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Flüchtlinge
Jung, syrisch, lesbisch

Flüchtlinge: Jung, syrisch, lesbisch
Für Privatsphäre, gar Intimsphäre ist hier wenig Raum: Blick in eine Flüchtlings-Notunterkunft in Mecklenburg-Vorpommern. FOTO: Dpa
Düsseldorf. In Unterkünften erleben Flüchtlinge Diskriminierung und Gewalt. Selbst der Interessenverband rät, Homosexualität zu verschweigen. Von Klas Libuda

Eigentlich sind sie ein Liebespaar, aber das behalten Amina und Zahra (Namen geändert) für sich. Immer mal wieder werden die Frauen gefragt, ob sie Freundinnen sind. Dann nicken sie bloß. "Wenn die anderen über uns Bescheid wüssten, hielten sie uns für komisch", sagt Amina, "sie würden sich von uns bedroht fühlen."

Die junge Syrerin, die mit ihrer Partnerin aus Damaskus geflohen ist, spricht nicht über deutsche Fremdenfeinde, sondern über manche ihrer Mitbewohner in einer Flüchtlingsunterkunft im Rheinland. Dutzende Menschen leben dort, teilweise aus Ländern kommend, in denen Homosexualität ein Tabu ist oder gar verfolgt wird. Geflohen sind Amina und Zahra aus dem Bürgerkrieg, über die Türkei und Griechenland bis Deutschland - aber sicher fühlen sie sich noch nicht.

Deutschlandweit Probleme in Unterkünften

Immer wieder wurde in den vergangenen Monaten von Spannungen und Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften berichtet, auch von Übergriffen und sexueller Gewalt, etwa gegen geflohene Frauen und Homosexuelle. "Probleme gibt es deutschlandweit in den Unterkünften", sagt Markus Ulrich, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland.

Die Unsicherheit unter schwulen, lesbischen und transsexuellen Flüchtlingen sei groß. Zum einen, weil die Betroffenen Angst vor Anfeindungen hätten, zum anderen, weil sie mit der Situation nicht umzugehen wüssten. "Sie wissen nicht, ob die Bedrohung von der Heimleitung ernst genommen wird", sagt Ulrich. "Hinzu kommt, dass das Gewaltpotenzial steigt, wenn Menschen auf engem Raum zusammenleben." Unter diesen Umständen seine Homosexualität öffentlich zu machen - "dazu können wir niemandem raten".

Fotos: Wo Flüchtlinge wohnen können FOTO: dpa, rwe jai

In Dresden wurden homosexuelle Flüchtlinge mit Steinen beworfen und gezwungen, die Damentoilette zu benutzen, berichtete neulich die Deutsche Presse-Agentur. "Wir mussten für die anderen Männer tanzen, wie Frauen", erzählte eines der Opfer. Es ist offenbar so, dass die Verhältnisse, die in arabischen Ländern herrschen, in deutschen Flüchtlingsheimen fortbestehen. Verbreitete Vorurteile werden bei der Flucht nicht zurückgelassen, sondern mitgebracht: Homosexualität ist tabu. Das Männerbild ist archaisch. Frauen sind ohnehin in der Unterzahl. Nur ein Drittel der Flüchtlinge in Deutschland ist weiblich, hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erhoben.

Solidarität aus der falschen Ecke

Es ist nicht leicht, über die Verhältnisse in den Heimen zu sprechen. Ein homosexueller Iraker, der in Ostwestfalen untergebracht ist, möchte zunächst von seiner Situation erzählen, sagt dann aber wieder ab. Es meldet sich eine Vertraute und entschuldigt den Mann: "Die Angst ist zu groß." In den Medien zu erscheinen, sei ihm doch zu riskant. Auch die Helfer sind vorsichtig. Sie wollen bloß nicht instrumentalisiert werden. Plötzlich erlebe er "falsche Solidarisierungen" durch Rechtspopulisten, erzählt Markus Ulrich. Denen sei Gleichstellung bislang herzlich egal gewesen. "Jetzt sagen sie: Die Flüchtlinge passen hier nicht her. Wir haben Gleichheit von Mann und Frau und Homosexuellen."

Die Probleme aber gibt es, sie zu verschweigen, hilft niemandem. Kürzlich ließ das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das mehr als 120.000 Flüchtlinge in 380 Notunterkünften betreut, Empfehlungen zum Schutz geflohener Frauen an seine Helfer verteilen. "Flüchtlingsfrauen leben relativ isoliert in den Unterkünften, und sie wissen kaum um ihre Rechte bei Gewalt", heißt es darin. Und: "Mädchen und Frauen müssen darüber aufgeklärt werden, dass sie körperliche und sexualisierte Gewalt nicht hinnehmen müssen." Die Empfehlungen habe man "vorsorglich herausgegeben", betont ein DRK-Sprecher. Vereinzelte Übergriffe aber seien bekannt.

Auch die Bundesregierung hat reagiert: Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat Maßnahmen zum Schutz von geflohenen Frauen und Kindern angekündigt. Schwesig reagierte auf einen Bericht des Kinderhilfswerk Unicef, der Einzelfälle von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in Aufnahmeeinrichtungen dokumentierte sowie auf Verdachtsfälle sexueller Ausbeutung von Frauen und Mädchen hinwies, übrigens auch durch Personal und Helfer. Im kommenden Jahr sollen bis zu 200 Millionen Euro investiert werden, um Schutz- und Spielräume sowie getrennte Toiletten für Männer und Frauen einzurichten. Wie viele Übergriffe es zuletzt gegeben hat, vermochte Schwesig nicht zu sagen. Die Dunkelziffer, so vermutete die Ministerin, sei wohl recht hoch, weil sich viele Frauen nicht trauen würden, die Fälle zu melden.

Passiert sei ihnen bislang nichts, sagt Amina, die junge Syrerin, die mit ihrer Partnerin geflohen ist. Die beiden hielten sich in ihrer Unterkunft zurück, sagt sie, damit das auch so bleibe. Amina und Zarah hoffen, bald umziehen zu können. Helfer, die eingeweiht sind, bemühen sich, das Paar privat unterzubringen. Wenn alles klappt, möchte Amina dann wieder ihr Studium aufnehmen. In Damaskus hat sie einen ersten Abschluss in Betriebswirtschaftslehre gemacht.

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Quelle: RP
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