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Stromsperre vor Weihnachten
Ein Leben daheim bei null Grad und Kerzenschein

Stromsperre vor Weihnachten: Ein Leben daheim bei null Grad und Kerzenschein
Bei Kerzenschein im Wohnzimmer: Seit gut zwei Wochen bleibt nicht nur die Küche kalt in der Wuppertaler Drei-Zimmer-Wohnung. FOTO: dpa, jgu lof
Wuppertal. Keine Heizung, kein Licht, kein warmes Wasser. Ein Hauch von Mittelalter. Der Herd bleibt kalt. Stromsperre - Hunderttausende Mal in Deutschland. Eine Kleinfamilie schildert, wie sich das anfühlt.

Kerzenlicht, Mutter und Tochter aneinander gekuschelt. Ein behaglicher Abend kurz vor Heiligabend. Könnte man meinen. Der Teelichter-Schein trügt. In der Wohnung ist es eisig. Sophie (13) und ihre Mutter Stefanie wärmen einander. Kein Licht, keine Heizung. Der Strom ist abgeklemmt. Jedes Jahr erleben das Hunderttausende, weil sie ihre Rechnung nicht bezahlt haben. Die Energiesperre dauert Tage, Wochen, manchmal länger.

"Im Winter ist es echt hart, es wird früh dunkel, ist bitterkalt. Am schlimmsten ist es, wenn man ein Kind hat, das friert und dem man nicht mal eine warme Mahlzeit anbieten kann", sagt Stefanie Becker. Seit gut zwei Wochen bleibt nicht nur die Küche kalt in der Wuppertaler Drei-Zimmer-Wohnung. Ob Fernseher, Computer, Waschmaschine, Staubsauger oder Fön - nichts funktioniert. 

Mit Leggins, Socken und dickem Pullover ins Bett

So steigen die Strompreise in der Region FOTO: dpa, Peter Steffen

"Ich gehe ganz früh mit zwei Leggins, Socken und dickem Pullover ins Bett", erzählt Stefanie. "Morgens sind die Temperaturen schon runter Richtung Null. Da traue ich mich kaum aus dem Bett und muss mich überwinden, mit dem eiskalten Wasser wenigstens Katzenwäsche zu machen." Heißen Kaffee gibt es ja auch nicht. Sophie sagt, sie hält es nicht aus. Sie hat sich bei einer Freundin einquartiert und kommt jeden Tag nur kurz Zuhause vorbei. 

Laut Bundesnetzagentur ist 2013 knapp 345.000 Kunden der Strom vorübergehend abgestellt worden, das sind rund 33.000 Fälle mehr als zwei Jahre zuvor. Die Verbraucherzentrale (VZ) geht von einer deutlich höheren Zahl aus. Aufrüttelnd in einem reichen Land. Von Energiearmut spricht die VZ in Nordrhein-Westfalen. Wie kommt es dazu?

Ein Grund von mehreren sind die stark steigenden Energiepreise, sagt Sylvia Groh von der VZ NRW. "Wenn man über ein nur sehr geringes Einkommen verfügt, hat die Stromrechnung ohnehin schon ein überproportionales Gewicht. Eine Erhöhung wird dann zur einer großen zusätzlichen Belastung." Und: "Viele der Betroffenen müssen mit schlechtem Wohnraum vorliebnehmen, ohne Wärmedämmung oder mit energiefressender Nachtspeicherheizung. Meistens ist auch kein Geld da für moderne, energiesparende Elektrogeräte."

Hintergrund: So teuer ist Strom pro Gerät FOTO: dpa, Rainer Jensen

Schwer ist es für Geringverdiener, Senioren mit schmaler Rente, Beziehern von Sozialhilfe oder Hartz IV, Studenten mit kleiner Geldbörse. "Oft führt mangelnde Finanz- und Planungskompetenz zu Energiearmut", weiß Groh. Die VZ in NRW bietet an acht Standorten Beratung an.

In 85 Prozent der Fälle finde man eine Regelung mit dem Versorger, die Sperre werde schnell aufgehoben. Es gehe nicht darum, notorische Nichtzahler zu schützen oder einen sorglosen Umgang mit Energie zu fördern. Eine Sperre stelle aber eine "existenzielle Bedrohung" dar. Versorger sollten möglichst mildere Mittel wie Ratenzahlungen prüfen.

Laut Gesetz kann die Strom- oder Gaslieferung gestoppt werden, wenn ein Verbraucher mit hundert Euro im Rückstand ist und auch nicht in Aussicht stellt, seiner Zahlungspflicht nachzukommen. Die Sperre muss vier Wochen vorher angekündigt sein. Vorsorgend bieten viele Unternehmen ihren Kunden Energieberatungen an, sagt ein Sprecher des Verbands der Energie- und Wasserwirtschaft. "In vielen Regionen kooperieren die Versorger auch mit der Wohlfahrt und den Sozialleistungsträgern, um Liefersperren zu verhindern."

"Dumme persönliche Umstände"

"Bei mir waren es dumme persönliche Umstände", erzählt Stefanie Becker. 2013 hat sie sich von ihrem Mann getrennt, bei Einrichtung separater Konten, neuen Adressen und Rechnungen ging vieles schief. Rechnungen und Mahnungen des Energieversorgers habe ihr Ex aus dem Briefkasten gefischt, schildert die 43-Jährige. Erst als sie angerufen wurde, ihr die Sperre auch mündlich angekündigt wurde, habe sie begriffen. 

VZ-Berater Jochen von Köller hat mit ihr einen Plan erarbeitet, wie sie die 2000 Euro, die sie schuldig ist, monatsweise abstottert. "Dazu kommt die normale Stromrate, das ist schon eine hohe Belastung", sagt die 43-Jährige. Sie arbeitet in einer Schuhfabrik, ist alles andere als Gutverdienerin. Fällig werden noch 100 Euro für das Strom-Freischalten, erläutert Rechtsanwalt von Köller.

Der Sperrzettel klebt auf einem Stromzählerkasten. Der Familie in Wuppertal wurde der Strom abgestellt. FOTO: dpa, jgu lof

Stefanie Becker fährt an den Wochenenden zu ihren Eltern. Wäsche waschen. Unter die warme Dusche. "Dann nach Hause zu kommen in die dunkle Wohnung ist schrecklich. Der erste Griff geht immer zum Lichtschalter." Ihr Wunsch: "Dass zu Weihnachten die Lichter angehen und wir es zusammen wieder gemütlich warm haben." 

(lnw)
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