| 21.36 Uhr

Überführung der Flugzeugabsturz-Opfer
Die letzte Fahrt

Fotos: Germanwings-Opfer kommen heim
Fotos: Germanwings-Opfer kommen heim FOTO: ap
Düsseldorf/Haltern. Lange haben die Angehörigen darauf gewartet: Die Särge mit den sterblichen Überresten der Opfer des Germanwings-Absturzes sind überführt. Für Haltern war es ein schwerer Tag. Von Jörg Isringhaus und Reinhard Kowalewsky

Kurz bevor der Konvoi mit den Opfern der Germanwings-Katastrophe am späten Nachmittag Haltern erreicht, treten die Schüler des Joseph-König-Gymnasiums vom Bürgersteig auf die Straße, bilden eine rund 300 Meter lange Menschenkette. Plötzlich herrscht Stille, wo vorher Stimmengewirr die Straße belebte. Es ist ein Moment des Innehaltens, des In-Sich-Gehens kurz vor dem Abschiednehmen - elf Wochen nach dem Absturz, bei dem 150 Menschen starben, darunter 16 Schüler und zwei Lehrerinnen aus Haltern.

Viele Menschen haben weiße Rosen mitgebracht, andere Grablichter. Menschen halten sich an den Händen, versuchen sich gegenseitig Kraft zu geben. Als der Zug aus 14 weißen und zwei schwarzen Leichenwagen die Schule erreicht, scheint sich die Stille noch zu verstärken. Aus der Ferne klingt Glockengeläut herüber. Einige Trauernde bekreuzigen sich, viele fangen an zu weinen. Es sind schwere Minuten, als Halterns tote Kinder zurückkehren, aber, das ist deutlich zu spüren, es sind auch wichtige Minuten für die Menschen dieser Stadt.

Von Haltern aus waren die Gymnasiasten vor rund drei Monaten losgefahren, um in Begleitung ihrer zwei Lehrerinnen die katalanische Metropole Barcelona zu erleben. Auf dem Rückflug, am 24. März, zerschellte die Germanwings-Maschine des Fluges 4U9525 in den französischen Alpen. Der Copilot hatte sie mit Absicht in den Abgrund gesteuert. Elf Wochen hat es gedauert, bis die sterblichen Überreste von 44 der 72 deutschen Opfer zur Überführung freigegeben wurden. Sie sollte so würdevoll wie möglich geschehen. Am Dienstagabend gegen 22.20 Uhr landete ein Lufthansa-Transport-Jet aus Marseille mit den 44 Opfern auf dem Flughafen Düsseldorf.

In drei Gruppen haben gestern Morgen die Angehörigen und von ihnen entsandte Bestattungsunternehmer in einem Hangar die Särge überantwortet bekommen. Zuerst waren es am Vormittag Familien vorrangig aus Düsseldorf und der weiteren Umgebung. Zu ihnen sprach Uwe Rieske, der Landespfarrer für Notfallseelsorge, tröstende Worte. Die Wände der Wartungshalle waren weiß verhüllt, Musik wurde nicht gespielt. Angehörige nahmen dann die Särge ihrer Ehepartner, Kinder oder Freunde in Empfang. Auch die sterblichen Überreste einiger Crew-Mitglieder wurden überführt, der Sarg des Co-Piloten Andreas L. wird jedoch gesondert aus Marseille kommen. Im Hangar wurden die Räume mit drei Meter hohen Mauern voneinander abgetrennt. "Die Angehörigen haben dort weinen, sie haben dort trauern können", sagte Ulrich Wessel, Schulleiter des Joseph-König-Gymnasiums, später.

Um 13.30 Uhr kam die Gruppe der Halterner Angehörigen in einem Bus am Flughafen an. Sie wurde bereits auf der Hinfahrt eskortiert, allerdings waren die Leichenwagen schon vorher getrennt zum Hangar gefahren. Im ganzen Land war nach weißen Fahrzeugen gesucht worden, um den Wünschen der Familien nachzukommen. Störende Firmennamen wurden überlackiert, damit die Wagen gleich aussehen. "Die Kinder fahren in weißen Wagen, weil ihre Eltern diese Farbe der Jugend gewählt hatten", sagte ein für die Überführung Verantwortlicher. Zudem soll die Farbe Weiß den Familien Hoffnung geben, Trost spenden und an das gemeinsame schöne Leben erinnern. Die Särge der zwei Lehrerinnen fuhren dagegen in zwei schwarzen Wagen. Ihre Überführung war getrennt von der Heimkehr ihrer Schüler und Schülerinnen geplant gewesen. "Die Familien sehen diesen Abschied auch als öffentlichen Akt ihrer gemeinsamen Liebe zu den verstorbenen Kindern", sagte ein Anwalt.

