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Erinnerung an NRW-Großraumdiscos
Aufbrezeln, Vorglühen, Abchecken

Erinnerung an NRW-Großraumdiscos: Aufbrezeln, Vorglühen, Abchecken
Party on: Stimmt der DJ einen Mitgröl-Hit an, stürmt alles auf die Tanzfläche (Symbolbild) FOTO: Archiv
Düsseldorf. Die "Königsburg" wird abgerissen, der "Delta Musik Park" ist pleite und das "Tarm Center" gibt's nur noch bei Wikipedia: Die goldene Zeit der Großraumdisco ist vorbei. Dabei waren die Mega-Clubs früher echte Sehnsuchtsorte für viele 90er-Kids. Unser Autor gehörte dazu.   Von Gianni Costa

Und dann kommt wieder dieses Lied. Nach den ersten Klängen bist du weit über Betriebstemperatur. Du denkst, du bist der coolste Typ auf der Welt, wenn du über die Tanzfläche schwankst und Bewegungen machst, die dir graziös vorkommen, während alle anderen dich belustigt ansehen.

In dieser Nacht, in diesem Moment Mitte der 90er-Jahre in der Großraumdiscothek Himmerich bei Heinsberg ist das alles total egal. Es läuft "Time of my life". Der DJ stellt ein ganzes Tablett Bier in Aussicht, wenn man es an der richtigen Stelle des Lieds schafft, eine Dame seiner Wahl in die Luft zu heben - wie im zugehörigen Film "Dirty Dancing".

Ungefähr 31 Versuche, Muskelaufbaupräparate und diverse Gänge ins Fitnessstudio waren nötig, um das Kunststück wenigstens einmal zu vollbringen. Der Wermutstropfen an der Geschichte: Nach Absetzen der zierlichen Frau gesellte sich ein grobschlächtiger Kerl dazu, der eine feste Beziehung mit meiner Auserwählten für sich reklamierte. Unsere beiden herbeigeeilten Freundeskreise verabredeten sich zum weiteren Austausch auf dem angrenzenden Parkplatz.

Merkwürdig leiser Abschied

Die Großraumdisco war ein magischer Ort. Glitzerkonfetti, Verzehrkarten und wummernde Bässe. Brennende Deko-Ölfässer auf dem Schotterparkplatz und Türsteher im schwarzen Anzug. Sie war ein Sehnsuchtsort für viele, die in den Neunzigern jung waren - in jedem Fall aber die beste Möglichkeit, alle Geschmäcker unter einen Hut zu bekommen. Und irgendwann sorgte ohnehin der Alkohol dafür, dass sich die Geschmäcker anglichen: Weil am Ende alle zusammen auf der Tanzfläche oder an irgendeiner Theke feierten.

Das allerdings ist lange vorbei. Die goldenen Zeiten für Großraumdiscos sind offenbar Vergangenheit: Institutionen wie die "Königsburg" in Krefeld haben zu, beim "Soundgarden" in Dortmund rollten 2014 die Bagger an. Auch das "Tarm Center" in Bochum oder der "Delta Musik Park" in Duisburg sind Geschichte. Immerhin in der Disco Himmerich läuft noch die Musik (laut Eigenwerbung: "Hardstyle, Mainstream, Best of all Times und HipHop"). 

Es ist ein merkwürdig leiser Abschied, wenn man bedenkt, wie wichtig diese Partyfabriken früher waren. So bemaß sich der Coolnessgrad einer Clique unter anderem am Aktionsradius für Ausflüge ins Großraum-Nachtleben. Von Mönchengladbach aus war die Standardanlaufstelle Himmerich. Als besonders galt es, von MG-Actiontown, wo es später das Colloseum in einem Industriegebiet gab, zum Beispiel ins E-Dry nach Geldern zu kommen (gibt's noch), in den Delta Musik Park (inzwischen insolvent) oder in die Rhein-Rock-Hallen nach Köln (inzwischen abgerissen).

