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Prozess um Kindsmord in Herne
Marcel H. zeigt vor Gericht keine Regung

Mutmaßlicher Kindermörder Marcel H. vor Gericht
Mutmaßlicher Kindermörder Marcel H. vor Gericht FOTO: dpa, htf
Der Fall Marcel H. aus Herne schockiert die Öffentlichkeit: Beim Prozessauftakt am Freitag wollen die Zuschauer den Mann sehen, der aus Mordlust ein Kind und später einen Bekannten erstochen haben soll. Den Angeklagten erlebt man absolut emotionslos. Von Franziska Hein, Bochum

Es ist kaum vorstellbar, dass dieser 19-Jährige körperlich in der Lage gewesen sein soll, zwei Menschen auf brutalste Weise zu töten. Klein, schmächtig, Brille und eher 14 als 19 Jahre alt – so wirkt Marcel H., als ihn die Justizwachtmeister in den Saal C240 des Bochumer Landgerichts führen. Die blonden Haare sind mittlerweile nachgewachsen. Die Fahndungsfotos der Polizei vom März 2017 zeigten ihn mit kahlem Schädel. Die Haare muss er kurz vor der Tat abrasiert haben, wie später an diesem Tag ein Zeuge schildert.

Prozessauftakt gegen den mutmaßlichen Kindermörder Marcel H.

H. trägt einen grauen Schlabberpullover, der aussieht wie aus einer Altkleidersammlung. Darunter guckt der Kragen seines T-Shirts hervor. Sein Mandant bitte, sein unangemessenes Auftreten vor Gericht zu entschuldigen, sagt Verteidiger Michael Emde, nachdem die Anklage verlesen wurde. "Es hat sich keiner in der Familie gefunden, um ihm angemessene Kleidung zur Verfügung zu stellen." Ein gehässiges Auflachen im Zuschauerraum. Seine Familie hat mit H. gebrochen. Nur die Schwester hat ihn einmal in der Haft besucht. Zur Zeit sitzt er in der JVA Wuppertal in Einzelhaft, nur zum Gefängnispersonal hat er Kontakt.

Verteidiger fordert fairen Prozess

Im Gerichtssaal sind alle 100 Zuschauerplätze  besetzt. Auch ein paar Mitglieder des Rockerclubs "Bandidos" aus Essen sind da, man erkennt sie an ihren Aufnähern. Der Stiefvater des getöteten Jaden ist Mitglied der Essener Ortsgruppe. Allein 40 Plätze im Saal sind für Journalisten reserviert. Das Medieninteresse ist riesig. Vor Beginn der Verhandlung herrscht Geschiebe und Gedränge vor dem Eingang, an der einzigen Sicherheitsschleuse bildet sich ein Massenauflauf. Nicht alle, die gern möchten, kommen auch hinein. 

Ihn belaste dieses ausufernde Medieninteresse, sagt Verteidiger Michael Emde später im Gespräch. Ständig werde er gefragt, warum er Marcel H. überhaupt vertrete. Für ihn sei klar, dass auch ein mutmaßlicher Kindsmörder das Recht auf einen fairen Prozess habe. "Dieser Fall hält der Gesellschaft den Spiegel vor", sagt er. In ihrer Abscheulichkeit ragt diese Geschichte heraus, auch wegen Marcel H.s Empathielosigkeit. "Aber auch für meinen Mandanten gilt bis zum Urteil die Unschuldsvermutung." Juristisch sei der Fall weniger interessant – die Fakten sind schließlich bekannt.

Geständnis bei der Festnahme

Sein Mandant räume die Anklagevorwürfe ein, erklärt Emde im Gerichtssaal. Die Anklage basiert ohnehin auf den Aussagen der polizeilichen Vernehmung nach der Festnahme im März. Schon damals hatte H. die Taten gestanden. Weitere Angaben zur Sache oder zu seiner Person will H. im Prozess zunächst nicht machen.

Die Mutter des getöteten Jaden (9) am Freitag im Gerichtssaal. FOTO: dpa, htf

Als H. ohne Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird, lassen die Fotojournalisten ihre Spiegelreflexkameras klicken. Minutenlang dürfen sie filmen und fotografieren. Prozessbeobachter nennen das etwas flapsig "das Schaulaufen". Doch das nimmt am Freitag ungekannte Ausmaße an. Ein Journalist kommentiert sogar noch im Saal vor laufender Kamera, was gerade passiert. Der Richter eröffnet die Sitzung erst, als die letzten Bilder im Kasten sind. Vielleicht ein Indiz dafür, dass die Richter H. nicht als Heranwachsenden betrachten, sondern als Erwachsenen. Im Jugendstrafrecht werden die Angeklagten eigentlich vor allzu großer Öffentlichkeit geschützt.

