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Flüchtlings-Camp
Warum das Ruhrgebiet ein Dorf im Nordirak ist

Das Ruhrgebiet im Nordirak
Das Ruhrgebiet im Nordirak FOTO: Caritas-Flüchtlingshilfe Essen
Düsseldorf. Bochum liegt im Irak? Ab jetzt schon. In einem Flüchtlingsdorf tragen die Container die Namen der Städte, die dafür gespendet haben. Wir sprachen mit einem der Initiatoren des Projekts. Grappa brachte den Durchbruch. Von Sebastian Dalkowski

Es führt ja kein Weg daran vorbei – Rudi Löffelsend ist ein Schwergewicht. Nicht nur körperlich, sondern auch beruflich. 2010 ging er nach 30 Jahren als Referent für Auslandshilfe und Öffentlichkeitsarbeit der Caritas im Bistum Essen in den Ruhestand. Doch bis heute engagiert sich der 65-Jährige als Ehrenamtler in der Caritas-Flüchtlingshilfe Essen. 2014 kam Serdar Yüksel, SPD-Landtagsabgeordneter für Bochum, auf ihn zu und schlug ihm vor, sich im Nordirak zu engagieren. Im kurdischen Autonomiegebiet lebten Hunderttausende Jesiden, die vor dem IS geflohen waren, unter katastrophalen Bedingungen.

Schließlich fassten Yüksel, Löffelsend und weitere Mitstreiter den Entschluss, dort mit Spenden ein Containerdorf zu errichten. Der Clou: Die Container werden nach den Städten benannt, die das Geld dafür aufgebracht haben. 5000 Euro kostet ein solcher Container, produziert wird er im Nordirak. Und deshalb bedeuten "Bochum", "Dorsten" und "Essen" für die Flüchtlinge nicht Ruhrpott, Stahl und Dauerstau, sondern Strom, Wasser und ein festes Dach über dem Kopf. 70 Container stehen dort schon als Teil eines größeren Flüchtlingslagers, 100 sollen es werden.

Wer selbst spenden möchte, kann sich auf der Webseite der Flüchtlingshilfe informieren.

Haben Castrop-Rauxel und Oer-Erkenschwick schon einen eigenen Container im Nordirak?

Rudi Löffelsend Daran würde ich mich erinnern, weil es furchtbar schwer zu buchstabieren gewesen wäre.

Und für einen Flüchtling im Nordirak schwer auszusprechen.

Löffelsend Die Schwierigkeit haben die Flüchtlinge auch bei anderen Städtenamen. Schon das "ui" bei Duisburg macht Schwierigkeiten. Aber es gibt ja auch deutsche Radiomoderatoren, die Gelsenkirchen-Buer wie Bür aussprechen. Dieses niederrheinische Dehnungs-U haben sie nicht drauf. Es sind aber auch nicht alle Container nach Städten benannt, die das Geld gespendet haben.

Sondern?

Löffelsend Zum Beispiel nach den Vornamen von Verstorbenen. Die Angehörigen haben bei der Beerdigung auf Blumen und Kränze verzichtet und sich stattdessen eine Geldspende für die Container gewünscht. Einer heißt Ursula.

Sind mittlerweile alle großen Städte des Ruhrgebiets vertreten?

Löffelsend Dortmund fehlt noch. Aber selbst kleine Kommunen wie Alpen im Kreis Wesel haben einen. In den wenigsten Fällen kam das Geld allerdings direkt aus der Stadtkasse. In Essen lief es über die Sparkasse. In Duisburg sind die Kirchengemeinden eingesprungen. Auf einmal gab es Engagement. In einer anderen Stadt haben die Mitarbeiter gespendet.

Woran erkennen die Flüchtlinge denn, wie ihr Container heißt?

Löffelsend An dem Aufkleber. Der Dorstener ist leider etwas schief geraten, das haben sie gleich moniert.

Hauptsache, es ist kein Ort falsch geschrieben.

Löffelsend Einmal wurde Duisburg mit "ü" geschrieben. Aber das ist auch mal bei einem Wegweiser auf der Autobahn in Deutschland passiert.

Wie viele Leute leben überhaupt in so einem Container?

Löffelsend Die Familien sind nicht gerade klein, die Jesiden sind sehr fruchtbar. Immer mindestens sechs. Die schlafen auch auf dem Teppich und sind etwas unkomplizierter. Ich weiß von einem Camp für syrische Flüchtlinge, in dem es Container gibt, in denen Hochzeitspaare ungestört ihren Beischlaf verrichten können. Das gibt es in unserem Camp nicht. Vielleicht sollten sie einfach warten, bis die Amerikaner wieder die IS-Gebiete bombardieren. Dann ist es laut genug, dass es keiner mitbekommt.

Sie sind seit seit 2010 im Ruhestand. Was hat Sie dazu bewogen, sich den Stress anzutun, ein Containerdorf im Nordirak zu errichten?

