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Flüchtlingsdebatte
Herr Weber widerspricht

Flüchtlingsdebatte: Herr Weber widerspricht
Hat eine klare Meinung zum Umgang mit Flüchtlingen – und äußert sie auch, selbst wenn er damit Menschen verprellt: Manuel Weber (34) aus Reichshof im Oberbergischen Land. FOTO: Tobias Jochheim
Düsseldorf. Besuch bei einem CDU-Mitglied, das sich nicht scheut, bei Facebook zur Flüchtlingsdebatte zu sagen, was man ja wohl noch sagen dürfen wird. Von Tobias Jochheim

Und dann steht er da: Die Lippen schmal, die Beine breit, die tätowierten kräftigen Arme verschränkt, in den Augen ein Ausdruck stoischer Entschlossenheit, der ihn von professionell-gelangweilten Türstehern unterscheidet. Das hier ist persönlich, vor einem steht ein Mann wie eine Widerstandsbewegung. Und er steht nicht irgendwo, sondern auf einer Anhöhe über einem Ort namens Reichshof in der Abgeschiedenheit des Oberbergischen Landes, in den er ganz bewusst gezogen ist.

"Das gibt aber kein 'Like' vom Führer..." – jeder, der in Facebookgruppen auf Hasskommentare trifft, kann sie mit Screenshot und Link an "Hass hilft" melden. Ehrenamtliche Mitarbeiter der Kampagne antworten dann mit so einem Bild – und leiten je einen Euro von Sponsoren an einen guten Zweck weiter. FOTO: facebook.com/HassHilft

Manuel Weber (34), selbstständiger Vertreter für alles rund um Wintergärten und Terrassen, macht Smalltalk über den nahen Affen- und Vogelpark, und man wundert sich, dass er diese Vorlage nicht nutzt, um sich über die komischen Vögel und eben all die Affen aufzuregen, die tagtäglich propagandaähnliche Desinformationen zur Flüchtlingsdebatte ins Netz blasen. Schließlich traut sich Weber als einer der wenigen, in der vor allem bei Facebook unablässig laufenden Flüchtlingsdebatte knallhart Stellung zu beziehen, auch wenn Beziehungen daran zerbrechen zu Bekannten und Mitarbeitern. Er traut sich zu sagen, was man eigentlich viel zu selten hört, aber doch wohl noch sagen dürfen wird.

An dieser Stelle muss man vielleicht etwas klarstellen: Manuel Weber ist nicht nach Reichshof gezogen, weil das so schön völkisch klingt, sondern wegen der Ruhe dort und dem vielen Grün. Er verbreitet keine Hetze, sondern schreibt dagegen an. Und er ist damit in der Minderheit. Facebook ist ein Abbild der Gesellschaft, aber ein verzerrtes. Wo die Lautesten das Sagen haben, haben Rechtspopulisten und Rechtsradikale schon erreicht, wovor die Autorin Liane Bednarz in "Gefährliche Bürger" warnt: Sie beanspruchen die Deutungshoheit des Diskurses. Mit jedem Tabubruch, mit der Etablierung jedes weiteren Unworts wie "Lügenpresse" oder "Volksverräter" verschieben sie die öffentliche Meinung – oder das, was allgemein dafür gehalten wird – nach rechts.

Das ist kein linker Alarmismus. Bednarz versteht sich als konservativ und ist CDU-Mitglied, Weber ebenso. Bis vor einem halben Jahr hatte er, 12 Jahre lang Schlagzeuger in einer Metal-Band, sich "Gutmenschen" als Müsli mampfende Birkenstockträger vorgestellt. Er selbst wurde unfreiwillig zu einem, als er sich am 19. Oktober in seiner Mittagspause hinsetzte und einen relativ langen, relativ lustigen und ziemlich klugen Text gegen Hetzer schrieb; halb Wutausbruch, halb Dekonstruktion der gängigsten Parolen, die Rechte für Argumente halten. Es war der Versuch einer Antwort auf die Frage, die ihm angesichts hetzerischer Beiträge von Tierfreunden nicht aus dem Kopf ging: "Wie kann man ein Herz haben für Straßenhunde in Rumänien, aber keins für Menschen wie eben die Flüchtlinge?"

"Wir hoffen auf die Nutzer"

Es ist natürlich nicht so, dass Weber der Einzige wäre, der bei Facebook gegen rechte Hetze anschreibt. Viele tun das. Aber ein Großteil des Widerspruchs dringt nicht zu den Hetzern durch – oder führt sogar dazu, dass sie sich noch mehr als Opfer fühlen: unverstanden, unterdrückt, zensiert. Denn die üblichen Absender sind entweder potenziell als mächtig und feindselig gesehene große Institutionen wie Medien, Kirchen, Parteien oder die Bundeszentrale für politische Bildung – oder sie setzen auf Sarkasmus und Satire wie der Videoblogger Rayk Anders ("Armes Deutschland") oder das "Bundesministerium für linksgrünversiffte Gutmenschlichkeit".