Rechtsmediziner zählen 68 Einstiche

Als die Kameraleute den Saal verlassen haben, verliest Staatsanwalt Danyal Maibaum die Anklage. H. wird zweifacher Mord, räuberische Erpressung und Brandstiftung vorgeworfen. Er soll den neunjährigen Jaden am Abend des 6. März unter einem Vorwand in den Keller seines Hauses gelockt und ihn dort mit 52 Messerstichen getötet haben – "heimtückisch und aus Mordlust", sagt Maibaum. Dann soll er abends zu seinem Bekannten Christopher W. geflüchtet sein, der in Herne nur wenige Straßen entfernt wohnte.

Er soll W. gefragt haben, ob er bei ihm ein paar Tage wohnen könne, weil seine Eltern in ein anderes Bundesland gezogen seien. Eine Lüge. W. habe zugestimmt. Am Morgen des 7. März soll W. die Fahndungsbilder gesehen haben, die die Polizei noch in der Nacht herausgegeben hatte. Laut Anklage weckte er Marcel H. und konfrontierte ihn mit den Fotos. Dieser soll daraufhin auf W. eingestochen und ihn gewürgt haben. Kurzfristig riss sich der 22-Jährige sogar los und schaffte es fast bis zur Wohnungstür. Doch laut Anklage stach H. weiter auf ihn ein – 68 Mal, wie das rechtsmedizinische Gutachten später feststellte. W. verblutete.

Auffällig ist, was nicht in der Anklage vorkommt: Es ist nicht die Rede von dem Suizidversuch, der dem Mord an Jaden vorausgegangen sein soll. Im März hatte der leitende Ermittler nach der Festnahme auf einer Pressekonferenz gesagt, H. habe erst versucht, sich zu erhängen, und dann Holzkohle angezündet, um sich mit dem Rauch zu vergiften. Auch dass H. Fotos von seiner Tat einem Bekannten bei Whatsapp schickte, kommt nicht vor. Die Fotos kursierten nicht mal eine Stunde nach der Tat in anonymen Internetforen.

Ehemaliger Mitschüler beschreibt ihn als Außenseiter

Die Mütter der beiden Opfer sitzen Marcel H. im Gerichtssaal direkt gegenüber. Beide treten als Nebenklägerinnen auf. Jadens Mutter verfolgt den Prozessauftakt mit versteinerter Miene. Fast die ganze Zeit sitzt sie zurückgelehnt auf ihrem Stuhl, mit verschränkten Armen und leicht geneigtem Kopf. Sie kennt H., jahrelang haben sie in der Herner Wohnsiedlung Tür an Tür gewohnt. Auch W.s Mutter bleibt äußerlich ruhig.

Marcel H. selbst sitzt mit gefalteten Händen da, die er vor sich auf den Tisch ablegt. Es ist, als ob er gar nicht anwesend wäre. Zwischen der breiten Statur seines Verteidigers und dem Justizwachtmeister in voller Montur verschwindet er  fast.

Unscheinbar – und ein Außenseiter, so beschreibt ihn schließlich ein ehemaliger Mitschüler, der am  Freitag vor Gericht aussagt. Der heute 19-Jährige kennt H. aus der Realschule, gemeinsam haben sie vor ein paar Jahren die 9. Klasse der Realschule Crange besucht. H. habe keine Freunde gehabt und immer Flecktarn-Kleidung getragen. Er habe ständig geschwänzt, weil er "gezockt" habe. Das soll er selbst so gesagt haben. "Er war ein kleiner Klugscheißer", sagt der Zeuge. "Wenn H. sich gemeldet hat, hatte er immer die richtige Antwort. In Englisch wusste er immer alles besser als ich. Das konnte er am besten."

Später hätten er und H. sich aus den Augen verloren. Er habe als Aushilfe an der Kasse in einem Supermarkt gearbeitet. Dort habe Marcel H. am Tag der Tat die Grillkohle gekauft. Die Tüte sei aufgerissen gewesen. Aber H. habe sie an der Kasse nicht umtauschen wollen. Es ist jene Grillkohle, die er angeblich für seinen Suizidversuch brauchte. Doch an seiner Stelle starb später Jaden.

 
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