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Essen-Mülheim
Düsseldorfs Flughafen-Nachbar im Sinkflug

Flughafen Essen-Mülheim vor der Schließung
Flughafen Essen-Mülheim vor der Schließung FOTO: dpa
Essen/Mülheim. Der Flughafen Essen-Mülheim soll geschlossen werden. Den Flugschulen von Air Berlin und Condor droht das Aus, historische Flugzeuge stehen vor der Obdachlosigkeit. Die Städte streiten darüber, was mit dem Gelände passieren soll. Von Clemens Boisserée

80.000 Menschen werden im kommenden Jahr zum Flughafen Essen-Mülheim pilgern, wenn der britische Popstar Ed Sheeran dort im Juli ein ausverkauftes Konzert spielt. Bislang war ein Ruhrgebietsableger des Oktoberfestes der jährliche Publikumsmagnet, der Flughafen stößt mit dem Sheeran-Konzert in neue Dimensionen vor - ein Schritt in die Zukunft. Das dabei Flugzeuge keine Rolle spielen, ist kein Zufall. Zukunft und Flugzeuge, das schließt sich in Essen-Mülheim mittlerweile aus.

Dabei war der "Verkehrsflugplatz Rhein-Ruhr" 1925 mit großen Hoffnungen gestartet. Er stellte das Drehkreuz der Luftfahrt in NRW da, der zwei Jahre später eröffnete Düsseldorfer Flughafen wurde von hier kontrolliert. Dann kam der zweite Weltkrieg und mit ihm die Zerstörung des Geländes durch britische Bombenangriffe. Während die Landeshauptstadt den eigenen Airport nach Kriegsende konsequent förderte, zögerte man im Ruhrgebiet und wurde folglich überflügelt. 

Verkehrs- statt Fluglärm?

Heute ist der Flugplatz für die klammen Kassen der Ruhrgebietsstädte ein Zuschussgeschäft. Daran ändert auch die zuletzt steigende Zahl von 60.000 Starts und Landungen pro Jahr nichts. Zwei Flugschulen, Rundflüge im Zeppelin oder historischen Flugzeugen sowie medizinische Transporte nutzen das Gelände. Für sie alle haben die Stadträte das Aus beschlossen, bis 2024 sollen die Kündigungen kommen. Nochmal zehn Jahre später endet auch der Vertrag mit dem Aero Flugclub, einem Verein privater Flieger. Spätestens dann stünde das 141 Hektar-Gelände zur Verfügung  - für neue Wohnungen? Oder ein Gewerbegebiet? Oder vielleicht doch die Natur samt gelegentlicher Open Air-Veranstaltungen?

Seit Anfang Juli sitzen Vertreter der beiden Städte zusammen, um einen Masterplan zu erarbeiten. Im Herbst 2017 sollen erste Ideen veröffentlicht werden, Ende 2018 soll der komplette Plan stehen. Weniger Fluglärm, mehr Wirtschaftsförderung, neuer Wohnraum – nur einige Hoffnungen der Bevölkerung und lokalen Politiker an das ambitionierte Projekt. Doch schon jetzt gibt es Zweifel an der Umsetzbarkeit, auch unter wichtigen Stadtvertretern.

"Viele Nachbarn des Flughafens wissen, dass nach der Schließung größere Probleme entstehen werden ", sagt Hans Jürgen Best (SPD), Planungsdezernent und Stadtdirektor in Essen, im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Flugplatz liegt unmittelbar an der A52 in Richtung Düsseldorf, knapp 20 Kilometer sind es bis in die Landeshauptstadt. "Das ist natürlich eine super Lage im Speckgürtel. Doch egal ob Firmen oder Familien kommen, in beiden Fällen wird der Verkehr stark zunehmen und damit auch die Lärmbelastung für viele Anwohner", sagt der Stadtplaner. Außerdem werde der Luftraum für landende Jets in Richtung Düsseldorf frei. "Die Flugzeuge können dann tiefer anfliegen, das spart Treibstoff, erhöht aber ebenfalls die Lautstärke", sagt Best.