Löffelsend Die Alternative wäre gewesen, nachmittags Tiersendungen im Fernsehen zu gucken oder mich aufs Fahrrad zu setzen und die Ruhr auf und ab zu fahren, bis ich tot umfalle. Jeder Ehrenamtler hilft sich auch immer ein wenig selbst. Ich brauche eine Aufgabe.

Aber Sie haben eine Gehbehinderung und reisen trotzdem in den Irak.

Löffelsend Nach ein paar missglückten Hüftoperation humpel ich und bin dick geworden, das ist richtig. Im Irak sind dicke Menschen beliebt und schenken Vertrauen. Die Kinder haben mich direkt ins Herz geschlossen. Ich wurde aber die meiste Zeit im Camp am Berg mit einem Pick-Up gefahren. Und wenn ich nicht mehr stehen konnte, haben sie mir zwei Stühlchen hingestellt. In dem Hotel, in dem wir übernachten, geht es zum Eingang nur über eine lange Treppe. Ich gehe immer in den Keller und fahre mit dem Küchenaufzug hoch.    

Als Herr Yüksel vorschlug, sich im Nordirak zu engagieren, waren Sie da direkt begeistert?

Löffelsend Im Gegenteil. Als Yüksel auf mich zukam, wusste ich gar nicht, wer das war. Er sagte direkt, wir machen da eine große Aktion draus. Jede Stadt im Ruhrgebiet soll einen Container stellen. Solche Versprechungen habe ich schon 200 Mal in meinem Berufsleben gehört. Am nächsten Tag aber hatte er mir schon einen Briefentwurf für die  Oberbürgermeister gemailt und Schirmherren gefunden. Da verdichteten sich die Anzeichen, dass es wirklich klappen könnte.

Was hat die größten Schwierigkeiten bereitet?

Löffelsend Der Gouverneur von Dahuk, auf dessen Gebiet das Dorf liegt, war erst mal misstrauisch, als wir ihn besuchten. Warum wir was für Jesiden machen wollten, obwohl wir Christen sind. Dann haben wir ihn nach Deutschland eingeladen und ein paar Termine in Berlin und Düsseldorf gemacht. Einen Abend haben wir bei meinem Italiener in Essen-Steele verbracht, damit er mal Grappa kennenlernt.

Und als er betrunken war, haben Sie ihn überzeugt?

Löffelsend So mache ich das immer.

Was hat sich Ihnen noch so in den Weg gestellt?

Löffelsend Es war schwierig, die Flüchtlinge auszuwählen, die ins Dorf dürfen. Da mussten wir ein nachvollziehbares Kriterium finden. Schließlich haben wir die genommen, die am schlechtesten untergebracht waren und in Rohbau-Ruinen hausten mit Planen und Brettern. Schwierig war es anfangs auch, mit der Regional-Regierung zusammenzuarbeiten. Die Abteilungsleiter sind gerne mal verdiente Peschmerga-Kämpfer. Die sitzen da, weil sie mal einen Ort gerettet haben, können aber weder lesen noch schreiben. Zum Glück sitzt gleich darunter eine junge Schicht von hochgebildeten Fachleuten.

Wer hatte die Idee, dass die Container die Namen der spendenden Städte tragen sollen?

Löffelsend Das war der Yüksel. Es sollte einfach ein Anreiz für die Städte sein. So konnte jeder innerhalb der eigenen Stadtmauern für Spenden werben.

Sehen Sie sich als Botschafter des Ruhrgebiets?

Löffelsend Ich glaube nicht, dass die Flüchtlinge jetzt wissen, wo Herne liegt. Für die sind wir einfach die Deutschen.

Bis auf die Namen erinnert also nichts an Ruhrgebiet?

Löffelsend Wir haben keinen Förderturm aufgebaut.

Gibt es denn etwas, das die Flüchtlinge mit den Bewohnern des Ruhrgebiets gemeinsam haben?

Löffelsend Der Fleiß. Die Jesiden sind durchweg Handwerker mit ein paar Händlern dazwischen. Und die Leute dort wollen wieder in Arbeit kommen. Das hat auch etwas mit Würde zu tun, wenn sie sich wieder selbst ernähren können. Wir kaufen deshalb kleine Container und bauen damit einen Basar auf.

Es gibt ja auch einen Bäcker.

Löffelsend Das war meine Idee. Ein Jeside macht das. Wir haben für sechs Monate Mehl gekauft. Als wir mal einen deutschen Bäcker mitbrachten, ist der an dem Teig vollkommen gescheitert. Die Jesiden backen immer nur diese flachen Brote. Deutsches Brot mögen die nicht.

Was ist, wenn die Stadt Düsseldorf Geld für einen Container spendet – könnten Sie mit dem Aufkleber "Düsseldorf" leben?

Löffelsend Natürlich. Düsseldorf ist doch der Schreibtisch des Ruhrgebiets.

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