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Flüchtlinge in NRW
"Wir sind am Limit"

Flüchtlingszahlen pro Kopf in NRW: Borgentreich ist "am Limit"
"Das Leben hat sich verändert", sagt Borgentreichs Bürgermeister Rainer Rauch. FOTO: Facebook/Rainer Rauch
Borgentreich. Keine Stadt in NRW nimmt so viele Flüchtlinge auf wie das ostwestfälische Borgentreich. Zu den etwa 9450 Einwohnern im Ort sind annähernd 600 Menschen auf der Suche nach Asyl hinzugekommen. "Das Leben hat sich verändert", sagt Bürgermeister Rainer Rauch (CDU) im Interview mit RP ONLINE. Von Vassili Golod und Detlev Hüwel

Herr Rauch, sechs Prozent der in Borgentreich lebenden Menschen sind Flüchtlinge. Auf die Einwohnerzahl gerechnet sind bei Ihnen damit die meisten Flüchtlinge in ganz NRW untergekommen. Hat sich in ihrer Gemeinde etwas verändert?

Rainer Rauch Das Leben hat sich verändert. Ich will es nicht überdramatisieren, aber auch nicht verschweigen – das ist ein Fakt. Die Flüchtlinge sind in einer ehemaligen Kaserne der Luftwaffe in der Nähe der Kernstadt untergebracht. Bezogen auf die 2.500 Einwohner, die dort wohnen, liegt der Anteil bei 20 Prozent. Das ist eine sportliche Herausforderung. 

Wie ist die Stimmung in Ihrer Stadt?

Rauch Ihre Redaktion sitzt in Düsseldorf. Jetzt stellen Sie sich vor: 120.000 Asylsuchende auf 600.000 Einwohner. Die Stimmung ist so, dass die Einrichtung im weitesten Sinne akzeptiert wird. Aber natürlich sorgt das Thema für Gesprächsstoff. Manchmal wird es auch hitzig.

Inwiefern?

Rauch Die Menschen stellen normale und vollkommen berechtigte Fragen. Zum Beispiel danach, wie es weitergeht und was da noch kommt. Eine große Frage ist auch, ob die Maximalbelegung gehalten werden kann.

Und was antworten Sie?

Rauch Wir haben feste Zusagen von der Bezirksregierung, und darauf verlasse ich mich auch.

Macht sich die besondere Situation im Alltag irgendwie bemerkbar?

Rauch Natürlich macht sie sich bemerkbar. Die Gemeinde Hardheim hat ja erst kürzlich Benimmregeln aufgestellt. Darüber kann man sicherlich diskutieren, aber auch wir machen ähnliche Erfahrungen. Das darf nicht wegdiskutiert werden.

Wie sehen diese Erfahrungen aus?

Rauch Die Zahl der Ladendiebstähle hat zugenommen. Nicht signifikant, aber es gibt mehr Diebstähle als vorher. Einige Asylsuchende haben im Freibad Fotos von anderen Badegästen gemacht, obwohl das nicht erlaubt ist. Natürlich können sie vieles nicht wissen, aber wir haben eine Ordnung, die wir ihnen erst erklären müssen.

Wie gehen Sie mit solchen Fällen um?

Rauch Wir haben eine Ordnungspartnerschaft mit Polizei und Maltesern. Wenn wir Probleme haben, versuchen wir sie immer auf direktem Wege zu lösen. Das hat sich bewährt. Ich muss betonen: Von den vielen Asylsuchenden ist es nur eine kleine Minderheit, die sich nicht an alle Regeln hält. Aber sie ist da. Das ist eine Herausforderung für Verwaltung und Gesellschaft.

Wo würden Sie die aktuelle Situation in Borgentreich auf einer Skala von eins bis zehn verorten?

Rauch Fünf, weil es sicherlich Situationen gibt, die schöner sind. Wir haben die Einrichtung im Herbst letzten Jahres aufgemacht. Wir können die Zahlen nicht komplett ausblenden. Die Regelbelegung liegt bei 500. Hinzu kommt die Notbelegung mit 100 weiteren Menschen. Wir sind am Limit – mehr geht da nicht. Das muss man auch in Düsseldorf zur Kenntnis nehmen.

Angela Merkel sagt immer wieder: "Wir schaffen das." Was sagen Sie?

Rauch Ich sehe den Kurs der Kanzlerin kritisch. Alle Kommunen werden das bestätigen. In dieser Form, in dieser Anzahl werden wir das nicht schaffen. Wir sind an der Kapazitätsgrenze angekommen – das sorgt auch gesellschaftlich für erhebliche Spannungen.

Überwiegen die Spannungen?

Rauch Das ist schwer einzuschätzen. Es herrscht eine gewisse Toleranz und Akzeptanz der Einrichtung – aber es gibt keine Jubelstürme. Die Menschen in den umliegenden Ortschaften sind nicht betroffen, die Einwohner in der Kernstadt schon.

Haben Sie Tipps für andere Kommunen, die sich auch auf mehr Flüchtlinge vorbereiten müssen?

Rauch Tipps sind schwierig. Fast alles hängt von den handelnden Personen ab. Aus meiner Sicht kann es keine Blaupause geben. Wir versuchen viele Menschen an einen Tisch zu bringen. Wenn es Probleme gibt, werden die benannt und ohne Emotionen sachlich diskutiert. Aber es ist natürlich nicht möglich alles einzufangen. Die Diskussionen bei Facebook geraten häufig außer Kontrolle. 


Wieviele Flüchtlinge hat Ihre Stadt 2015 aufgenommen? Eine Übersicht aller Gemeinden in NRW finden Sie hier.

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