"Wir haben schon viele Loopings gedreht"

Der Essener Bebauungschef soll mit seinem Mülheimer Amtskollegen Peter Vermeulen (CDU) besagten Masterplan ausarbeiten. Das Verhältnis zwischen beiden gilt als schwierig. Genauso wie ihre Aufgabe. Auf dem weiten Gelände nisten trotz des Flugverkehrs seltene Vögel, im Zweiten Weltkrieg wurde der Flughafen stark bombardiert, Experten erwarten zahlreiche Blindgänger-Funde. Hinzu kommen die unterschiedlichen Vertragslaufzeiten mit den aktuellen Mietern. "Bis die ersten Hallen oder Häuser stehen, wird es noch sehr lange dauern", sagt Mülheims Stadtsprecher Volker Wiebels. "Wir haben schon viele Loopings gedreht, erstmal sind beide Städte gut beraten, Einigkeit zu schaffen", sagt er. 

500.000 Euro Minus in den Stadtkassen verursachte der Flughafen jährlich, zuletzt stieg das Land NRW als Mitgesellschafter aus. Der Kostendruck lastet nun komplett auf den Städten. Auch deshalb drücken die Fraktionen der Grünen in beiden Städten aufs Tempo. Zeit ist Geld. Und so stellte die Partei im Juli 2017 den Antrag, mit den Umbauarbeiten am Flughafen schon vor Ende des Flugbetriebs zu beginnen.

"Der Flugplatz ist verkehrspolitisch irrelevant. Wir suchen dringend neue Flächen für Gewerbe- und Wohnflächen und brauchen schnellstmöglich eine Lösung", sagt Ernst Potthoff, für die Grünen im Flughafen-Aufsichtsrat. Auch eine Entschädigung des Aero-Clubs wurde diskutiert, im Gegenzug solle der Klub vorzeitig ausziehen und das Gelände freigeben. 

"Die wollen nicht weg. Das ist völlig unrealistisch", sagt Best und fordert Geduld. "Zwischen Planung und Umsetzung eines solchen Großprojekts braucht es mehr Zeit, damit am Ende auch ein funktionierendes Ergebnis steht." In beiden Städten lehnten die Räte den Grünen-Vorstoß zunächst ab.

Düsseldorf winkt ab - Vereine und Unternehmen fürchten um Existenz

Vom Tisch ist das frühzeitige Aus damit jedoch nicht. Der besagte Flugclub belegt am Flughafen nur knapp 5000 Quadratmeter, könnte ab 2024 auf einer Rasenpiste abseits des Hauptgeländes starten und landen. Der Rest stünde für Großveranstaltungen - oder eben doch zur Bebauung bei laufendem Flugbetrieb zur Verfügung.

"Mit uns hat niemand gesprochen wie es weitergehen könnte. Deshalb gehen wir davon aus, in sechs Jahren obdachlos zu sein", sagt Frank Peylo. Er vertritt einen Großteil der Vereine und Unternehmen, die am Flughafen insgesamt 150 Arbeitsplätze in verschiedenen Branchen schaffen.

Über 100 Organe für die umliegenden Krankenhäuser werden über Essen-Mülheim transportiert. Und: "Wir bilden in Essen-Mülheim 50 Prozent aller deutschen Piloten aus", sagt Peylo. 300 zukünftige Kapitäne von Air Berlin oder Condor gehen jährlich von hier aus erstmals in die Luft. Während die Simulatoren der Flugschulen auch nach der Schließung im Ruhrgebiet bleiben sollen, haben die Schulen für die Praxistests bislang keine Alternative in der Region gefunden.

"Unsere Kapazitäten sind stark eingeschränkt, wir sind nahezu auskoordiniert", heißt es beispielsweise vom Nachbar-Flughafen aus Düsseldorf. Hier werden die Flugschüler nicht unterkommen. Kleinere Flugplätze wie in Dinslaken bieten laut Peylo nicht die nötige Infrastruktur. Er befürchtet, dass die Airlines Aufträge zurückziehen und ihre Flugschüler – wie bei der Lufthansa schon üblich – zur Ausbildung in die USA schicken, wenn in Essen-Mülheim nicht mehr geflogen werden darf. 

"Es gibt gute Gründe dafür, den Flughafen zu erhalten"

Doch wann wird das sein? 2024, 2034 oder doch gar nicht? "Es gibt gute Gründe dafür, den Flughafen zu erhalten", sagt Essens Stadtdirektor Best. "Aber wir haben klare Ratsbeschlüsse", sagt Mülheims Stadtsprecher Wiebels. Und der Grünen-Sprecher Potthoff sagt: "Wir müssen schauen, was geht und was nicht geht. Aber ich bin mir sicher, dass sich alle Probleme lösen lassen." 

 
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