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Loveparade-Tragödie
Dokumente belasten OB Sauerland
Adolf Sauerland: Schwere Zeiten für Duisburgs OB
Adolf Sauerland: Schwere Zeiten für Duisburgs OB FOTO: AFP
Loveparade-Tragödie. Für Adolf Sauerland, den Oberbürgermeister von Duisburg, wird es eng. Neue Dokumente belegen, dass er über Sicherheitsbedenken gegen die Loveparade informiert wurde. Zur Trauerfeier will er nicht.

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hat nach der Katastrophe bei der Loveparade die Frage nach der persönlichen Verantwortung von Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) gestellt. Sie habe „zur Kenntnis genommen“, dass der Stadtchef derzeit einen Rücktritt ablehne. Das sei seine Entscheidung, sagte die NRW-Regierungschefin gestern nach einer Sondersitzung des Kabinetts zur Loveparade. Sie fügte aber in Richtung Sauerland hinzu: „Am Ende geht es um politische Verantwortung.“

Sauerland kannte Sicherheitsbedenken

Neue Dokumente belegen, dass Sauerland entgegen eigener Aussagen im Vorfeld der Loveparade über Sicherheitsrisiken informiert wurde und die offensichtlich ignorierte. So kam es am 18. Juni bei einer Sitzung der Verantwortlichen zu einem Streit über das Sicherheitskonzept. Das Gesprächsprotokoll, das unserer Redaktion vorliegt, belastet sowohl OB Sauerland wie auch den Duisburger Sicherheitschef Wolfgang Rabe schwer.

Im Gespräch beschwerte sich die Veranstalterfirma Lopavent, die dem Fitnessstudio-Besitzer Rainer Schaller gehört, über die Auflagen der Stadt hinsichtlich der maximalen Teilnehmerzahl und der Fluchtwege. „Sie seien überrascht, welche rechtlichen und formalen Anforderungen die Bauordnung stellen würde“, zitiert das Protokoll den Veranstalter. „Diese rechtlichen Voraussetzungen hätten sie noch nie machen müssen“.

Als darüber eine – laut Protokoll – „engagierte“ Diskussion ausbrach, beendete Sicherheitschef Rabe offenbar die Debatte abrupt. Der OB, so Rabe, „wünscht die Veranstaltung und daher muss hierfür eine Lösung gefunden werden“. Die Anforderung der städtischen Genehmigungsbehörde, dass der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen müsse, ließ er nicht gelten.

Baudezernent Jürgen Dressler, zuständig für die Genehmigung der Loveparade, vermerkte das Protokoll mit einer handschriftlichen Notiz: „Ich lehne aufgrund dieser Problemstellung eine Zuständigkeit und Verantwortung ab. Dieses entspricht in keinerlei Hinsicht einer geordneten Veranstaltungshandlung und einer sachgerechten Projektsteuerung.“ Ein Durchschlag des Protokolls ging auch an das Büro des Oberbürgermeisters Adolf Sauerland. Rabe sagte gestern auf Anfrage unserer Zeitung, dieses Protokoll sei „unvollständig“. Sinngemäß habe er in der Sitzung auch gesagt, es sei ihm egal, ob die Loveparade stattfinde. Aber es könne nicht sein, dass der Veranstalter seitens des Bauamtes mit immer neuen Anforderungen konfrontiert werde.

Polizei-Schichtwechsel klappte nicht wie geplant

Neue Vorwürfe richteten sich auch gegen den Einsatz der Polizei. So bemängelte der Veranstalter, dass die Sicherheitskräfte den westlichen Zugang zum Gelände der Loveparade trotz der Überfüllung geöffnet und somit die Situation erheblich verschärft hätten. Auch die Schichtübergabe in der Leitstelle der Polizei lief nach Informationen unserer Redaktion am Unglückstag nicht wie geplant. Der Polizist, der die Einsatzkräfte im Bereich des Geländes führen sollte, konnte aus privaten Gründen nicht pünktlich erscheinen. Kollegen erklärten, er sei an diesem Tag Vater geworden und direkt aus dem Kreißsaal nach Duisburg zum Einsatz bei der Loveparade geeilt.

Ministerpräsidentin Kraft erklärte, dass nach einem Bericht ihres Innenministers alle 20 Todesopfer von Duisburg an den Folgen von Brust-Quetschungen gestorben seien. Dies hätte die Obduktion der Leichen ergeben. Auf ihrer Pressekonferenz am Sonntag hatten die Verantwortlichen der Stadt Duisburg dargelegt, dass die meisten Opfer durch den Sturz von einer Behelfstreppe zu Tode gekommen seien.

Laut Bericht des Innenministers hätte die Stadt auch zu wenige Ordner eingesetzt. Die Landesregierung will Großveranstaltungen künftig stärker in ihre Verantwortung nehmen. Dazu werde sie versuchen, über die Innenministerkonferenz zu einer bundesweiten Regelung zu kommen.

Die zentrale Trauerfeier für die Opfer der Loveparade wird am Samstag um elf Uhr in der Duisburger Salvatorkirche stattfinden. Daran werden neben Ministerpräsidentin Kraft auch Bundespräsident Christian Wulff (CDU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teilnehmen. OB Sauerland verzichtet auf eine Teilnahme an der Trauerfeier. Er wolle „die Gefühle der Angehörigen nicht verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht provozieren“, sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung.

Quelle: RP
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