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Mitsing-Konzerte
Frau Höpker lässt singen

Mitsing-Konzerte: Frau Höpker lässt singen
Das Publikum der Mitsinger ist zwischen 16 und 87 Jahren - und Frauen sind deutlich in der Mehrheit. Katrin Höpker spielt live am Keyboard, ein Beamer wirft die Texte an die Wand. FOTO: H.-J. Bauer
Düsseldorf. Singen macht gesund und glücklich. Ein Besuch beim Mitsing-Konzert der Kölnerin Katrin Höpker - ein Abend zwischen Bob Dylan, Reinhard Mey und Dschinghis Khan. Von Martina Stöcker

Der Beginn ist ein Selbstläufer: Die ersten Takte erklingen, und die Menge reckt die Hälse, um den Text auf der Leinwand lesen zu können. Ja, stimmt, sofort erkannt, Recht gehabt, das ist "Über den Wolken" von Reinhard Mey. "Wind Nord/Ost Startbahn null drei, bis hier hör' ich die Motoren", singen die Menschen im Henkel-Saal in der Düsseldorfer Altstadt. Katrin Höpker steht vorne am Keyboard und leitet die Menge durch Strophen, Refrain und gibt, wenn's komplizierter wird, auch mal den richtigen Einsatz vor.

Obwohl in der ganzen Stadt nicht ein Plakat für die Veranstaltung wirbt, ist "Frau Höpker bittet zum Gesang" ausverkauft. Alle Besucher haben es von Leuten erzählt bekommen, die schon dort waren. "Das ist das beste Prinzip: Begeisterte Leute empfehlen es anderen - jedes Unternehmen träumt davon", sagt Katrin Höpker. Die Mundpropaganda funktioniert. Im wahrsten Sinne.

Denn bei Frau Höpker bekommt jeder den Mund auf. Die ausgebildete Sängerin und Pianistin hatte vor acht Jahren das Mitsingkonzert erfunden und damit im kleinen Rahmen in Kneipen begonnen. Heute hat sie bis zu vier Auftritte in der Woche, in Bonn, Köln, Düsseldorf und Bochum gastiert sie regelmäßig einmal im Monat. Sie spielt live am Keyboard, die Texte werden über einen Beamer auf die Leinwand geworfen. Beim Konzert gibt es drei Durchgänge, unterbrochen von zwei Pausen. Die meisten Besucher sind zwischen 30 und 60. Die älteste Besucherin an diesem Abend ist 87 Jahre alt. Und Männer sind eindeutig in der Unterzahl.

Weiter geht es im Programm, das für jeden Abend neu zusammengestellt und mitunter spontan im Konzert geändert wird. Heute hat Frau Höpker ihre "Herbstliste 2" dabei. Darauf stehen 183 Titel, die Zusammenstellung ist inspiriert von der Jahreszeit und so "bunt wie das Leben". Lieder von Andrea Berg, Helene Fischer und DJ Ötzi wird es bei ihr aber nicht geben. "Fehlanzeige, da weigere ich mich", sagt sie. "Ich bilde nicht das ab, was man überall woanders grölen könnte."

Katrin Höpker in Aktion. FOTO: Hans-Juergen Bauer

Dafür gibt es bei ihr Gassenhauer, Heimatlieder, Schlager der 70er, aktuelle Popsongs und immer wieder kleine Perlen und Entdeckungen. "Ja, selbst wenn das kein 16-Jähriger mehr versteht: Bei mir gibt es auch manchmal noch die B-Seite", betont die Kölnerin. Ziel ist nicht, dass jeder alles mitsingen kann, sondern dass jeder sich in dem Programm wiederfindet. "Ich möchte alle zusammen durch den Abend bringen und beieinanderhalten", sagt sie über ihr "musikalisches Familienfest". Längst vergessene Lieder sind auch dabei, wie "Flying", ein One-Hit-Wonder der dänischen Band Nice Little Penguins. Etwas ratlos schauen sich die Sänger an, aber dann klingelt es doch irgendwo in den Hirnwindungen, und alle singen den Refrain: "And I go uuuh, uuuh, uuuh - I am flying, uuuh, uuuh, uuuh, in open space."

