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Joachim Gauck in Bonn
Von Wehmut oder Amtsmüdigkeit keine Spur

Bundespräsident Gauck besucht Integration Point
Bundespräsident Gauck besucht Integration Point FOTO: dpa, bt lre ve
Bonn. Joachim Gauck ist am Freitag zu Gast in Bonn, um mit Flüchtlingen über ihre Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu sprechen. Kurz nach der Bekanntgabe des Rückzugs ist von Wehmut oder gar Amtsmüdigkeit in der alten Hauptstadt nichts zu spüren.  Von Franziska Hein

"Ich will keine Vorträge halten, ich will zuhören." Diese Aussage des deutschen Staatsoberhaupts fasst  den Besuch im Bonner Jobcenter ziemlich gut zusammen. Und den Habitus des Zuhörers beherrscht Joachim Gauck.

Draußen vor den Fenstern des Bonner Jobcenters fahren die Busse auf der Rochusstraße vorbei. Drinnen stützt der Bundespräsident sein Kinn auf die Hand und blickt einen Bonner Unternehmer unverwandt an. Den anderen Arm hat er auf die Stuhllehne gestützt. Der Unternehmer, etwa im gleichen Alter wie der Bundespräsident, berichtet von seinen Erfahrungen mit Flüchtlingen, die bei ihm im Betrieb arbeiten. Auch wenn er zu jenen Arbeitgebern in der Rhein-Sieg-Region gehört, die Asylbewerber gerne in den Arbeitsmarkt integrieren, bleibt er skeptisch. "Wir können nicht allen helfen."

Das ist Joachim Gauck FOTO: ddp

Da ist er wieder. Der Satz, der seit Beginn des Flüchtlingsstroms der Bundeskanzlerin Angela Merkel aus unterschiedlichen Ecken der Gesellschaft entgegenschallt.

Gauck ist kein Berufspolitiker

Gauck ist kein Berufspolitiker, er hat sich mitten in der Diskussion um die Unterbringung der Flüchtlinge vom ungebremsten Enthusiasmus mit dem Satz abgegrenzt: "Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt." Dieses "Aber" liegt vielen Deutschen auf der Zunge. Und im Raum in der ersten Etage des Bonner Jobcenters kann Gauck dem Unternehmer deswegen mit authentischem Verständnis begegnen. "Ich kann Sie gut verstehen." 

Es ist der erste Besuch des Bundespräsidenten in NRW, seit er am vergangenen Montag seinen Rückzug bekannt gegeben hat. Im Bonner Jobcenter informiert sich das Staatsoberhaupt darüber, wie man Zugewanderte möglichst schnell in Arbeit bringen kann. Denn Arbeit bedeutet Integration. Er sei hergekommen, um zu erleben, wo es für eine hochorganisierte Gesellschaft eine untypische Flexibilität gebe. So drückt Gauck es gegenüber den Unternehmern aus. Denn viel ist noch improvisiert, wenn es darum geht, den Flüchtlingen Arbeitsplätze zu verschaffen.

Der Besuch des Bundespräsidenten im Jobcenter hingegen ist gar nicht improvisiert, sondern durchchoreographiert. Gauck wirkt routiniert, tariert staatstragende Gesten und volksnahe Unmittelbarkeit gut aus. Von Wehmut oder Amtsmüdigkeit ist gar nichts zu spüren. Auf die Frage eines Journalisten bei der abschließenden Pressekonferenz, die in eben diese Richtung zielt, antwortet er keck. "Sie erleben einen voll beschäftigten Präsidenten. Ein bisschen Tatkraft ist schon noch da."

Beindruckt von den Deutschkenntnissen

Beeindruckt ist Gauck, der in Begleitung seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt gekommen ist, von den guten Sprachkenntnissen junger Flüchtlinge. Mit acht von ihnen hat er am Vormittag gesprochen. Sie werden auch vom Jobcenter betreut, besuchen die internationale Förderklasse am Heinrich-Hertz-Europakolleg im Bonner Stadtteil Graurheindorf. Hauptsächlich stammen sie aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

In dem abgedunkelten Raum sieht Gauck die drängenden politischen Fragen der kommenden Jahre aus der Nähe. Er sucht diese Erfahrungen, den Austausch mit Betroffenen, um darüber öffentlich sprechen zu können. Und er fühlt sich wohl in dieser Nähe, ermuntert die acht Flüchtlinge im Jugendalter, mit ihm zu plaudern. "Bisher war alles super, keine Angst", sagt er, als einer von ihnen ins Stocken gerät.

Am Ende des Gesprächs sagt er zu den Jugendlichen: "Ich habe das Gefühl, dass wir in den nächsten Jahren viel darüber sprechen werden." Dann fährt er fort: "Wir wissen, dass das eine große Aufgabe ist." Wer dieses "wir" ist, bleibt offen. Seine Aufgabe jedenfalls endet im kommenden Frühjahr. 

Unsere Reporterin hat die Ankunft des Bundespräsidenten live bei Facebook übertragen. Sehen SIe hier das Video von vor Ort. 

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