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Islamexperte über Salafisten-Verbot
"Der Schlag gegen diesen Verein war längst überfällig"

Islamexperte über Salafisten-Verbot: "Der Schlag gegen diesen Verein war längst überfällig"
Koran-Verteilaktion "Lies" (2015 in Frankfurt) FOTO: dpa, brx fdt hjb hpl
Düsseldorf . Das Salafisten-Netzwerk "Die wahre Religion" ist von Bundesminister Thomas de Maizière verboten worden. Wir haben mit einem Experten über den Verein und die Bedeutung dieses Schlags gegen den Islamismus gesprochen. Von Sabine Kricke

In NRW gab es am Dienstagmorgen zahlreiche Razzien gegen Salafisten. Die Vereinigung "Die wahre Religion" wurde verboten. Welche Bedeutung hat dieser Schritt aus Ihrer Sicht?

Thorsten Gerald Schneiders: Den Verein gibt es bereits seit 2005, aber erst mit der Koran-Verteilung "Lies!" stand er im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Der Schlag gegen diesen Verein war längst überfällig. Die Anhänger konnten sich über Jahre im Hintergrund weiterentwickeln, zahlreiche Jugendliche fanden über "Die wahre Religion" den Weg in den Fundamentalismus, viele später dann auch in den Dschihad. Das Verbot ist natürlich ein wichtiger Schritt.

Was hat dieser Verein gemacht?

Schneiders: Er war für viele junge Menschen der erste Kontakt zu Salafisten wie Pierre Vogel oder Ibrahim Abou Nagie. Durch die Koranverteilung wurden Anhänger angeworben. Denen wurde wiederum die Tür in die Radikalisierung geöffnet. Zwar sind natürlich nicht alle Anhänger von "Die wahre Religion" Terroristen, aber als Fundamentalisten richten die Menschen ebenfalls einen enormen Schaden in unserer Gesellschaft an.

In welcher Verbindung steht Abou Nagie zu Pierre Vogel?

Schneiders: Vogel und Abou Nagie haben bereits seit frühester Zeit zusammengearbeitet. Beide  gerieten aber irgendwann über Kreuz miteinander. Heute wird Vogel innerhalb der Szene zum Teil  massiv angefeindet, weil er sich nach außen vom IS distanziert hat. Er muss jetzt tatsächlich gucken, wo er bleibt.

Pierre Vogel bewirbt aktuell sein neues Projekt "We love Muhammad", dabei werden Biographien des Propheten verteilt. Könnte das ähnliche Ausmaße annehmen wie "Lies" und "Die wahre Religion"?

Schneiders: Pierre Vogel ist nach wie vor ein gefährlicher Mann. Wenn ein relativ junger Deutscher wie er, mit rheinischem Dialekt und so einer extremen Ideologie, vor jungen Menschen steht und fließend Arabisch aus dem Koran zitiert, dann übt das Eindruck auf die Leute aus. Er ist ein Mensch, der andere auf Abwege führen kann. Aber ich glaube nicht, dass dieses Projekt an die Stellung des Vereins "Die wahre Religion" herankommen wird.

Wenn es den Verein bereits seit über zehn Jahren gibt, warum hat es solange gedauert, bis er verboten wurde?

Schneiders: In einer Demokratie ist es nicht so einfach, Vereine zu verbieten. Man muss dem Verein verfassungsfeindliche Bestrebungen nachweisen. Ich bin kein Staatsrechtler, aber mir fällt es schwer zu glauben, dass dies nicht eher möglich gewesen wäre. Der Verein ist seit Jahren eine der größten Propagandaplattformen der Salafistenszene in Deutschland, lange Zeit konnte sie sich unterhalb des Radars bewegen. Der Minister spricht von 140 Terroristen, denen man nachweisen konnte, dass sie vor ihren Kämpfen in Syrien den ersten Kontakt zur Szene durch "Die wahre Religion" oder "Lies" hatten. Das hätte man sicher auch eher nachweisen können, hätte man sich der Sache früher und intensiver gewidmet.

Wie geht es nach diesem Schlag für die Salafisten in Deutschland weiter?

Schneiders: Man darf nicht denken, dass jetzt alles vorbei ist. Es werden sich immer wieder neue Vereine bilden und im Hintergrund formieren. Trotzdem erhöht diese Aktion nun den Druck auf die Szene. Das zeigt, dass man nicht erst kurz davor sein muss, Terrorist zu werden, um ins Visier der Ermittler zu kommen.

Alleine in NRW hat es am Morgen 50 Durchsuchungen gegeben. Warum leben ausgerechnet hier so viele Salafisten?

Schneiders: Die lokale Umgebung hängt nicht unbedingt damit zusammen, ob sich Menschen radikalisieren. Das kann überall passieren. Vielleicht sind die Strukturen in NRW aber einfacher für solche Gruppierungen. In einem Stadtviertel, in dem viele Muslime leben, fällt eine Gruppe von Frauen, die sich plötzlich voll verschleiert oder zum Beispiel von Männern, die einen langen Bart ohne Oberlippenbart tragen, nicht so schnell auf wie in einem kleinen Dorf auf dem Land.

Worin unterscheiden sich Salafisten und Dschihadisten voneinander?

Schneiders: Salafisten sind eine Gruppierung innerhalb des Islam, die sich radikalisieren. Sie sind ein Teil der fundamentalistischen Strömung. Dschihadisten wiederum sind Menschen, die im Namen des Glaubens zu Gewalt und zum Dschihad  aufrufen. Zum sogenannten heiligen Krieg. 

Was kann man dagegen tun, dass sich immer wieder vor allem junge Menschen solchen radikalen Gruppierungen anschließen?

Schneiders: Deutschland braucht dafür eine vernünftige Sozialpolitik. In den wenigsten Fällen geht es den jungen Menschen tatsächlich um die Religion, wenn sie sich radikalisieren. Vielmehr haben sie Ausgrenzungserfahrungen machen müssen oder protestieren gegen ihre Lebensumstände. Konkret in Bezug auf den Salafismus muss in Schulen und Familien darüber aufgeklärt werden. Viele wissen überhaupt nicht, was es heißt, Salafist oder Dschihadist zu sein. Salafismus und Dschihadismus sind in jedem Fall ein Problem, das wir so schnell nicht mehr loswerden. 

Thorsten Gerald Schneiders ist Islam- und Politikwissenschaftler. Er veröffentlichte Bücher unter anderem über Islamverherrlichung und den Salafismus in Deutschland. Das Interview führte Sabine Kricke. 

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