Vielerorts gibt es beliebte Angebote zum gemeinsamen Singen von Karnevalsliedern oder Adventsliedern. Fest steht: Singen ist gesund und macht glücklich. Die Atmung verbessert sich, ebenso die Durchblutung. Der Spiegel des Stress-Hormons Cortisol sinkt, der des Kuschel-Hormons Oxytocin steigt. Singen greift auf die zwei wichtigsten Festplatten des Menschen zurück - Herz und Kopf - und aktiviert das Immunsystem "Ich sage immer, mit Hühnersuppe und Singen kommen Sie gesund durch den Herbst", sagt Frau Höpker.

Bei ihr machen alle mit: mitgeschleppte Singmuffel, Menschen, die gerne singen, aber traumatisiert sind durch den Musiklehrer, erfahrene Sänger, die sich nicht zu Chorproben verpflichten wollen. Die Gehemmten verstecken sich zunächst in der Gruppe, folgen ihr, werden aber mit jedem Lied mutiger, versierter und lauter. Am Ende denken sie sich: "Wow, geht doch!" Und genau das wünscht sich Frau Höpker für ihre Besucher. Dass Singen wieder präsenter wird. Dass mehr Leute singen - und das nicht nur bei einem Konzert wie ihrem, sondern in der Familie, zu Hause, unter der Dusche. Überall. "Ich sage immer: Wer schunkelt, haut nicht", sagt Frau Höpker.

Die zweite Runde des Düsseldorfer Abends ist Amerika gewidmet: Die US-Wahl steht an, Bruce Springsteen hat eine Biografie veröffentlicht, und Bob Dylan ist Literatur-Nobelpreisträger. Deshalb gibt es ein Springsteen-Medley, Dylans "Blowing in the Wind", und bei "Hit the Road, Jack" wird kurzerhand Donald Trump sinnbildlich vor die Tür gesetzt. Aber Frau Höpker wäre nicht Frau Höpker, wenn es nicht immer auch ein Überraschungsei gäbe. In diesem Fall ist es "Ein Mann, der sich Kolumbus nannt", das zum Thema USA - und zum Ei - perfekt passt. Die meisten kennen es aus der "Mundorgel", haben es aber seit Jahrzehnten nicht mehr gesungen. Aber es funktioniert, die Sänger folgen - wide-wide-witt, bum, bum!

Singen Menschen in verschiedenen Regionen anders? "Fragen Sie mich das noch mal, wenn ich aus Buchholz in der Nordheide zurück bin", antwortet Frau Höpker. Dort tritt sie im Januar zum ersten Mal auf. Einige Besonderheiten hat sie aber schon beobachtet: Der Rheinländer ist auf Zack; der Westfale startet gemächlich, dafür findet er kein Ende. Und auf dem Land singen auch die jungen Leute viel selbstverständlicher die Gassenhauer. "Da haken sich 16-Jährige sofort bei ,Aber dich gibt's nur einmal für mich' unter - klar, die kennen solche Musik vom Schützenfest."

Der Abend in Düsseldorf ist nach mehr als 30 Liedern und zwei Stunden zu Ende. Der Reigen spannte sich von Zarah Leanders "Nur nicht aus Liebe weinen", Hans Albers' "Auf der Reeperbahn", Dschinghis Khans "Dschinghis Khan" bis zu Andreas Bouranis "Auf uns". Das letzte reguläre Lied vor den Zugaben ist immer "Thank You for the Music". Darin danken ABBA für die Lieder und die Freude, die sie durchs Singen erleben. Das passt. Der Hals ist ein bisschen wund, aber die Besucher verlassen beseelt ein Konzert, das sie selbst bestritten haben. Das Glück hält mindestens bis zum Morgen an, verspricht Frau Höpker. Wenn nicht sogar länger. Uuuh, uuuh, uuuh!

Quelle: RP
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