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Erziehung und Erwachsenwerden
Durften Kinder früher wirklich mehr?

Erziehung: Durften Kinder früher wirklich mehr?
FOTO: dpa, Andreas Gebert
Düsseldorf. Im Rückblick hatten Kinder früher mehr Freiräume – aber stimmt das? Wir haben Eltern nach ihren Erfahrungen gefragt.

Luitgard Melot de Beauregard (38), drei Söhne (5, 8, 10), eine Tochter (1), Tönisvorst: Sie selber hatte eine glückliche Kindheit auf dem Lande. Und diese sollen auch ihre vier Kinder haben. Luitgard Melot de Beauregard wuchs im Emsland mit vier Geschwistern auf. Ihre Mutter ließ sie an der langen Leine, und die Geschwister passten auch aufeinander auf. Ihre drei Jungs im Alter von zehn, acht und fünf Jahren sollen selbstständig aufwachsen können. Gerade für kleine Kinder wie das einjährige Schwesterchen gibt es strikte Regeln, etwa nicht in Steckdosen zu fassen. All ihren Kindern werden Grenzen gesetzt. Sie dürfen nichts zerstören, sollen fremdes Eigentum respektieren und Tieren nicht wehtun. Aber sie sollen in Freiheit aufwachsen und Selbstbewusstsein entwickeln können. Die größeren Jungen fahren alleine mit dem Fahrrad zur Schule, auch zur Bibliothek, zum Hockey-Training oder zu Freunden. Doch alles dürfen sie auch nicht. So sind Computer und Handys bisher tabu.

Luitgard Melot de Beauregard (38), drei Söhne (5, 8, 10), eine Tochter (1), aus Tönisvorst. FOTO: RP

Philipp Rott (41), Vater von Finn (16), Hannes (9) und Emil (2), Rheinberg: "Wenn ich gucke, was Finn als Erstgeborener durfte und was wir früher durften, glaube ich gar nicht, dass es da wahnsinnige Unterschiede gibt. Es gab zwar immer wieder ,erste Male', bei denen man sich überwinden musste, das Kind laufen zu lassen: die erste Tour auf dem Dreirad um den Block, der erste Einkauf alleine beim Bäcker, erster Schulweg ohne Begleitung oder der erste Besuch in der Disco, aber im Großen und Ganzen haben wir uns als Eltern da vermutlich nicht anders verhalten als unsere Eltern: Wir mussten zwar für unsere Freiheit erst ein wenig kämpfen, haben aber dann letztendlich viele Freiheiten gehabt. Vor allem aber glaube ich, dass Kinder in ihrem Freizeitverhalten räumlich deutlich eingeschränkter werden. Wir waren bei uns überall unterwegs, keiner wusste, wo genau. Und ich glaube, im Internet und den sozialen Medien lauern heute viel mehr Probleme und Gefahren als im Maisfeld außerhalb der Stadtgrenzen."

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Uta Lenz (52), Mutter von Lina (9) und Tim (22), Wermelskirchen:
"Meine Tochter geht allein zur Schule – ist sie spät dran, werde ich schon nervös. Schließlich führt der Weg über die viel befahrene Kreisstraße. Da passiert es mal, dass ich mich ins Auto setze und losfahre. Meine Mutter damals hatte weniger Sorgen, es gab viel weniger Verkehr und mehr Freiräume. Wir wussten: Wenn's dunkel wurde, hatten wir zu Hause zu sein. Heute gibt es genaue Absprachen. Die Zeiten sind geregelt. Sonst hätte ich zu viel Angst. Soziale Netzwerke schüren zudem Ängste, schnell macht dort die Runde, dass wieder ein fremdes Auto vor der Grundschule gesehen wurde."

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Georg Koenen (47), zwei Söhne (16 und 10), Weeze: Er wohnt so richtig weit draußen, und das schon sein ganzes Leben lang. Am Rand von Weeze im Kreis Kleve ist Georg Koenen auf einem Hof aufgewachsen, wo Kinder "einfach so mitliefen". Schon als Erstklässler fuhr er mit dem Rad zur einen Kilometer entfernten Haltestelle des Schulbusses, abends durften die Jungs dreieinhalb Kilometer bis zum Fußballplatz radeln – und im Dunkeln zurück. "Wir haben im Wald Hütten gebaut, sind auf Bäume geklettert, haben uns versteckt. Stundenlang waren wir ohne Aufsicht." Undenkbar für seine Frau und ihn, den Söhnen heute diese Freiheiten einzuräumen. "Fahrgemeinschaften der Eltern sammeln die Kinder morgens ein, auch zum Sport bringen wir sie mit dem Auto." Ab etwa zwölf Jahren dürfen sie in Gruppen alleine nach Hause fahren. Koenen freut sich, wenn seine Jungs oft Freunde mitbringen, wie er das durfte. "So sind Freundschaften entstanden, die bis heute andauern."