Bei der Kampagne "Hass hilft" spenden Hetzer unfreiwillig Geld gegen Rechts und für Flüchtlinge: Die von Nutzern anonym gemeldeten Kommentare beantwortet das Team aus zwei Handvoll Ehrenamtlichen mit Sprüchen wie "Vorrrbildlich, Kamerad!" oder "Das gibt aber kein 'Like' vom Führer!", dazu spenden Partner wie Sky, der FC St. Pauli oder Facebook selbst je einen Euro für Flüchtlingshilfe und Neonazi-Aussteigerprogramme wie "Exit". Mehr als 10.000 Euro sind so schon zusammengekommen – immerhin. Fabian Wichmann vom Zentrum Demokratische Kultur wäre es allerdings am Liebsten, wenn es dieses Projekt (die Offline-Fortsetzung der Umwidmung eines Neonazi-Marschs zum Spendenlauf gegen Rechts) nicht mehr geben müsste. "Selbstreinigung funktioniert besser", sagt er über die Debattenkultur bei Facebook: "Wir hoffen auf die Nutzer." Menschen, die sich zwingen, auf Augenhöhe zu diskutieren, ohne moralischen Zeigefinger und mit Engelsgeduld.

Menschen wie Manuel Weber.

Rund 30.000 Mal sei sein Text bis heute über verschiedene Seiten geteilt worden, schätzt Weber. Daraus ist eine Art Vollzeit-Hobby geworden. Geplant sei sein Aufstieg zum Ober-Gutmenschen nicht gewesen, versichert er lachend: "Bis dahin war ich bei Facebook so gut wie gar nicht aktiv. Ich wusste nicht mal, dass man Beiträge überhaupt teilen kann." Anfangs war ihm die Aufmerksamkeit von Wildfremden unangenehm. Mit Widerstreben nur hat er die Rolle angenommen, die Dankesworte und Freundschaftsanfragen von all den Sprachlosen, die auf Argumentationshilfen von ihm hoffen in den verbalen Schlachten gegen jene mit den einfachen Lösungen.

FOTO: facebook.com/HassHilft

Bürgerpflicht, Christenpflicht, Menschenpflicht

"So bin ich zum Sorgen-Onkel geworden", sagt er heute, um 1500 Facebook-Freunde reicher. Dutzende, wenn nicht hunderte davon stellen Fragen, die er nicht mit einem "Daumen hoch" oder einem Smiley beantworten kann. Er bestärkt andere, die Empathie predigen, aber zermürbt sind vom massiven Widerspruch bei Mangel an Zuspruch. Er diskutiert mit einer Mutter, deren Sohn von einem Flüchtlingskind gewürgt wurde. Er beruhigt Paketzusteller, die Angst haben, ihren Job an einen ebenso gut oder schlecht qualifizierten Flüchtling zu verlieren. "Solche Bedenken kann ich absolut nachvollziehen", sagt er. "Deshalb hielte ich es auch für fatal, den Mindestlohn auszuweiten, um mehr Flüchtlinge in Arbeit zu bringen." Falls das aber nicht passiere, sagt Weber, "wird ein Deutscher, der schon im Job ist, immer Vorteile haben – allein schon durch seine Sprachkenntnisse, den Vorsprung und die Erfahrung im Betrieb." Wer seine Leistung bringe, ordentlich arbeite und einen guten Charakter hat, für den seien die Flüchtlinge kaum Konkurrenz.

Das eine Motiv dafür, sich fast täglich Fotos leidender Flüchtlinge sowie der Angst und Wut der satten Deutschen auseinanderzusetzen, gibt es nicht. Ein Stückweit sieht Weber seinen Einsatz als Bürgerpflicht, nicht zuletzt auch als Christenpflicht. Außerdem hat sich ihm eine Sendung eingebrannt, die er als Kind gesehen hat. Darin war mit versteckter Kamera die Zivilcourage von Passanten getestet worden. "Da habe ich mir geschworen, mich nie rechtfertigen zu müssen dafür, weggesehen oder geschwiegen zu haben." Dazu kam, was ihm sein Großvater erzählte, der selbst ein Flüchtling war, ein Flüchtling aus dem zerbombten Köln im Bergischen Land. "Und wie es überhaupt zu diesem Krieg kommen konnte, hat mich immer gegruselt."

In erster Linie aber, sagt Weber, reagiere er als Vater: "Ich stelle mir vor, wie mir und meinen eigenen Kindern mit so viel Ablehnung und Hass begegnet wird: Wir stehen hier in einem fremden Land, froh, den weiten Weg überlebt zu haben – und dann demonstrieren da Leute gegen uns, weil sie fürchten, dass durch unsere Nachbarschaft ihre Häuser an Wert verlieren."

"Ich hab' kein großes Herz für Flüchtlinge. Bloß für Menschen."

