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Früher Schläger, heute Sozialarbeiter
Ein Mann der Tat

Früher Schläger, heute Sozialarbeiter: Ein Mann der Tat
Bei der Arbeit mit Jugendlichen, die teils auch straffällig geworden sind, hilft dem Dortmunder Sascha Bisley seine schwierige Vergangenheit. FOTO: Bernd Thissen
Dortmund. Als Jugendlicher verprügelt Sascha Bisley einen Mann so schwer, dass dieser an den Folgen stirbt. 20 Jahre später versucht der Dortmunder, junge Menschen von ähnlichen Taten abzuhalten – die Geschichte einer Ausnahme. Von Sebastian Dalkowski

Sascha Bisley könnte den Schwarzwald durchwandern, ohne ein einziges Reh aufzuschrecken. Die Schultern hängen schmal herunter, mit den Oberarmen beeindruckt er keinen Zwölfjährigen. Sein Blick ist ein Friedensvertrag, der Schnurrbart ein umgekippter Viertelmond, dessen Spitzen Richtung Boden streben. Sascha Bisley ist 1,96 Meter groß und an so ziemlich jeder Stelle seines Körpers tätowiert, aber alles andere an ihm sagt: "Vor mir hast du nichts zu befürchten." Nicht mehr.

Bisley hat seit mehr als 20 Jahren ein Menschenleben auf dem Gewissen. Doch ohne diese Tat, ohne die Monate im Gefängnis, wäre der Dortmunder heute mit seinen 42 Jahren noch immer ein Krimineller. Oder tot. Oder anders kaputt. Auf jeden Fall würde er keine Musikvideos drehen, Bücher schreiben und Jugendliche davon abhalten, so zu werden, wie er es war. "Ich habe viel Glück gehabt", sagt er.

Schon als Kind quält er andere

Über Bisleys Leben lassen sich mehrere Geschichten erzählen. Eine handelt davon, dass niemand davor sicher ist, auf die schiefe Bahn zu geraten. Bisley kommt nicht als Gewalttäter auf die Welt. Eine Untersuchung während seiner Haft wird ergeben, dass in seinem Gehirn nichts falsch verdrahtet ist. Er wird auch nicht in einem Umfeld geboren, das ihm keine Chance gibt. Bisley, Jahrgang 1973, wächst als jüngstes von fünf Kindern im Sauerland in der Nähe von Hagen auf. Sein Vater ist bei Saschas Geburt bereits 66, er hat nur noch ein Bein und trinkt zu viel. Für Sascha ist er eher ein Opa. Er stirbt, noch bevor Sascha volljährig ist.

Gewalt gehört früh zu seinem Leben. Als Grundschulkind wird Sascha Teil einer Bande, die ein Nachbarskind zwingt, in einen eiskalten Fluss zu springen. Sie machen Wehrsportübungen, bauen sich eine Hütte im Wald, trinken Bier. Bisley schnüffelt Klebstoff. "Die Grundzüge waren bedenklich, aber nicht abnorm", sagt er heute über diese Zeit. Kinder können eben grausam sein. Die meisten von ihnen werden trotzdem nicht kriminell. Bisley wird es. Weil die Gewalt eine Lücke füllt.

Er ist kaum ein richtiger Teenager, als er die Leere in sich bemerkt. Bisley denkt viel nach. Er hat einen IQ kurz vor der Hochbegabung, auch das wird das psychologische Gutachten später ergeben. Er fühlt sich als Loser. Das Leben erscheint ihm als eine öde Abfolge wiederkehrender Ereignisse. Mit 13 hält er es nicht mehr aus. Er befestigt eine Schnur an einer Brücke und legt seinen Kopf in die Schlinge. Die Schnur reißt, er landet im Fluss.