Die Dramaturgie eines solchen Abends war immer gleich. Die Mädels brezelten sich auf, die Jungs besorgten was zum Vorglühen. Nicht selten wäre es nach dem Vorglühen bereits vernünftiger gewesen, die Tour nicht weiter fortzusetzen. Freundschaften wurden bei diesen Ausflügen auf Belastungsproben gestellt, schließlich musste man zunächst eine "Tür" überwinden, vor der finster dreinblickende Sicherheitskräfte tatsächlich Sätze sagten wie:

  • "Du kommst hier nicht rein",
  • "Hast du nicht noch Hausverbot?",
  • "Mit dem Outfit heute Abend leider nicht", oder:
  • "Fünf Jungs? Keine Chance!"  

Manchmal wurde aber auch nur einer aus der Gruppe rausgepickt. Der durfte dann nicht rein, weil er Turnschuhe trug, schon zu sehr glühte oder zur falschen Zeit den falschen Spruch in der Warteschlange losließ. Ging man nun ohne ihn feiern oder zeigten sich alle solidarisch und traten den Rückweg an? 

Die Eintrittskarte in eine Großraumdisco war die Verzehrkarte. Ein Lappen Papier, auf dem abgestrichen oder geknipst wurde, was man vertrunken hatte. Als Hauptgewinn galt, wenn man fälschlicherweise zwei Karten bekam, die man dann in Spirituosen eintauschte.

Endlose Diskussionen über verlorene Verzehrkarten

Der Trick an dieser Art der Abrechnung: Es stimmte nie. Was aber nicht weiter ins Gewicht fiel, weil zu einem wirklich gelungenen Abend gehörte, dass man Verzehrkarte und/oder Garderobenmarke am Ausgang nicht mehr finden konnte, was eine saftige Strafzahlung, mindestens aber endlose Diskussionen mit dem Personal nach sich zog.

Großraumdiscos waren praktisch, weil man quasi Dauerflanieren konnte. Niemand stand einfach einen ganzen Abend nur rum, im Prinzip war es ein ständiger Rundlauf: Abchecken der Umgebung, auf die Tanzfläche hetzen, weil der DJ einen Mitgröl-Hit anstimmt, verschwitzt an die Bar, torkelnd auf die Toilette, Bar, Tanzfläche und so weiter und so fort. Wer als Mann versuchte, auf einer Box zu tanzen, wurde unsanft von einem Stiernacken heruntergeholt – dieses Privileg war den Damen vorbehalten.

Größere Großraumdiscos rühmten sich mit der Zahl ihrer "Areas" - jeweils eine für Chartmusik, für Grunge, für Hardrock, R'n'B oder Schlager. In den Rhein-Rock-Hallen gab es sogar ein Kino zwischen zwei Tanzflächen, wo sich tatsächlich Menschen in Seelenruhe irgendwelche Filmklassiker anguckten. Einige schliefen aber auch einfach nur ihren Rausch aus.

Schaum bis unter die Decke

Ein besonderes Schauspiel gab es immer, wenn zu sogenannten Schaum-Partys geladen wurde, die heute vermutlich nicht mehr genehmigt würden, weil mitunter so viel Schaum auf die Tanzfläche gepumpt wurde, dass er bis zur Decke reichte. Dass die Klamotten hernach mitunter klitschnass waren, fiel nicht weiter ins Gewicht - irgendwann in diesen Nächten wurde man ja sowieso immer von irgendwem mit Bier besudelt.

Sehr spannend war auch immer der Moment, wenn man den eigentlich als Fahrer Auserwählten an der Theke traf - bei der Druckbetankung mit Wodka-Red-Bull. Beim Gang zum Auto wurde das später durchaus zum Problem: Eine Taxifahrt von Köln nach Mönchengladbach schied aus, weil a) Kartenzahlung noch nicht angeboten wurde und man b) die Rechnung ohnehin niemals hätte bezahlen können. Also blieb nur das Ausnüchtern im Auto oder einem benachbarten Schnellimbiss. Man schwor sich, so ein Wochenende niemals zu wiederholen.

Bis zum nächsten in einer Großraumdisco des Vertrauens.

 
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