In seinem eigenen Wohnort Reichshof-Eckenhagen ist das derzeit kein Problem. Hier leben nur zwei, drei Flüchtlingsfamilien, in eine leerstehende Pension im Ort sind zwei Handvoll unbegleitete Minderjährige eingezogen. In Webers eigenem, großzügigen Haus lebt nur er selbst mit seiner Frau, ihren zwei Kindern, dem Hund und den vier Katzen. Er hat sich aber freiwillig gemeldet für den Fall, dass jemand unterkommen muss. "Nur passen muss es natürlich", sagt er. Die Kinder, der Hund, die potenziellen Probleme in der Küche mit Schweinefleisch.

"Mich hat mal jemand gefragt, wieso ich ein so großes Herz für Flüchtlinge habe", sagt Weber. "Hab' ich ja gar nicht! Ich habe einfach ein Herz für Menschen. Wenn ich helfen kann, tue ich das." Früher hat er sich für Obdachlose engagiert, nun eben für Flüchtlinge. Weil Letztere es gerade noch nötiger haben.

Dass mancher versucht, die eine Randgruppe gegen die andere aufzuhetzen, regt ihn auf. Und dass dieser miese Versuch bei so vielen Frustrierten auf fruchtbaren Boden fällt, macht ihm Angst. "Mancher hört von verdreckten Flüchtlingsheimen, in denen dauernd Putzfrauen und die Müllabfuhr für Ordnung sorgen, und denkt: 'Na toll, und ich muss meine Küche selber aufräumen.'" Weber selbst fände es klüger, den Flüchtlingen "Kehrblech, Besen und Putzlappen in die Hand zu drücken, ihnen den Umgang damit zu erklären und sie dann selbst putzen zu lassen".

FOTO: Screenshot www.hasshilft.de

Kriminelle Ausländer sind ihm auch ein Dorn im Auge

Wichtig ist ihm aber auch die Verhältnismäßigkeit: "Diese Menschen haben oft alles verloren. Die kommen nicht hierhin, um uns zu ärgern. Ja, vielleicht dürfen sie mal umsonst Bus fahren, ins Kino oder ins Schwimmbad – aber sie haben auch kein Haus mehr und keinerlei soziales Umfeld."

Fördern und fordern, so könnte man Webers Idee vom Umgang mit Flüchtlingen vielleicht umschreiben – egal, ob das manchen seiner neuen linken und grünen Facebookfreunde zu weit geht. "Integration kann nur gelingen, wenn wir unseren Werten und Traditionen treu bleiben, wenn wir Weihnachten feiern statt Lichterfest." Manchmal habe er aber das Gefühl, wir müssten uns dieser Werte zunächst wieder selbst bewusst werden. "Was für Menschen wollen denn angeblich die Werte unseres christlichen Abendlandes verteidigen? Zum Teil dieselben, die Polizeieinsätze behindern oder Flüchtlingsheime anzünden."

Für Argumente seien viele sogenannte besorgte Bürger überhaupt nicht empfänglich, sagt Weber. "'Alles gelogen!'", heißt es dann, egal welche Fakten es gibt. "Also appelliere ich ans Herz: 'Reden wir doch mal über Kinder', sage ich dann – 'über Kinder, die ertrinken oder verhungern.' Wer darauf sagt 'Interessiert mich nicht!', mit dem macht Kommunikation keinen Sinn mehr."

Weber vermisst die Betonung dessen, worauf sich alle Demokraten einigen können. Über kriminelle Ausländer beispielsweise habe er sich schon vor der Silvesternacht in Köln aufgeregt und tue es natürlich auch jetzt noch, danach, sagt Weber. "Ganz einfach, weil ich mich über alle Kriminellen aufrege."

Nazis muss man Nazis nennen

Deshalb sollte zwar lange nicht jeder abgeschoben werden, "der bei Lidl einen Apfel klaut", sagt Weber. "Aber wer eine Frau angrabscht, der hat sein Bleiberecht verspielt!" Vorverurteilungen seien aber unfair; zuerst müsse man jedem eine Chance geben, jedem ausführlich erklären: 'Das sind unsere Werte und so gehen wir mit Frauen um.' Aber das funktioniert nicht, indem man die Leute zu hunderten in Turnhallen pfercht und ihnen einen Karton mit Broschüren hinschmeißt – sondern indem man sie in normale Nachbarschaften eingliedert."

Wer berechtigte Ängste davor habe, wie gut das funktionieren könne und wie teuer es werde, den dürfe man niemals rechts liegen lassen, blockieren, löschen, sagt Weber. "Wer allerdings redet wie ein Nazi, handelt wie ein Nazi, vor einem Flüchtlingsheim randaliert wie ein Nazi, darf sich auch nicht beschweren, wenn man ihn einen Nazi nennt." Bei ihm klingt das alles so einfach.

Vielleicht ist die Mitte der Gesellschaft ja tätowiert und Schlagzeuger, Mitglied in einer evangelischen Freikirche und lebt im Bergischen Land, in einem Ort namens Reichshof. Schön wäre es jedenfalls.

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