Gegen Bisley laufen 17 Verfahren

Die Gewalt bestimmt immer mehr sein Leben. Er wird Hooligan, prügelt sich bei Fußballspielen, er kokst, hilft bei Drogendeals. In seinem Buch "Zurück aus der Hölle", das gerade im Econ-Verlag erschienen ist, schreibt er: "Mich durch Gewalt lebendig zu fühlen, mich überhaupt zu fühlen, war groß und bedeutsam. Eine willkommene Abwechslung zum stupiden Alltag, der aus Schule, Arbeit, Familie und der zu planenden Zukunft bestand."

Die Ausbildung zum Schlosser schließt er noch ab, kurz danach fliegt er raus und verliert die letzte Struktur in seinem Leben. 17 Verfahren werden gegen ihn aufgenommen wegen Körperverletzung, Nötigung, Raub, Erpressung, Waffenbesitz. Verurteilt wird er nie. Bis zu jener Nacht im September 1992. Bisley, 19, und ein Kumpel sind sturzbesoffen, als sie im Park auf einen Obdachlosen treffen. Er beleidigt sie, und Bisley reagiert, wie er auf Provokationen damals immer reagiert. Zusammen mit seinem Freund prügelt und tritt er auf den Mann ein, bis der sich nicht mehr rührt. Danach gehen sie. Für Bisley ist alles so wie immer, saufen und prügeln. Nichts Besonderes.

Als am nächsten Tag ein Sondereinsatzkommando vor der Tür steht, denkt er, die Polizisten müssen sich in der Adresse geirrt haben. Als er auf der Wache kurz seine Mutter sehen darf, dämmert ihm langsam, dass es nicht die übliche Schlägerei war. "Sag mir, dass das nicht wahr ist", sagt sie. Aber es ist wahr. Der Obdachlose kämpft im Krankenhaus ums Überleben. Ein Jahr später wird er an den Folgen sterben. Aber nicht, bevor er Bisley einen großen Dienst erwiesen hat.

Der Knast dreht ihn um

Es ist das letzte Mal, dass Bisley einen Menschen schlägt. Den einen ist es völlig egal, zum ersten Mal im Knast zu sitzen, für die anderen ist es der Warnschuss ihres Lebens. So einer ist Bisley. So stark er nach außen wirkte, so schwach ist er innerlich. Sein übliches Leben kommt zum Stillstand. Er kriegt gleich mal auf die Fresse. Er hat keinen Alkohol mehr, um seine Gedanken zu betäuben. Er kann nicht umherziehen. Er sitzt stundenlang alleine in seiner Zelle im Gefängnis seiner Heimatstadt und grübelt. Schuldgefühle plagen ihn. Schnell erkennt er, dass er in den vergangenen Jahren viel Scheiße angestellt hat. Er will möglichst schnell raus aus dem Knast, ein neues Leben beginnen. Doch noch bevor der Prozess beginnt, lässt sich Bisley zum ersten Mal Heroin spritzen. Danach denkt er: Ich versaue mir schon wieder alles. Mit einem Gürtel versucht er, sich an der Heizung in seiner Zelle die Luft abzudrücken. Doch der Gürtel löst sich, nachdem er ohnmächtig geworden ist. Nun ist ihm klar: Weglaufen ist nicht mehr. Er schreibt dem Opfer einen Brief und nimmt alle Schuld auf sich. Der Mann schreibt zurück. Seine Worte sind nicht feindselig.

Der Prozess beginnt knapp neun Monate nach Bisleys Tat. Am zweiten Verhandlungstag der Schock: Das Opfer selbst sagt als Zeuge aus. Doch der Mann sorgt mit dafür, dass Bisley nur drei Jahre auf Bewährung bekommt anstatt zehn Jahre Knast. Dem Richter erzählt er, dass Bisley ihm Briefe geschrieben habe. Dann geht er auf Bisley zu. Wartet, bis der aufgestanden ist. Dann gibt er ihm die Hand und sagt: "Junge, mach das nie wieder." Vom Richter fordert er eine milde Strafe.

Was tun gegen die Leere?

