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"GeKu"-Haus in Essener Innenstadt
Mein Freund, der Nachbar

Fragnebenan.com: Nachbarschaft erlebt ein Revival
Im Essener "GeKu"-Haus wird Gemeinschaft gelebt. FOTO: Hans Jürgen Bauer
Essen/Wien. Dorfgemeinschaften sterben langsam aus. In den Städten und im Netz formiert sich eine neue Art, gute Nachbarschaft zu zelebrieren. In diesem Jahr soll die Wiener Plattform "FragNebenan.com" auch in Deutschland an den Start gehen. Von Lisa Kreuzmann

Marc steht im Aufzug. In der Hand hält er eine Packung Schinkenwurst, an den Füßen trägt er Wollpantoffeln. Die hat Marga für ihn gestrickt. Hier duzen sich alle. Marga Weindorf und Marc Auffenberg sind Nachbarn, aber irgendwie auch mehr als das. "Wir sind Mitbewohner und wir sind eine Familie, nicht blutsverwandt, aber eine Familie." Und wie in jeder guten Familie sei man sich auch mal uneinig. Worin sie sich einig sind, ist die Frage, wie man in einer modernen Großstadt leben möchte: für sich und doch nicht allein.

Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung streiten Nachbarn besonders häufig über Lärm, Sauberkeit, Gerüche und Haustiere. Am meisten zoffen sich demnach übrigens die Hamburger, im toleranten Berlin ist die Streitquote am niedrigsten. Nordrhein-Westfalen zankt sich in das obere Mittelfeld: Etwa jeder Dritte gab an, mit seinen Nachbarn schon einmal im Clinch gelegen zu haben.

Die Nachbarschaft erlebt ein Revival

Dabei seien gute Nachbarschaftsbeziehungen den meisten sehr wichtig, sagt Nachbarschaftsforscherin Ruth Rohr-Zänker. Seit Jahren beobachte sie deshalb ein Revival der gelebten Nachbarschaft in den Städten. "Viele wollen die kleine Welt auch in der Großstadt leben". So war das auch bei der 78-jährigen Marga Weindorf und dem 41-jährigen Versicherungsmarker Marc Auffenberg. Zusammen wohnen sie im "GeKu"-Haus, mitten in der Essener Innenstadt. "GeKu" steht für Generationen-Kult, weil jede Generation ihren eigenen Kult habe, sagt Gründer Reinhard Wiesemann.

"Das Interesse an Nachbarschaft steigt immer weiter", weiß Kommunalberaterin Ruth Rohr-Zänker. Aber die Art und Intensität von Nachbarschaft habe sich gewandelt. Immer mehr Menschen ziehe es in die Städte, der Streit am Gartenzaun verlagere sich in stillschweigende Toleranz des Großstadtdschungels. Die dörflich-landwirtschaftliche Gemeinschaft gebe es nicht mehr. Für viele Stadtbewohner werde deshalb der Stadtteil identitätsstiftend. Aber auch im Internet entstehen immer mehr Portale, die Nachbarn virtuell vernetzen sollen. Wo der Maschendrahtzaun also eine Hürde war, verbindet heute das Smartphone.

Fremde vernetzen sich, um sich zu helfen

Der Österreicher Stefan Theißbacher etwa war es leid, nicht zu wissen, wer mit ihm in seinem Haus, seiner Straße und seinem Quartier wohnt. Der Betriebswirt hat in Wien vor einem Jahr das virtuelle Nachbarschaftsnetzwerk "FragNebenan.com" gegründet, das im Sommer auch in manchen deutschen Städten an den Start gehen soll. Der 34-Jährige wuchs in einem kleinen Dorf in Kärnten auf. Zum Studium zog es ihn nach Wien. "Am Anfang habe ich die Anonymität der Großstadt sehr genossen", sagt er. "Aber irgendwann wurde mir klar, ich möchte in dieser Stadt wirklich leben, und da wäre es schön, seine Nachbarn besser zu kennen." Seine Plattform "FragNebenan" gliedert sich in die Welt der sozialen Netzwerke ein.

Doch im Unterschied zu Facebook werden hier Menschen virtuell vernetzt, die sich noch nicht kennen. Auch in Berlin poppten etwa die Plattformen "Wir Nachbarn.com" und "Nebenan.de" auf. In Frankfurt wurde das Start-Up "Nachbarschaft.net" gegründet und bundesweit soll "AlleNachbarn.de" zu einem virtuellen Netzwerk wachsen. Die Portale nehmen den Weg, den Tauschwirtschaft und Facebook frei gemacht haben, und bringen professionell zusammen, wer zusammenkommen möchte, um den Nutzen aller zu erhöhen.

Soziale Kontakte erhöhen die Wohnqualität

"Hat jemand von euch Lust, mit mir gemeinsam einen Flohmarkt zu organisieren?", schreibt etwa "FragNebenan"-Nutzerin Julia auf der Plattform. "Total gerne!", kommt nach wenigen Minuten zurück. Die Plattform funktioniere auch deshalb so gut, weil alle Fragen der Nachbarn sehr schnell beantwortet würden, sagt Gründer Stefan Theißbach. Man kann sich zu jeder Tages- und Nachtzeit austauschen, ohne den Nachbarn in seiner Privatsphäre stören zu müssen, sagt der Gründer. Im "GeKu"-Haus läuft die interne Kommunikation noch etwas nostalgischer: über eine Schreibtafel im Fahrstuhl. Hier stünden auch manchmal Dinge, die allgemein unter "Klosprüche" verbucht werden könnten. Aber auch so etwas wie "habe die Sauna angemacht, gerne dazu kommen." Eine gemeinsame Wellnesslandschaft mit Massage-Service gibt es im "GeKu"-Haus nämlich auch.

Wer sich für eine Immobilie entscheidet, der schaue sich auch immer die Umgebung und vor allem die Nachbarschaft an. Für die meisten Menschen seien soziale Kontakte ein wichtiger Indikator für Wohnqualität, weiß die Nachbarschaftsforscherin. Doch mit der Anonymität der Großstädte kam auch die Einsamkeit und mit der Einsamkeit die Hilflosigkeit. Ein Leben in der Stadt bedeutete lange auch, auf Nachbarschaftshilfe verzichten zu müssen. Dabei sei es ein Grundbedürfnis des Menschen, in einer funktionierenden Nachbarschaft zu leben, sagt die Kommunalberaterin, um sich sicher und zu Hause zu fühlen.

Im "GeKu"-Haus teilen sie sich die Wohnküche

Marga Weindorf hat zu ihren vier Kindern keinen Kontakt mehr. Für sie ist ihre 34 Quadratmeter große Singlewohnung im "GeKu"-Haus die ideale Lebensform. Die Bewohner teilen sich etwa eine gemeinsame Wohnküche im fünften Stock, (nur nicht Marga, die traut der Ordnung der anderen nicht), oder auch eine Badewanne im Keller - nur nicht Marga, denn aus der Wanne käme sie nie wieder heraus, scherzt die 78-Jährige. Baden gehe sie also nicht. Aber sie sei trotzdem richtig glücklich dort, sagt sie. Forscherin Rohr-Zänker weiß: Diese Sehnsucht nach Nachbarschaft wird auch weiter zunehmen.

Quelle: RP
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