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Neben der Spur
Boxer, Döner und Duftbäume in Sinsen

Neben der Spur: Boxer, Döner und Duftbäume in Sinsen
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Marl-Sinsen. In Marl-Sinsen kann man nicht gut Kaffee trinken oder essen gehen. Aber es gibt unfassbar nette Menschen dort. Von Philipp Holstein

Über die Wochenenden fuhr ich als Student in den ersten Semestern zumeist nach Hause, weil das alle meine Freunde damals so machten, und an fast jedem Freitag stand ich also auf der A 43 bei Marl-Sinsen im Stau. Ich nahm mir immer mal wieder vor, in Marl-Sinsen abzufahren und von dort eine SMS an jemanden zu senden, den ich mag. "Ich wollte dir mal simsen aus Marl-Sinsen", wäre der Text gewesen, aber ich habe das dann doch nie gemacht.

Nun fahre ich erstmals hin nach Marl-Sinsen und nicht bloß dran vorbei, Ziel statt Transit also, und ich tue es im Regionalexpress. Vor mir sitzt ein Mann mit Bierflasche in der Hand, er sagt jede Station an, macht eine Performance daraus. Er ruft "Deusbusch" in Duisburg und "Essen-ßen-ßen" in Essen. In Gelsenkirchen sagt er "Auf Schal-kööh", und obwohl ich etwas zu lesen mitgenommen habe, kann ich mich nicht auf den Text konzentrieren, weil ich so gespannt bin, was er in Marl-Sinsen sagen wird. Leider sagt er gar nichts, er schweigt, zu diesem Ort fällt ihm nichts ein.

Der Bahnhof, der aus einem Bahnsteig mit zwei Gleisen besteht, hat nur einen Ausgang. Man kann entweder links die Straße runtergehen oder rechts. Ich gehe links. Erster Eindruck: Menschen trauen sich hier nur im Auto auf die Straße. Ich gehe und gehe und treffe niemanden. Ich komme an einem Aldi vorbei, an einem Penny und einem Netto. Auf dem Parkplatz vor dem Netto stehen die meisten Autos. Auf ihre Parkplätze sind sie hier übrigens stolz: "Rund 280 kostenfreie öffentliche Parkmöglichkeiten bestehen in Sinsen", heißt es auf der Homepage der Stadt. Es beginnt zu regnen, ich flüchte ins Pfarrhaus.

Dort bereitet Bärbel Vollmar inmitten von dunkelbraunem Mobiliar ein Mittagessen für Bedürftige vor. Kartoffelsalat mit Wienern und danach grüner Wackelpeter für 70 Cent. Bärbel Vollmar ist eine herzliche Frau, die vor 35 Jahren aus Münster herzog, weil ihr Mann, ein Beamter, versetzt wurde. "Als ich ankam, habe ich einen Schreck gekriegt und gedacht: Hier will ich nicht hin", sagt Bärbel Vollmar. Sie lacht, sie ist 63 und fühlt sich inzwischen ziemlich wohl. "Die Menschen sind nett hier", sagt sie, "so offen." Ein Schlaf-Ort sei das, von dem man morgens aufbreche zur Arbeitsstelle im Ruhrgebiet. Und wohin gehen Sinsener, wenn sie Lust auf Gespräche haben, wo trinkt man Kaffee? "Beim Bäcker hinter der Unterführung gibt es eine Kaffeemaschine", wirft Rosemarie Schmitz ein, die hier auch mithilft. Nirgendwo ein richtiges Café? Schulterzucken. Wo muss man denn hin, wenn man über Marl-Sinsen schreiben möchte? Bärbel Vollmar überlegt. "Das Gewerbegebiet ist gut", sagt sie. Und was gibt es da? "Einen Fischfritzen, eine Autowerkstatt." Ohne Auto ist es schlecht hier, oder? "Ja, ein Auto muss man haben. Die meisten Familien haben zwei. Sonst kommt man nicht weg."

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Es nieselt nur noch, ich gehe weiter, und weil die Halterner Straße von den freundlichen Menschen im Pfarrhaus als sehenswürdig eingestuft wurde, gehe ich einfach mal hin. Dort gibt es einen Boxer-Club, also einen Verein für die Freunde dieser Hunderasse. Zweiter Vorsitzender ist Wolfgang Karle. Warum Boxer? "Das ist ein Familienhund. Mittelgroß. Ein treuer Genosse", sagt Karle. Was Marl-Sinsen lebenswert macht, möchte ich wissen. "Gute Frage", entgegnet Karle. Er ist 74 und wirkt zugewandt, freut sich über jede Frage. "Sinsen ist ein idealer Wohnbezirk", antwortet er schließlich. Und: "Sinsen ist waldreich." Berühmt ist die Haardklinik für Jugendpsychiatrie, oder? "Ja, aber die ist weit hinten im Wald."

Zurück am Bahnhof, an den man auf wundersame Weise immer zurückkehrt, wenn man Sinsen durchschreitet, merke ich, dass ich zu Anfang vielleicht besser rechts abgebogen wäre. Dort gibt es einen Dönerladen, eine Spielhalle, einen Friseur und einen Asia-Imbiss, zudem eine Anwaltskanzlei, weitere Parkplätze und einen Menschen, der aus seinem Auto steigt. Er trägt eine Baseball-Cap und heißt Nico. "Das ist die Einkaufsstraße von Sinsen", sagt er und benutzt ganz arglos den Ausdruck "Sinsen-Zentrum", was unfassbar rührend wirkt und sympathisch. Als ich verrate, dass ich über Sinsen schreiben möchte, entgegnet er: "Wenn du über Sinsen mehr als eine Seite zusammenbekommst, kriegst du Lob von mir."

Er bietet an, mich in seinem Audi A3 mitzunehmen: Stadtrundfahrt. "In Sinsen kannst du gut Lebensmittel und Zigaretten kaufen", sagt er. "Sonnenstudios gibt es auch: Als Käse muss man hier nicht leben." Komplizenhaftes Grinsen. Wir hören deutschen HipHop: "Ah, ich komm in die große Stadt, schein wie ein Polarlicht / Kämpfe gegen Goliath alleine, so wie David / Kein Problem, ich fahr mit Panzer durch die City / Einfach, weil das HipHop ist, wie Tanzen und Graffiti", singt der Rapper MoTrip. Am Rückspiegel pendelt ein Vanille-Duftbaum.

Nico erzählt vom Fußballverein Tus 05 Sinsen, der es in die Westfalenliga geschafft hat, von seinen Eltern, die einst aus Bochum hergezogen sind, weil sie keine Lust mehr auf Großstadt hatten. Und davon, dass er hier nicht weg will. Jungsgespräche, großes Einverständnis. Wir schweigen, Regen prasselt gegen die Windschutzscheibe, die Fassaden der Häuser zerrinnen, und Sinsen ist plötzlich total schön.

Wir fahren mehrere Tage im Kreis, und nach einer halben Stunde setzt mich Nico am Bahnhof ab. Ich bedanke mich. Nico entgegnet: "Kein Problem, hat mich ja jetzt nicht 100 Euro gekostet oder so." Eigentlich wäre das jetzt der Moment, in dem man vorschlägt, etwas trinken zu gehen. Mir fällt die Bäckerei ein, wo es eine Kaffeemaschine geben soll, aber die hat bestimmt schon zu.

Auf der Rückfahrt beschließe ich, irgendwann ein Café in Marl-Sinsen zu eröffnen, wo sich all diese netten Menschen treffen können. Ich würde es "Sinsen-Zentrum" nennen.

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