Vor der Fahrt nach Haltern durften die Angehörigen weiße Rosen auf die Särge legen. Der Name der Toten war in grauer Schrift auf weißem Band festgehalten. Um 15 Uhr startete die Kolonne am Flughafen. Die Polizei hatte für Presse-Fotografen drei Stellen benannt, an denen der Konvoi für sie zu sehen war, ohne die Angehörigen zu stören. "Das war mit den Familien so abgesprochen", berichtete ein Organisationsmitarbeiter. Einige Angehörige fuhren in Kleinbussen im Konvoi mit, andere bevorzugten die Fahrt im Reisebus. "Manche wollten lieber getrennt als Familie mitgenommen werden", heißt es bei den Organisatoren, "andere fuhren in dem größeren Fahrzeug. Allein die Wünsche der Angehörigen zählen."

In Haltern und in vielen anderen deutschen Städten wird es in den nächsten Tagen Trauerfeiern im familiären Kreis geben. Für die Angehörigen der Toten ist dies wichtig. Umso schlimmer ist allerdings, dass es bei den restlichen 28 deutschen Opfern teilweise unklar ist, wann diese nun zurückgebracht werden. "Es ist gut, dass diese Überführung stattfand", sagte der Mönchengladbacher Anwalt Christof Wellens, der laut eigener Angabe 35 Opferfamilien vertritt, "aber die meisten von ihnen haben noch keinen Rückführungstermin. Es ist schlimm, wie viele Familien noch warten."

So berichtete er zum Beispiel, dass sich die Einäscherung eines Ehepaares aus Meerbusch, das zwei Kinder hinterlässt, wegen bürokratischer Hinternisse immer wieder verschoben habe. "Die Lufthansa muss das besser in den Griff kriegen, irgendetwas läuft da mächtig schief", kritisierte er. Auf Anfrage erklärte der Konzern, er gebe sich alle Mühe, die weiteren Rücküberführungen schnell durchzuführen - am Montag soll als zweiter Sammeltransport eine Maschine mit spanischen Opfern von Marseille aus nach Barcelona fliegen. Eine Reihe an Einzeltransporten nach Deutschland soll auch geplant sein.

Nachdem der Konvoi vorbeigerollt war, verharrten in Haltern viele Schüler gestern noch auf der Straße. Sie lagen sich in den Armen, spendeten sich gegenseitig Trost. Danach liefen viele zurück aufs Schulgelände. Eins ist klar: Das Leben in Haltern geht weiter, auch wenn die Rückkehr zu selbstverständlicher Lebensfreude immer noch ein zähes Ringen bleibt. Vor allem in den kommenden Tagen, wenn auf den Friedhöfen der Stadt und ihrer umliegenden Dörfer eine Beerdigung nach der anderen abgehalten wird: Das Schützenfest, für viele ein Brauchtums-Höhepunkt, wird zwar am Wochenende gefeiert - allerdings diesmal gedämpfter. Aus Rücksicht auf die Trauernden werde es weder ein Feuerwerk noch Märsche mit Spielmannsmusik durch die Stadt geben. "Wir tragen das Fest nicht offensiv in die Stadt hinein, wollen aber jedem, der will, die Möglichkeit geben zu feiern", sagt Axel Schmäing, Präsident der Schützengilde.

Auch an diesem Wochenende werde es Mitglieder des Schützenvereins geben, die erst am Rande eines Grabes stehen und sich am Tag darauf im Festzelt mit ihren Schützenbrüdern treffen. Bürgermeister Bodo Klimpel ist gedämpft hoffnungsvoll für seine Stadt. "Ich glaube, die Anteilnahme war auch für die Eltern und Angehörigen ein wichtiges Zeichen." Sie würden spüren, dass ihre Kinder nicht vergessen sind. Vielmehr hätten sie an diesem Tag erfahren, "dass alle nach wie vor in unseren Herzen sind".

Quelle: RP
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