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Ein Wiedersehen nach zwölf Monaten
Wie eine syrische Flüchtlingsfamilie ihr erstes Jahr in NRW erlebte

So lebt eine syrische Flüchtlingsfamilie in Münster
So lebt eine syrische Flüchtlingsfamilie in Münster FOTO: Christoph Reichwein
Münster. Vor einem Jahr kamen der Syrer Mazen Zuaihd und seine Familie im Flüchtlings-Zeltlager in Duisburg-Walsum an. Dort traf unsere Autorin sie zum ersten Mal. Seitdem ist viel passiert. Wie geht es der Familie heute? Wie leben sie? Bereuen sie die Flucht nach Deutschland? Ein Besuch. Von Laura Sandgathe

Münster. Eine Drei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses. Mit Balkon, hinter dem die Züge der Westfalenbahn entlang rattern. Im Wohnzimmer Möbel in zurückhaltendem Weiß, im Kinderzimmer selbstgemalte Bilder. "Wir gehören zu denen, die Glück hatten", sagt Mazen Zuaihd.

Mazen Zuaihd (41), seine Frau Kathia Kurbag (32) und ihre zehnjährige Tochter Maya stammen aus einer Stadt im Süden Syriens. Vor rund einem Jahr beschließen sie, ihr Land, in dem bis heute Bürgerkrieg herrscht, zu verlassen. Zuerst geht es nach Italien, doch das Ziel soll Deutschland sein. Schließlich kommen sie im Zeltlager in Duisburg-Walsum an. "Das war am 3. September 2015 gegen 18 Uhr", erinnert er sich.

Fotos: #ZufluchtNRW: So leben Flüchtlinge in unserer Region FOTO: RPO, Laura Sandgathe

Durch Zufall nach Münster

Seit diesem Tag ist ein Jahr vergangen und viel passiert. Bis in ihre gepflegte, helle Wohnung in Münster ist es ein weiter Weg für die Familie. Zunächst bleiben sie vier Wochen in Walsum. Dann bricht sich Tochter Maya das Handgelenk – unmittelbar, bevor das Zeltlager aufgelöst und die Bewohner auf andere NRW-Städte verteilt werden. Die Familie ist im Krankenhaus, als ihr Name aufgerufen wird.

Als der Fehler auffällt, wird die Familie zunächst in eine Unterkunft in Duisburg-Neumühl gebracht. Nach zwei Wochen in dem ehemaligen Krankenhaus, das Mazen Zuaihd als "überfüllt" beschreibt, steht ihr Name dann endlich wieder auf einer Liste. "Machen Sie Ihr Fahrrad startklar", habe der Betreuer gesagt. Es geht nach Münster.

Zunächst in eine ehemalige Kaserne, dann in ein Haus, das sie sich mit vier Familien teilen. "Das war eine schwierige Unterkunft", erinnert sich der Syrer. Die dreiköpfige Familie hat nur ein Zimmer für sich und ihre persönlichen Sachen, Küche und Bad teilen sie sich mit den anderen Bewohnern. Es sei unruhig gewesen und eng. Privatsphäre habe es kaum gegeben, erinnert sich Mazen.

"Es war eine harte Zeit"

Die Wohnsituation im Zeltlager und in den Notunterkünften ist ungewohnt für die Familie. Vor der Flucht hat Mazen Zuaihd als Sales Manager und im Rechnungswesen gutes Geld verdient. Er hat lange in Dubai gelebt und gearbeitet, aber auch im Libanon und in Abu Dhabi. Zuletzt lebten sie wieder in Syrien, doch dort sehen sie keine Zukunft. Mazen Zuaihd und Kathia Kurbag entscheiden sich zur Flucht.

Auf ihrem Weg nach Deutschland werden sie all ihr Geld ausgeben, es wird für Flugtickets, Busfahrkarten, Schmiergelder draufgehen. "Ich habe in die Zukunft meiner Tochter investiert", sagte Mazen Zuaihd bei unserem ersten Treffen im September 2015 in Walsum. Es sei eine harte Zeit gewesen, mit großen Veränderungen für die Familie. "Aber wir wollten das durchstehen, und wir haben immer auf die Zukunft geschaut", sagt er.

Und die Familie bekommt Unterstützung. Eine Journalistin aus Köln, die sie in Walsum kennengelernt haben, hält den Kontakt und erfährt von der schwierigen Wohnsituation. Sie ergreift die Initiative und sucht der Familie über das Internet eine Wohnung. Sie überzeugt die Vermieterin, die Flüchtlinge einziehen zu lassen und auch das Sozialamt, das sich zunächst quer stellt und nicht für die Wohnung zahlen will. Mindestens ein Jahr lang müssten Flüchtlinge in Übergangsheimen leben, bevor sie in eine eigene Wohnung ziehen dürften. So sei die Regel, heißt es beim Amt. Doch die Kölnerin lässt nicht locker. Zusammen mit der Vermieterin schenkt sie der Familie schließlich auch noch die Küche, außerdem den Küchentisch und Schränke fürs Wohnzimmer.

