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Brauchtum in NRW
Sankt Martin hat in der Stadt zu kämpfen

Brauchtum in NRW: Sankt Martin 2017 hat in der Stadt zu kämpfen
In Emmerich wird die Martinsgeschichte jedes Jahr in der Innenstadt aufgeführt. FOTO: andreas endermann
Düsseldorf. Das Brauchtum zu Sankt Martin soll immaterielles Kulturerbe der Unesco werden. Am heutigen Freitag treffen sich deshalb 70 Martinsvereine. Besonders beliebt ist die Legende des Heiligen Martin auf dem Land. In Städten nimmt offenbar die Akzeptanz ab. Von Christian Schwerdtfeger

27 Jahre lang war René Bongartz der arme Mann in Viersen-Bockert. Mit 16 Jahren schlüpfte der heute 48-Jährige zum ersten Mal in die Rolle des Bettlers, der vom Heiligen Martin der Legende nach die Hälfte des Militärmantels geschenkt bekommen hat. "Mein Vater war damals Vorsitzender des örtlichen Martinvereins und hat mich gefragt, ob ich das machen kann", sagt Bongartz.

"Ich habe mir dann einen Bart angeklebt. Und seitdem war ich der arme Mann." Die Rolle des St. Martin kam für ihn nie in Frage – Bongartz kann nicht reiten. Aber das sei auch nicht so wichtig. Entscheidend sei vielmehr, worum es in der Martinsgeschichte geht. Um Nächstenliebe. Ums Miteinander. Und ums Teilen.

Die schwierige Suche nach freiwilligen Helfern

Eine Tradition mit klarer Botschaft, die allerdings in Großstädten nicht mehr überall gleich viel Gehör zu finden scheint. "Es gibt eine Tendenz, dass dort die Akzeptanz in der Bevölkerung für das Fest abnimmt", sagt Bongartz. So sei es für die Martinsvereine zunehmend schwieriger, jedes Jahr aufs Neue ausreichend freiwillige Helfer zu finden, die zum Beispiel den Zug absichern oder im Vorfeld Spenden sammeln.

Manche Anwohner seien genervt von den Zügen und den Straßensperren, die dafür nötig sind. Auch der Polizei fehle es manchmal an Personal, um die Straßen abzusichern. "Es ist schon vorgekommen, dass die Polizei absagen musste, weil die Kräfte an anderer Stelle benötigt wurden."

Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, soll die rheinische Tradition der Martinszüge immaterielles Kulturerbe der Unesco in Deutschland werden. Begonnen habe sie 1867 mit dem Umzug in Viersen-Dülken, sagt Bongartz. Dazu gehöre fast immer der reitende Martin, der am Ende seinen Mantel teilt, Lichterumzug, Martinsfeuer und die Gabe an die Kinder.

"Die Tradition wird gerade in Kitas bewusst begangen"

Gemeinsam mit seinem Mitstreiter Jeya Caniceus will Bongartz bis Ende Oktober einen Antrag bei der Unesco-Kommission einreichen. An diesem Freitag treffen sich deshalb Vertreter von mehr als 70 Martinsvereinen aus dem ganzen Land, um sich über das Vorhaben auszutauschen. Ob diese Tradition nach dem rheinischen Karneval und der Flussfischerei an der Sieg-Mündung als drittes Kulturgut in NRW ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wird, entscheidet sich dann im nächsten Jahr. Bongartz ist davon überzeugt: "Schließlich gibt es bei uns in jedem kleinen Weiler einen Martinsumzug", sagt er.

Der Gedenktag des heiligen Martin von Tours ist der 11. November. Der Legende nach begegnete ein Soldat namens Martin an einem Wintertag in Amiens einem armen, unbekleideten Mann. Außer seinen Waffen und seinem Militärmantel trug Martin nichts bei sich. In einer barmherzigen Tat teilte er seinen Mantel mit dem Schwert und gab eine Hälfte dem Armen.

In der folgenden Nacht sei ihm dann im Traum Christus erschienen. In jedem Kirchenjahr sei deshalb der Martinszug eine feste Größe, sagt Thomas Throenle, Sprecher des Erzbistums Paderborn. "Die Tradition wird gerade in Kindertageseinrichtungen bewusst begangen und auch mit den Kindern anderer Konfession und Religion katechetisch-pädagogisch behandelt", betont Throenle.

 "Es gibt Veranstalter, die sagen: Wir schaffen das so nicht mehr" 

Zu schaffen machen den Vereinen allerdings zum Teil die verschärften Sicherheitsauflagen. So müssten mancherorts Veranstalter eine Erklärung abgeben, dass sie über eine Haftpflichtversicherung für das Pferd verfügen. Eine ausreichende Zahl an Ordnern muss ebenfalls immer vorhanden sein. Auch darf der Reiter nicht mehr minderjährig sein. Deshalb resignieren bereits einzelne Vereine in Großstädten.

"Weniger Akteure, weniger Akzeptanz und dann noch bürokratische Knüppel, die einem zwischen die Beine geworfen werden. Es gibt Veranstalter, die sagen: Wir schaffen das so nicht mehr", stellt Bongartz fest. In Viersen beispielsweise, sagt ein Sprecher der Stadt, gebe es vor allem bei traditionellen Martinsvereinen Probleme, die erforderliche Zahl an Helfern beim Spendensammeln und Tütenpacken zu finden. Deshalb seien schon Züge ausgefallen.

250 Martinszüge etwa in Mönchengladbach angemeldet

In den Kommunen laufen die Planungen für das Martinsfest langsam an. Nach und nach gehen die Anmeldungen für die Züge ein. Auch mögliche Terroranschläge mit Lastwagen wie in Barcelona, Berlin und Nizza spielen bei der Erstellung der Sicherheitskonzepte in diesem Jahr eine Rolle. In Mönchengladbach sind bereits 250 Martinszüge angemeldet. "Die Sicherheitsvorkehrungen sind im Vergleich zu den Vorjahren unverändert und beziehen sich in erster Linie auf die Verkehrssicherheit", so ein Stadtsprecher.

In Kleve heißt es, dass ein Sicherheitskonzept für Züge nicht erforderlich sei. Anders in Krefeld. Dort wird das Sicherheitskonzept – wie bei jeder Großveranstaltung – den aktuellen Lagen angepasst. "Jeder Umzug wird im Einzelfall geprüft", sagt ein Stadtsprecher. In Duisburg setzen sich Ende des Monats Vertreter von Polizei, Straßenverkehrsbehörde, Ordnungsamt und Feuerwehr zusammen, um über mögliche verschärfte Sicherheitsvorkehrungen zu beraten. Bislang sei aber nichts geplant.

Nach 27 Jahren war für René Bongartz Schluss mit der Rolle des Bettlers in Viersen-Bockert, weil er dort wegzog. An seinem neuen Wohnort in Brüggen fand er eine neue Martins-Familie, den Verein Alst-Angenthoer. "Da bin ich im nächsten Jahr wieder der arme Mann."

 
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