Nach dem dritten Verhandlungstag ist Bisley ein freier Mann. Die Sache mit dem neuen Leben ist ihm ernst. Noch bevor er seinen ersten Termin beim Bewährungshelfer hat, hat er eine Wohnung, einen Job in einer Aluminiumfabrik und eine Freundin. Er hat das Umfeld und den Charakter, die dafür sorgen, dass er nicht wieder rückfällig wird, wie es so vielen Straftätern passiert. Die Rückfallquote bei Körperverletzung liegt nach einer Studie, die das Bundesjustizministerium herausgegeben hat, bei knapp 42 Prozent. Bei Jugendstrafen mit Bewährung sind es 60 Prozent.

Doch gerettet ist Bisley noch lange nicht. Die Schuldgefühle lassen ihn nicht los. Er hat Alpträume. Bei jeder Trennung geht für ihn die Welt unter. Seine emotionale Hilflosigkeit macht es ihm schwer, selbst damit zurechtzukommen. Mehrfach geht er in Therapie. Und dann ist da noch immer diese Leere, die ihn in die Gewalt trieb. Er weiß, wenn er weiter in dieser Fabrik arbeiten wird, kehrt sie zurück. Er hat zwar keine Sorge, anderen etwas anzutun, aber sich selbst.

Zuerst hilft ihm eine neue Arbeit. Geschrieben hat er schon immer gerne, nun kommt das Filmen dazu. Ein Drehbuch für einen Kurzfilm zu verfassen, ist sein Erweckungserlebnis. Anstatt zu zerstören, erschafft er etwas. Von der Videoproduktion kann er mittlerweile leben. Außerdem bloggt er. Dann tut er etwas, was ihn wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

Rückkehr ins Gefängnis

Vor sieben Jahren hat er angefangen, im Auftrag von Städten, Schulen und sozialen Einrichtungen vor Jugendlichen zu sprechen. Den ersten Einsatz hat er im Jugendzentrum seiner Heimatstadt. Viele erkennen sich in seinen Erzählungen wieder. Auch wenn ihm klar ist, dass auch er nur einen kleinen Teil der jungen Leute erreicht, so hat er doch bessere Chancen, weil er authentisch ist und zeigt, dass es einen Ausweg gibt: Dein Leben muss nicht so scheiße bleiben, wie es ist. "Ein Blinder kann nicht von Farben erzählen", sagt er. Mittlerweile ist er im Auftrag des Landes NRW auch in Gefängnissen unterwegs, um mit Straftätern, die bald entlassen werden, Körpersprache zu üben, damit sie nicht gleich wieder in den nächsten Ärger geraten.

Seitdem er das macht, sind die Alpträume weniger geworden. Er hat das Gefühl, einen Teil seiner Schuld zu tilgen. Aber er sagt auch: "Ich bin kein Heiliger". Er braucht weiter seinen Rausch, immerhin ist der legal. Wenn er heute Wut in sich spürt, dann tut er das, was er "Luftfluchen" nennt: Die Leute übelst beschimpfen, aber nur in seinem Kopf. "Ich weiß, wozu ich fähig bin", sagt er. "Aber so was wie damals wird mir nicht noch mal passieren."

Vor einigen Monaten ist Bisley zum ersten Mal an den Ort zurückgekehrt, der ihn zu einem anderen Menschen gemacht hat. In dem Gefängnis, in dem er selbst fast ein Jahr saß, arbeitete er mit Häftlingen an ihrer Körpersprache. Danach fragt ihn ein Mitarbeiter, ob er seine alte Zelle sehen möchte. Bloß nicht, denkt Bisley. Und geht dann doch mit. Schon der Geruch auf dem Gang wirft das Kopfkino an. Die Zelle sieht so aus wie früher. Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Klo, Mülleimer. Die weiße Rippenheizung, an der er sich versuchte zu erhängen, ist noch da. Er geht schnell daran vorbei und setzt sich aufs Bett. Den Mitarbeiter bittet er, die Tür nicht zu schließen. Bisley wird still. Dann will er nur noch raus.

Sascha Bisley, Zurück aus der Hölle (Econ, 240 Seiten, 16,99 Euro)

Quelle: RP
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