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ICE-Unfall in Dortmund
"Die Ursachenforschung ist eine Sache von Tagen"

Entgleister ICE in Dortmund: Ursachenforschung wird noch Tage dauern
Volker Stall von der Bundespolizei neben dem Kranzug, mit dessen Hilfe der entgleiste ICE geborgen werden soll. FOTO: Helene Pawlitzki
Ein einziger Zug, der aus dem Gleis springt, kann den Zugverkehr in halb NRW lahmlegen. Die Bergung des ICEs im Dortmunder Hauptbahnhof wird noch viele Stunden dauern, die Ursachenforschung eher Tage und Wochen. Warum? Ein Interview mit Volker Stall, Sprecher der Bundespolizei in Dortmund. Von Helene Pawlitzki, Dortmund

Herr Stall, was wissen wir bisher gesichert darüber, was passiert ist?

Volker Stall Sicher wissen wir bisher nur, dass zwei Wageneinheiten entgleist sind. Die Ermittlungen dazu, warum das passiert ist, laufen. Die Kollegen haben Beweise gesichert, Daten aufgenommen und Fotos gemacht. Unterstützt werden sie dabei von der Eisenbahnunfall-Untersuchungsstelle des Bundes (EUB). Die EUB trägt die Daten zusammen, und erst dann kann man sagen, was die Ursache war.

Ohne spekulieren zu wollen: Was können denn Ursachen dafür sein, dass ein Zug entgleist?

Stall Da gibt es viele Möglichkeiten – und das macht die Ermittlungen auch so zeitaufwändig. Es kann an der Technik gelegen haben oder an menschlichem Versagen. Es könnte theoretisch natürlich auch Sabotage sein, wenn beispielsweise jemand ein Hindernis aufs Gleis gelegt hat. Wenn das so wäre, liegt gegebenenfalls auch ein Straftatbestand vor, etwa gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr.

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Und wenn es technisches oder menschliches Versagen war – wie sieht das dann genau aus?

Stall Auch da gibt es wieder viele Möglichkeiten. Wenn eine Weiche versagt hat, kann es sein, dass der vordere Teil des Zuges auf das eine und der hintere auf ein anderes Gleis fahren wollte. Wenn ein Signal versagt hat, hat der Triebwerkführer unter Umständen nicht richtig reagieren können. Es kann auch sein, dass im Stellwerk jemand falsch gestellt oder die Technik versagt hat. Oder es gab einen Defekt am Unterbau des Zugs.

Wie gehen die Ermittler vor?

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Stall Sie schauen sich alles ganz genau an: zunächst den Zug, aber auch seinen Fahrweg. Alle Teile der Gleis- und Signalanlage. Sie fotografieren die Weichen. Sie erheben Daten im Stellwerk, wer dort was eingestellt hat. Der Zug hat eine Art Fahrtenschreiber, damit kann man nachvollziehen, welche Entscheidungen der Triebwerksleiter getroffen hat. Der wird befragt, ebenso das Zugpersonal: Hat der Zug vielleicht schon unterwegs mal komisch gerüttelt? Alle diese Daten werden dann zusammengeführt, bis hoffentlich klar ist, wieso der Zug entgleist ist.

Was ist Ihre Prognose, wann es soweit ist?

Stall Das hier ist ein großer Einsatzraum, das macht nicht ein Mitarbeiter mal so eben, auch nicht zwei. Die Ursachenforschung ist eher eine Sache von Tagen als von Stunden.

Geborgen wird der Zug aber hoffentlich schon eher. Wann wird es soweit sein?

Stall Einen genauen Zeitplan gibt es nicht. Der Ablauf ist so: Die Kollegen geben die Unfallstelle frei. Dann wird die Bahn mit der Bergung beginnen. Zunächst werden die Oberleitungen zurückgebaut. Dann fährt ein Spezialzug neben die entgleisten Waggons. Der hat einen Kran, mit dem man die Waggons wieder aufgleisen will. Man muss schauen, wie weit das möglich ist, weil auch der untere Teil des Zugs beschädigt ist.

Der Rückbau der Oberleitungen führt dazu, dass heute nicht nur das Gleis mit dem ICE, sondern fast die Hälfte aller Bahnsteige im Dortmunder Hauptbahnhof nicht nutzbar sind. Warum sind die Oberleitungen so ein Problem?

Stall Der Kran braucht Bewegungsfreiheit. Und in so einer Oberleitung fließen 15.000 Volt Bahnstrom. Es wäre nicht so günstig, wenn die in Kontakt mit dem Kran kämen. 

 
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