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Serie "Neben der Spur" (6)
Dicke Bohnen und fünf Helden

Sommerserie: Neben der Spur in Erwitte und Anröchte
Sommerserie: Neben der Spur in Erwitte und Anröchte FOTO: Libuda (Fotos), Schnettler (Grafik)
Erwitte/Anröchte. Bekannt sind Erwitte und Anröchte nur aus der Stauschau. Die Orte teilen sich die Autobahnabfahrt und den Bus nach Lippstadt. Von Klas Libuda

 Diese Geschichte kennt fünf Helden, und sie heißen Henrik, Daniel, Falk, Herr Mendelin und Peter Klein. Die ersten drei kommen aus Erwitte, und wenn sie dort in zehn Jahren immer noch wohnen, dann sind sie versackt.

Herr Mendelin ist in Anröchte geboren und älter geworden. Er weiß alles über die Steine in Anröchte, und er mochte dort niemals weg. Peter Klein ist zugezogen, weil er sich verliebt hat. Außerdem ist Peter Klein der Chef vom Dicke Bohnen Club, und wer der Chef vom Dicke Bohnen Club ist, hat allen Grund zu bleiben. Diese Geschichte wird in einem Kornfeld enden. Aber sie beginnt in einem Wohnzimmer aus Beton.

Dort haben Henrik, Daniel und Falk ihr zweites Zuhause, ein paar Quadratmeter für sturmfreie Zeit. Sie haben es selbst erbaut. Im Sommer 2014 rührten die Jungs Beton an. "Das hier ist unser Wohnzimmer", sagt Henrik Schwarz. Er meint den Skatepark am Rand von Erwitte.

Erwitte ist eine Stadt im Landkreis Soest mit 16 464 Einwohnern, 15 Ortsteilen und einer Autobahnabfahrt, die sich die Erwitter mit den Anröchtern teilen. Wenn man auf der A 44 in Richtung Kassel unterwegs ist, liegt Erwitte links, wo Anröchte rechts ist.

Es ist ein Fleck auf der Google-Landkarte, den die Suchmaschine rot einfärbt. Wer nach Erwitte kommt, wird schnell bemerken, dass der Kartendienst falsch liegt. Der Autobahn-Zubringer ist dunkelgrau, das Autohaus an der Schnellstraße weiß getüncht. Und hinterm Schloss, in dem die Erwitter Hochzeiten feiern, ist alles grün. Ein Mädchen wirft mit Steinchen auf die Enten im Schlossgraben und wird ermahnt. "Wollen wir noch ein Stück Kuchen essen", fragt die Großmutter, sie möchte den Konflikt nicht eskalieren lassen. Die Enkelin nickt.

Vom Schloss ins Stadtzentrum sind es ein paar hundert Meter. Am Marktplatz liegt der neue gläserne Sitz der Verwaltung neben dem "Alten Rathaus", das eine Physiotherapiepraxis beherbergt. Der Marktplatz geht nahtlos in den Kirchplatz über. Die Uhr am Turm von St. Laurentius geht falsch, zeigt fünf vor elf, dabei ist längst zwölf Uhr durch.

Im Skatepark mit den Betonrampen, die Henrik Schwarz, Daniel Kemper und Falk Waltemode mit ihren Freunden und 12 300 Euro von Kreis und Stadt gebaut haben, ist vielleicht zu erfahren, was die jungen Leute hier so treiben. Falk sagt: "Irgendwann ziehen die meisten weg." Neulich sei einer nach Münster gegangen; Falk, der gerade Abitur gemacht hat, möchte nach Aachen. Einer vom Skateverein lebt sogar in New York. "Wer nicht geht, versackt hier", sagt Falk, aber meint das nicht böse. Sie sind zufrieden. Sie haben den Skatepark, in dem sie abends Bier trinken, und die Dorfkneipen, "Die Börde" und "Die Geige". An den Wochenenden sei immer irgendein Schützenfest und auch Lippstadt nicht weit. "Wir haben Nachtbusverkehr", sagt Daniel.

Bis 20 Uhr fährt der Linienbus S60 ein- bis zweimal in der Stunde von Lippstadt über Erwitte nach Anröchte. Er hält am Völlinghauser Weg vor dem großen Zementwerk und dem Schild, dass das Ende von Erwitte und das nahende Anröchte anzeigt. Der Kirchturm im Zentrum von Anröchte ist schon aus fünf Kilometern zu sehen. Es ist der Mittelpunkt von Anröchte, der Turm ist 30 Meter hoch, die Wände sind zwei Meter dick, erzählt Herr Mendelin.

Er hat sich mit kratziger Stimme und festem Händedruck vorgestellt. Herr Mendelin, der vor 65 Jahren als Heinrich Mendelin in Anröchte auf die Welt kam, trägt einen Basthut zum karierten Hemd. Er ist vom Heimatverein, der das Stein-Museum neben der Kirche betreibt. Die Gemeinde ist für ihren Grünsandstein berühmt. Der Anröchter Stein hat sogar einen Wikipedia-Eintrag. Mendelin hat einen Geländewagen, den er bis in den Steinbruch lenkt.

Dort sieht es aus wie auf dem Mond oder dem Mars, auf jeden Fall wie in einer anderen Welt. Die untersten Steinschichten seien 110 Millionen Jahren alt, sagt Mendelin. Die obersten nur 70 Millionen, die gingen ins Schotterwerk. Ein Steinmetz, der Rüdiger heißt, treibt neue Risse ins Gestein. Im Sägewerk nebenan haben sie die Maschinen schon abgestellt. Herr Mendelin fragt, ob sie noch einen Stein sägen könnten, für den Gast aus der Ferne. Sie tun's. "Ich kenne hier Hans und Franz", sagt Herr Mendelin, "und ich kann mit allen gut."

Er bringt einen zurück zur Kirche, wo das eigene Auto steht, und macht etwas sehr Freundliches: Er bittet darum, nicht das Navi einzuschalten, sondern ihm zu folgen. Er kenne doch den Weg zu Peter Klein. Es geht zum Chef des schrägsten Clubs im Ort. Die Tür steht offen, als Herr Mendelin auf das Einfamilienhaus zeigt. Er winkt und braust davon. Den Dank hört er kaum mehr. Peter Klein wartet schon.

Er leitet den Dicke Bohnen Club, dessen Mitglieder sich treffen, um Bohnen mit Salzkartoffeln zu essen. Aber das sei bloß ein Mittel zum Zweck, sagt Klein. Eigentlich sei der Club ein Nachbarschaftstreff, zehn Mitglieder gibt es. Die Hürden zur Aufnahme sind hoch. Es gibt zwei Kriterien: Anwärter müssen Anlieger der Reinertstraße sein. "Und sie müssen lustig sein", sagt Klein. Die Kombination ist wohl selten.

Peter Klein ist einst als Soldat in die Gegend gekommen, er hat sich in eine Frau aus Anröchte verliebt und ist geblieben. Zwischenzeitlich zog die Familie ins texanische El Paso, aber auch in der Metropole hätte man "sein Dorf", sagt Peter Klein. Der Unterschied sei letztendlich nicht so groß. Sie kamen zurück, in eine Siedlung, deren Ausläufer in die Felder von Anröchte übergehen. Dorthin solle der Gast als nächstes, empfiehlt Peter Klein. Die Zufahrt sei verboten, aber das kontrolliere niemand.

So führt der Weg ins Kornfeld über Anröchte und Erwitte, es ist die letzte Station. Grillen zirpen, die Gerste wiegt im Wind. Der Blick schweift in die Ferne.

Quelle: RP
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