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Wie es mit dem Gebäude in Wuppertal weitergeht
Evakuiertes Hochhaus – "Es hängt an dem Eigentümer"

Video: Dämmung wie im Grenfell Tower: Hochhaus in Wuppertal evakuiert
Wuppertal. 71 Bewohner haben am Dienstag aus Brandschutzgründen ein Hochhaus in Wuppertal verlassen müssen – jeder mit nur einem Koffer. Stadt und Mieterbund erklären, warum das nötig wurde. Wann die Mieter dauerhaft zurück in das Haus können, steht derzeit noch in den Sternen.  Von Dana Schülbe

Weil in der Fassade brennbares Material verbaut ist, hatte die Stadt Wuppertal am Dienstag entschieden, das elfstöckige Hochhaus zu räumen. Die Entscheidung war am Vormittag getroffen worden, am Abend war das Gebäude geräumt. Einige Bewohner aber sind sauer. Sie sagen, sie mussten innerhalb von 20 Minuten ihre Wohnungen verlassen und hatten nicht richtig Zeit zu packen. 

"Die Bewohner sind zeitnah informiert worden", sagt eine Sprecherin der Stadt. Dies sei durch Mitarbeiter der Stadt geschehen, die durch das Haus gegangen seien. "Dass die Bewohner eventuell nur kurz Zeit hatten, die wichtigsten Sachen zu packen, kann durchaus möglich sein. Aber die Räumung musste am Dienstag passieren, das Haus ist so nicht bewohnbar." 

Hochhaus in Wuppertal wegen Brandgefahr evakuiert FOTO: dpa, sab

Den Bewohnern soll aber am Mittwoch die Möglichkeit eingeräumt werden, weitere Habseligkeiten aus dem Haus zu holen – in Begleitung städtischer Mitarbeiter, denn bleiben dürfe niemand in dem Haus. Nach Angaben der Sprecherin wurden bereits die Schlösser der Wohnungen ausgetauscht, und das Gebäude wird durch einen Sicherheitsdienst bewacht. "Das klingt zwar drastisch, dient aber dem Schutz von Leib und Leben", sagt Silke Gottschalk, vom Deutschen Mieterbund Nordrhein-Westfalen. 

Ab nächster Woche könnten die Bewohner dann Termine machen, wenn sie in ihrer Wohnung wollten, um etwas zu holen, hieß es bei der Stadt Wuppertal. Wann sie dauerhaft in ihre Wohnungen zurückkehren können, ist noch völlig unklar.

Mieter können Schadensersatz geltend machen

Mieter können die Mehrkosten, die ihnen durch die Suche nach einer Ersatzwohnung entstehen, als Schadensersatz beim Vermieter geltend machen, erklärt Mietrechtsexpertin Gottschalk. Notfalls auch mit einer Klage. 

Der Eigentümer des Hochhauses reagierte inzwischen, wie die Stadtsprecherin sagt. Demnach will die Immobiliengesellschaft mit Sitz in Berlin die Mängel beim Brandschutz beseitigen und damit die Bewohnbarkeit des Gebäudes wieder herstellen. Die Stadt könne diesbezüglich nicht selbst tätig werden, sagt die Stadtsprecherin. "Eine Ersatzvornahme, die aus Steuermitteln bezahlt wird, ist nur möglich, wenn Gefahr in Verzug ist. Da das Gebäude nun aber leer ist, ist dies nicht der Fall."

"Es hängt an dem Eigentümer", sagt die Stadtsprecherin. Man hoffe nun, dass die Tatsache, dass nun keine Mieten mehr fließen, helfen wird, das Ganze zu beschleunigen. Denn Mieter können die Miete zu 100 Prozent mindern, wenn das Gebäude als "unbewohnbar" gilt. Das bestätigt auch die Mietrechtsexpertin.

Mit dem Tag, an dem die Fassade runter sei, könnten die Bewohner aber zurück in ihre Wohnungen – selbst wenn es dann zunächst an dem Haus keine Wärmedämmung gebe, heißt es bei der Stadt Wuppertal.

Immer wieder Besitzerwechsel

Allerdings hatten in der Vergangenheit auch Zwangsgelder nicht geholfen, dass sich die Situation in dem Haus ändert. Denn dass es Missstände gebe, sagt die Stadtsprecherin, sei das erste Mal im Jahr 2010 aufgefallen. Da es aber immer wieder zu Besitzerwechseln gekommen sei, "fängt man bei jedem Besitzer wieder ganz unten an".

Bei der jüngsten Brandschau sei dann herausgekommen, dass eine Brandmeldeanlage, die durch alle Einheiten gehe, nicht vorhanden sei. Diese Kombination sei – auch angesichts des Brandes im Grenfell-Hochhaus in London – der Grund gewesen, warum man sich zur Räumung entschieden habe. "Das ließ sich einfach nicht vermeiden", sagt die Stadtsprecherin. "Das Risiko konnten wir nicht eingehen."

Den Bewohner, die nicht bei Verwandten unterkommen können, wurden Ersatzwohnungen angeboten. Die Stadt verfügt über ein gewisses Kontingent an Wohnungen, die etwa für Menschen genutzt werden können, in deren Wohnung es gebrannt hat. Auch Flüchtlinge hätten dort bei Bedarf einziehen können. Nach Aussage der Stadt sind die Wohnungen voll eingerichtet – bis zur Bettwäsche und Geschirr. 

Wann die Überprüfung der anderen 70 Hochhäuser in Wuppertal erfolgen soll, dazu konnte die Sprecherin am Mittwochvormittag noch nichts sagen.

SPD fordert landesweite Überprüfung von Hochhäusern

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag NRW, Sarah Philipp, fordert den neuen zuständigen Minister der künftigen NRW-Landesregierung auf, alle Wohngebäude in Nordrhein-Westfalen, die höher als 22 Meter sind, darauf zu überprüfen, ob dort brennbares Material an der Außenfassade verbaut wurde. "Die Sicherheit der Bewohner steht jetzt an erster Stelle. Das ist die Lehre aus der Katastrophe von London", sagt Philipp unserer Redaktion.

Auch Bundesbauministerin Barbara Hendricks spricht sich für eine Überprüfung aus. Die Bauministerkonferenz werde "kurzfristig erheben, wo es solche Bauten geben kann", sagt die SPD-Politikerin. Sie habe deswegen mit dem Vorsitzenden der Konferenz gesprochen, Sachsen-Anhalts Landesminister Thomas Webel (CDU). Man werde überlegen müssen, ob man die Abstände der regelmäßigen Sicherheitsüberprüfungen verkürze, sagt Hendricks. Sie appellierte an die Besitzer der Häuser, mit den Bauordnungsbehörden gemeinsam rasch zu handeln.

 
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Evakuiertes Hochhaus in Wuppertal: Türschlösser ausgetauscht, Sicherheitsdienst bewacht Gebäude


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