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NRW
Die ungebetenen Gänse

Gänse spazieren über die Heinrich-Heine-Allee
Gänse spazieren über die Heinrich-Heine-Allee FOTO: dpa, Horst Ossinger
Essen. Einst waren sie Zugvögel, heute leben Tausende Graugänse ganzjährig in NRW. Für die Bauern sind sie ein Problem, denn die Vögel beschädigen ihre Felder. Eine geplante Jagd von Kanadagänsen in Essen sorgte für Empörung. Von Emily Senf

Bislang hatte Eckhard Spengler mit Gänsen nie ein Problem. Zwei Pärchen waren in den vergangenen Jahren regelmäßig im Essener Gruga-Park aufgetaucht. Niemand störte sich an ihnen. Seit Juni aber bereiteten die Vögel der Gattung Kanadagans dem Sprecher des Parkbetreibers "Grün und Gruga" arges Kopfzerbrechen. Der Grund: Sie kamen in Scharen. "Wir haben an einem Tag 200 Vögel gezählt", sagt Spengler. Sie verkoteten die Wiesen und machten sie für Besucher unattraktiv. Der Park wollte sie loswerden. Weil die Tiere sich aber nicht verscheuchen ließen, planten Spengler und sein Team, sie von Jägern töten zu lassen. Zwar ist es dazu nie gekommen, die Vögel flogen von alleine davon, im Internet aber hagelte es teils bösartige Kritik.

Spengler hatte vorgehabt, zwei Jäger morgens vor Öffnung des umzäunten Parks auf einzelne Gänse schießen zu lassen. "Sie sind lernfähig, wahrscheinlich wären die anderen dann schon weggeblieben", sagt er. Eine Genehmigung dafür hatte er sich bei der Unteren Jagdbehörde eingeholt. Spengler betont, dass das Schießen die letzte Maßnahme zur Vertreibung der Gänse gewesen wäre. "Alles andere hat nicht gegriffen", sagt er. Die Tiere beispielsweise zu fangen, sei bei der großen Anzahl keine Option gewesen. "Außerdem: Wer fängt die, und wo setzt man sie dann aus?", fragt er. Auf Facebook wurde er dafür als "Hobbymörder" beschimpft. "Meine Familie sollte erschossen werden, stand dort", sagt Spengler. Seit wenigen Tagen ist die Internethetze weniger geworden. Der Großteil der Gänse ist in Richtung Winterquartier weitergezogen.

Das sind die Zugvögel am Niederrhein FOTO: ddp

Nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch am Niederrhein sind Gänse ein Streitthema. Dort ist es die Graugans, die die Gemüter bewegt. In diesem Jahr gibt es von ihrer Art in ganz Nordrhein-Westfalen so viele Exemplare wie noch nie: bis zu 4900 Paare, sagt Birgit Königs vom Naturschutzbund (Nabu) NRW. Zehn Jahre zuvor waren nur etwa 1200 bis 1500 Pärchen gesichtet worden. Im Gegensatz zur Kanadagans, die aus Nordamerika stammt und in Europa zum Teil gezielt angesiedelt wurde, kam die Graugans einst zum Überwintern nach NRW. Sie hat ihren Schwerpunkt laut Nabu vor allem am Niederrhein: Dort gibt es ausreichend nährstoff- und eiweißreiches Gras sowie Wasser. Immer mehr Paare bleiben ganzjährig. Die Population wächst. Die sogenannten Sommergänse sind zum Problem geworden.

Gerade die Landwirte sind nicht gut auf das Federvieh zu sprechen, berichtet Josef Peters von der Kreisbauernschaft Kleve. "Die Gänse trampeln das Gras kaputt und verkoten es so stark, dass andere Tiere darauf nicht mehr weiden können", sagt er. Dazu ziehen sie auf Feldern die Saat aus dem Boden. Verstärkt werden die Schäden zu dieser Jahreszeit durch die Zugvögel, die NRW nach dem Winter anders als die Sommergänse wieder verlassen - bis zu 120.000 Gänse jährlich, schätzt der Nabu NRW. Für die von ihnen verursachten Ernteverluste erhalten die Bauern eine finanzielle Entschädigung vom Land.

Wintergäste: Gänse am Niederrhein FOTO: NABU-Naturschutzstation Niederrhein, Manuel Fiebrich

Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW berichtet, dass im vergangenen Jahr in 793 Fällen Geld an Landwirte gezahlt wurde, insgesamt 2.583.000 Euro. "2,4 Millionen davon in den Kreisen Kleve und Wesel", sagt er. Deutlich höher sei der Betrag vor einigen Jahren gewesen. Damals war das Getreide teurer; die Entschädigungszahlungen kosteten das Land über sechs Millionen Euro, sagt Rüb.

Tierische Einwanderer in NRW FOTO: dpa, dpa

Auf Schäden durch die ganzjährig in NRW lebenden Sommergänse bleiben die Landwirte dagegen sitzen, weil die Vögel dem Jagdrecht unterliegen. Zwischen dem 16. Juli und dem 31. Januar dürfen sie geschossen werden. Lediglich am Unteren Niederrhein sowie der Weser-aue endet die Jagdsaison bereits am 15. Oktober, damit sie nicht mit den dort überwinternden Zugvögeln verwechselt werden.

Bundesweit unterscheiden sich die Jagdzeiten. So durften die Sommergänse in Niedersachsen, von denen es dort rund 6200 Paare gibt, vom 1. August bis zum 15. Januar gejagt werden. Im vergangenen Jahr aber wurde die Jagdzeit verkürzt. Für Schutzgebiete endet sie nun bereits am 30. November. Die Landesjägerschaft reagierte mit Unverständnis. Sie kämpft juristisch darum, die Zeiten wieder zu erweitern. "Die Einschränkung ist für uns fachlich und wildbiologisch nicht nachvollziehbar", sagt Sprecher Florian Rölfing. "Wir haben mehrere Normenkontrollanträge laufen."

Doch nicht überall ist man von den Sommergänsen genervt. Andreas Schneider vom Landesjagdverband NRW blickt gelassen auf die wachsende Population am Niederrhein. "Wir haben sie im Griff", sagt er. Das sieht die Kreisbauernschaft anders. "Die Gänse haben sich zu stark vermehrt und werden nicht genug geschossen", sagt Josef Peters. Hilfe von anderer Seite naht bislang nicht. "Wir können nichts anderes tun", sagt Wilhelm Deitermann, Sprecher des NRW-Umweltministeriums. "Wir haben rechtlich keine andere Möglichkeit, die Vögel zu regulieren. Damit müssen die Landwirte leben."

In Essen blickt Sprecher Spengler mit Sorge auf das kommende Jahr. "Die Gänse werden wiederkommen", sagt er. Bis dahin will er weitere Möglichkeiten ausloten, die Vögel zu vertreiben. Die Option der Jagd sei damit aber nicht vom Tisch.

Quelle: RP
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