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Claudia Blümchen-Knoll (50), vier Kinder zwischen 13 und 28, Leichlingen: In ihrer Kindheit fühlte sie sich durch die strengen Regeln ihrer Eltern oft eingeengt – "und ich wollte als Mutter selbst großzügiger sein, ihnen mehr Freiraum geben als ich ihn selbst damals hatte". Das erste Kind wurde ein bisschen mehr behütet, das gibt sie zu. Danach sei man gelassener. Jedenfalls sind alle ihre Kinder allein zur Schule und auch wieder nach Hause gekommen, sei es zu Fuß, mit dem Bus oder mit dem Fahrrad, das die beiden 13-jährigen Zwillinge Marie und Sophie heute noch nehmen. Sie durften und dürfen lange draußen spielen "und zum Einkaufen schicke ich sie ebenfalls alleine, sobald es irgendwie geht". Kochen und der Umgang mit Messern gehört ebenfalls dazu, die Selbstständigkeit müsse eben auch erfahren und gelernt werden.

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Marcel Preukschat (34), Vater von Mathilda (wird heute 6) und Viola (3), Düsseldorf: "Ich hatte Glück, meine Großeltern wohnten auf einer Art Hof und betrieben noch etwas Landwirtschaft. Nach der Kita oder der Schule hieß es für uns so gut wie immer: raus ins Freie und stundenlang spielen. Unsere Töchter erziehen wir zu größtmöglicher Selbstständigkeit. Zuletzt haben wir Viola mit einem anderen Kind alleine zu ihrer Freundin gehen lassen. Das war nur zwei Straßen weiter, aber es hat natürlich Überwindung gekostet. Meine Kindheit war ziemlich frei, aber natürlich mit Regeln versehen. Es hätte keinen Beifall gegeben, wenn wir die Wände außerhalb des Kinderzimmers bemalt hätten. Viel komplizierter als früher ist das Thema Medien. Klar kommen wir um ,Bibi und Tina' nicht umhin, aber wir würden unsere Mädchen nicht alleine vor dem TV-Gerät sitzen lassen."

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Jens Metzdorf (50), Vater von zwei Kindern (6 und 8 Jahre), Neuss:
"Wir waren viel mit dem Fahrrad unterwegs, das hält sich bei unseren Kindern – zumindest noch – in Grenzen. Aber sie gehen allein zur Schule, die allerdings auch in fußläufiger Entfernung liegt. Wenn Geburtstagseinladungen die Kinder in umliegende Stadtteile führen, werden sie mit dem Auto gebracht. Für den Bus sind sie uns im Moment noch zu klein, aber das wird kommen. Meine Frau Annekatrin und ich versuchen, in der Erziehung die Balance zwischen Vertrauen und Behütetsein zu halten. Beide Kinder besuchen die OGS mit Hausaufgabenbetreuung, aber natürlich schauen wir trotzdem drüber. Das gehört dazu, ebenso wie uns Zeit zu nehmen – zum Erzählen und für die festen Rituale: Vor dem Zubettgehen wird immer vorgelesen, und ich versuche, genau dann auch zu Hause zu sein. Dass die Kinder durch die OGS viel Zeit in der Schule verbringen, ist für uns als berufstätige Eltern ein Vorteil: Für mich klang das Wort Hort zwar früher noch befremdlich, das hat sich zum Glück heute grundlegend geändert."

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Andreas Rudolf (39), Marleen Rehwagen (33), Zwillinge Joost und Eny (2), Düsseldorf: "Wir sind beide jeweils in einem kleinen Ort aufgewachsen, und schon allein deshalb glauben wir, dass Enys und Joosts Kindheit anders wird. In der Stadt ist es noch mehr eine Trainingssache, wie sicher und selbstständig Kinder sich bewegen. Aber das werden sie lernen, und wir werden ihnen das zutrauen. Wir können nicht bis 25 die Hand über sie halten. Da man bei Zwillingen eh ab und zu ein Kind mal alleine irgendwo sitzen lassen muss, sind wir da etwas entspannter als Eltern eines Einzelkindes."

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Carmen Stappen (45), Mutter von Janick (17), Pascal (15) und Lara (13), Korschenbroich: "Wir haben unsere Kinder zur Selbstständigkeit erzogen. Aber auch wenn sie per Handy immer erreichbar sind, wollen wir nicht, dass sie zum Beispiel im Dunkeln am Bahnhof in Mönchengladbach sind – dann fahren wir sie lieber. Ich bin als Elfjährige alleine nach Chile zu Verwandten geflogen: Meine Mutter hat mich mit dem Bus nach Brüssel gebracht und am Flughafen einen Mann angesprochen, ob er ein wenig auf mich aufpassen würde. Ich musste in Madrid sogar umsteigen! Das können wir uns als Eltern heute gar nicht vorstellen."

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Gunter Bliss-Müller (47), Vater von Béla (9) und Bjarne (6), Düsseldorf:
"Nach der Schule sagte meine Mutter: ,Bis 17 Uhr will ich dich nicht mehr sehen.' Heute heißt es ,Wo gehst du hin? Melde dich, wenn du da bist.' Ich spielte im Wald und im Garten, bin auf Bäume geklettert. Meine Mutter sagte nur: ,Wenn du da runter fällst, bist du tot.' Heute sagen viele Eltern: ,Pass auf, sei vorsichtig! Schick ne SMS.' Ob das besser ist, weiß ich nicht. Neulich habe ich beobachtet, dass es für meine Söhne schwierig ist, auf Opas Apfelbaum zu klettern. Obwohl sie viel Sport machen, haben sie koordinative Probleme. Sie sind eben Stadtkinder, können andere Sachen: Ich hätte mich als Sechsjähriger nicht so gut im Straßenverkehr zurechtgefunden. Ich finde, Eltern sollten gelassener sein und Kinder mal machen lassen."

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