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Hilferuf aus Neuss
Flüchtlinge bedrohen Heimpersonal

Hilferuf aus Neuss: Flüchtlinge bedrohen Heimpersonal
FOTO: Woitsch�tzke, Andreas
Neuss. Vor allem Männer aus Nordafrika sorgen in Flüchtlingsheimen zunehmend für Probleme. Betreuer der Neusser Einrichtung haben einen Hilferuf formuliert. Im Landtag fordert die CDU, die Vorgänge nicht weiter zu beschönigen. Von Christoph Kleinau

Der Hilferuf kommt per Mail: "Unsere Gäste aus Nordafrika laufen völlig aus dem Ruder", schreibt Stephanie Held an ihre Vorgesetzten bei der Bezirksregierung Arnsberg. Ihr Lagebericht aus der Asylbewerberunterkunft in Neuss ist eine Auflistung von Zumutungen für Beschäftigte und Mitbewohner: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Bedrohung, Beleidigung, Schlägereien und Sachbeschädigungen bis hin zu total demolierten Zimmereinrichtungen. "Ich bitte um Ihre Hilfe!", schließt sie fast flehentlich.

Der Bericht aus der zentralen Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge des Landes in einem ehemaligen Krankenhaus in Neuss macht ein Problem erkennbar, das Christoph Söbbeler, Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg, auch aus anderen der landesweit 20 Zentralunterkünften kennt. Es gebe unter den Flüchtlingen einige, die "im Umgang problematisch sind", formuliert Söbbeler vorsichtig. Er kann die Gruppe sogar benennen: "Häufig sind das alleinreisende Männer aus den Staaten Nordafrikas."

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Diese Personengruppe war gestern auch im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags Thema. Der CDU-Innenexperte Werner Lohn sprach von einer erheblichen Zunahme von Zwischenfällen und "erheblichen Anpassungsproblemen" von Männern aus Nordafrika. Die Landesregierung, so Lohn, dürfe diese gravierenden Vorgänge "nicht weiter beschönigen". Innenminister Ralf Jäger (SPD) warnte hingegen vor Pauschalierungen und warb in gewisser Hinsicht um Verständnis. Diese alleinstehenden Männer aus Nordafrika, aber auch einer ganzen Reihe "zusammengebrochener Staaten", hätten sich vor ihrer Ankunft in Deutschland bereits seit Jahren auf den Straßen verschiedener europäischer Länder durchgeschlagen. Ein Mann aus diesem Personenkreis sorgte vor kurzem für Aufsehen, als er im Lukaskrankenhaus in Neuss nachts erst eine Ärztin und zwei Krankenschwestern mit einer abgebrochenen Flasche bedrohte und später die alarmierte Polizei damit attackierte. Nur ein Schuss ins Bein konnte den psychisch auffälligen Marokkaner stoppen. Zwei Tage später wurde er in das psychiatrische Krankenhaus St.Josef/St.-Alexius in Neuss eingewiesen.

Situationen wie diese sind kein Einzelfall: Martin Köhne, ärztlicher Direktor des Krankenhauses, schlägt deshalb seinerseits Alarm. Man habe es seit einigen Wochen mit einer wachsenden Zahl von Flüchtlingen mit psychischen Problemen zu tun, schreibt er unter anderem an die Neusser Stadtverwaltung. Darüber müsse man reden.

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Das meint auch der Neusser Sozialdezernent Stefan Hahn. "Ich fasse den Brief als Hilferuf auf, der berechtigt ist", sagt er. Hahn will spätestens in der ersten Dezemberwoche zu einem Krisengipfel einladen, bei dem die Probleme auf den Tisch sollen. "Wir werden nicht länger zuschauen", sagt Hahn. "Da frage ich auch nicht nach Zuständigkeiten."

Einen ersten solchen "Gipfel" hat es schon gegeben. Anfang der Woche kamen dazu auf Initiative der Neusser Polizei der Betreiber European Homecare, Vertreter der Bezirksregierung und des Wachdienstes S.E.T. zusammen. Auch dort spricht man von "unglaublichen Zuständen", berichtet Frank Berkemeier von der S.E.T.-Geschäftsleitung. Ergebnis: Regelmäßige Konsultationen, verstärkte Eingangskontrollen, stärkere Polizeipräsenz und, so ergänzt Christoph Söbbeler von der Bezirksregierung: "Medikamentenausgabe nur noch in Anwesenheit von Sicherheitspersonal."

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S.E.T. hatte den Sicherheitsdienst übernommen, nachdem die Betreiberfirma European Homecare auf Verlangen des Innenministers den alten Wachdienst austauschen musste. Grund waren gewaltsame Übergriffe auf Flüchtlinge in anderen Einrichtungen dieses Betreibers. "Wir sind hochsensibilisiert", sagt Berkemeier - und das hat sich bei dem problematischen Teil der Hausbewohner herumgesprochen. Das Wachpersonal wird täglich provoziert und bedroht, und oft haben die Streithähne dabei die Handy-Kamera schon gezückt. "Wir bekommen zu hören: Fasst du mich an, bist du morgen in der Presse", sagt Berkemeier.

Ähnliche Erfahrungen hat auch der Neusser Arzt Hermann-Josef Verfürth gemacht. Er hält seit zwei Jahren auf Bitten des Kreisgesundheitsamtes Sprechstunden in der Einrichtung ab und übernimmt zudem die Untersuchung der Neuankömmlinge. "Ich helfe gerne den Menschen, die verfolgt werden und schlimme Traumata haben", betont Verfürth. Aber als ihn 15 Nordafrikaner in der Sprechstunde drangsalierten und Medikamente verlangten, "da hatte ich wirklich Schiss".

Quelle: RP