wirtschaftsstrafkammer Essen ein Geschworenengericht übernehmen. Damit wäre dann auch die erste Einlassung von S.' Verteidigern gegenstandslos: eine Viertelstunde lang hatten diese erschöpfend versucht darzulegen, dass eine Formalie bei der Wahl eines der anderen drei Schöffen nicht beachtet worden sei.

Betroffene teils schwer gezeichnet

Den Prozessauftakt beobachten mehrere Nebenkläger, die nach Bezug der von Peter S. angemischten Medikamente teils Angehörige an den Krebs verloren haben, und teils selbst schwer gezeichnet sind.

"Die kämpfen natürlich mit allen Mitteln", sagt Heike Benedetti (56), Dekorationsnäherin aus Bottrop, die seit 2014 an Brustkrebs leidet. "Überraschend ist das ja nicht, aber erschrecken tut es mich trotzdem." In der Nacht vor dem Prozessauftakt hat sie nur drei Stunden geschlafen, und in denen hatte sie Alpträume. Die 15-monatige Behandlung mit S.' Chemotherapien hat ihr Leiden nicht gelindert - mutmaßlich, weil sie unterdosiert waren, vielleicht um 80 oder 90 Prozent. Mit neun Mitpatientinnen hatte sie sich zu den "Onko-Mädels"-zusammengeschlossen, halb Selbsthilfegruppe, halb Freundeskreis - benannt nach der Onkologie, der Krebsheilkunde.

Schwarzer Humor

Fünf davon sind in den vergangenen Monaten gestorben. Benedetti will Gerechtigkeit für sie. Kraft dazu gibt ihr die Familie, vor allem ihre drei Monate alten Enkelinnen. Und die anderen Betroffenen. Die, die einfach mitlachen, wenn sie einen Witz macht wie "Wenigstens war die Chemotherapie stark genug, um mich etwas jünger aussehen zu lassen." Weil schwarzer Humor das einzige ist, woran sie sich klammern konnten in dem knappen Jahr, seit Peter S. in Untersuchungshaft sitzt und schweigt.

Einerseits hofft Benedetti darauf, dass sich S. auch wegen versuchter Tötung wird verantworten müssen. Andererseits weiß sie, dass das wieder große Verzögerungen zur Folge hätte. Dass es Zeit kosten würde, die sie nicht haben. Ihre neue WhatsApp-Gruppe "Zyto-Skandal" hat 14 Mitglieder. Das Urteil werden wohl nicht alle erleben.

Die Verhandlung wird am Dienstag fortgesetzt. Dann soll zumindest über die Verfahrensfragen entschieden werden, die am Montag aufgeworfen, aber nicht geklärt wurden.

 
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