"Man lernt deutsche Nachbarn kennen und Mülltrennung"

"Ihre Hilfe war überwältigend", sagt Mazen Zuaihd. Doch er weiß, dass er seine Zukunft in Deutschland nicht allein auf die Unterstützung anderer bauen kann. Dafür ist er auch gar nicht der Typ, "jeder muss sich selbst integrieren", sagt er. Wenige Tage nach ihrem Umzug in die eigene Wohnung im vergangenen Dezember beginnen Mazen Zuahid und Kathia Kurbag einen Sprachkurs. Fünf Tage die Woche lernen sie Deutsch. Das sei für sie das Wichtigste und gleichzeitig die größte Herausforderung, sagen sie.

Beide können sich mittlerweile gut verständigen, im Supermarkt einkaufen, auf Deutsch fernsehen. Am besten aber spricht Tochter Maya, nahezu ohne Akzent. Die Zehnjährige, die ein bisschen schüchtern ist, kommt in der Schule gut mit. Sie geht in die vierte Klasse, ihre Lieblingsfächer sind Kunst und Englisch, ihre Lieblingsfarbe Blau. Jungs hält sie für "verrückt", und sie züchtet auf dem Balkon Paprika. Nachmittags spielt sie mit ihren Freunden im Garten oder geht zum Hip-Hop, zum Ballett oder zum Filzen. Letzte Woche hat sie eine Pizza gefilzt, nächste Woche will sie eine Handytasche machen. Ihre Eltern hoffen, dass sie nächstes Jahr aufs Gymnasium gehen kann.

Es heißt, dass es Kindern leichter als Erwachsenen fällt, sich einzuleben. Ein bisschen scheint es auch bei Familie Zuaihd so zu sein. Doch auch die Eltern kommen immer mehr in Deutschland an. "Seit wir hier die Wohnung haben, hat sich unsere Situation stabilisiert. Wir fühlen uns schon ein wenig zuhause", sagt er. Zumal Münster ihn an seine Heimatstadt in Syrien erinnere. Seiner Meinung nach ist eine eigene Wohnung einer der Schlüssel zum Ankommen in Deutschland: "Man lernt deutsche Nachbarn kennen und alles über Mülltrennung."

Entscheidung über Asyl steht noch aus

Die Familie organisiert ihr Leben Stück für Stück neu. Mazen Zuaihd konzentriert sich auf das Deutschlernen, sucht aber nebenbei schon nach einem Job. Derzeit macht er sein zweites Praktikum, bei einer Exportfirma in Münster, die Geschäftsbeziehungen zu Ländern im Nahen Osten unterhält. So etwas kann er sich auch für die Zukunft vorstellen. Doch er ist flexibel: "Ich könnte auch ein arabisches Restaurant aufmachen." Kathia Kurbag ist Hausfrau und Mutter, spielt aber mit dem Gedanken, ihre Leidenschaft zum Beruf und eine eigene Bäckerei oder einen Süßwarenladen zu eröffnen.

Pläne, Zukunftsmusik. Ankommen in der neuen Heimat, das ist harte Arbeit, auch noch nach einem Jahr. Doch die Zuaihds wollen sich eine Zukunft in Deutschland aufbauen. Zurückgehen nach Syrien ist für sie keine Option, auch wenn noch ein Teil der Familie dort lebt und sie "manchmal Heimweh haben." Trotzdem: "Es war die beste Entscheidung, nach Deutschland zu kommen", sagt Mazen Zuaihd.

Die Familie hat Freunde und Verwandte in Deutschland, Kathias Schwester lebt mit ihrer Familie ebenfalls in Münster. Deutsche Freunde haben sie noch nicht, das brauche mehr Zeit, glauben sie. Die Leute seien freundlich und hilfsbereit, aber zurückhaltend. Zwar habe alles seine guten und schlechten Seiten, so auch in Deutschland, doch auf die Frage nach einem konkreten Beispiel dafür, was ihnen hier nicht gefällt, fällt der Familie nichts ein. "Es ist gut in Deutschland, die Schule ist gut, die Leute sind nett", sagt Kathia Kurbag. Nur das Wetter könne besser sein, es regne so viel. Eine typische, eine bescheidene Antwort. Sogar mit der Arbeit der deutschen Behörden sind sie weitgehend zufrieden und dankbar für die Unterstützung. "Sie könnten aber ein wenig flexibler sein", findet Mazen Zuaihd.

Doch ebendiese Behörden könnten der Familie noch einen Strich durch die Pläne machen: Erst im vergangenen Juli hatten sie ihr Interview mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). "Hiermit haben Sie sich um Asyl beworben", habe der Mitarbeiter beim Bamf danach gesagt. Ob sie in Deutschland bleiben dürfen, werden sie erst in den nächsten Wochen oder Monaten erfahren. Aber die Familie bleibt positiv und will die Zeit nutzen: Mazen Zuaihd macht seinen deutschen Führerschein. Und Tochter Maya muss los zum Hip-Hop.

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