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Neustart im Frauenhaus
Vom Opfer zur Kämpferin

Frauenhäuser in NRW: Neustart im Frauenhaus - Vom Opfer zur Kämpferin
In Frauenhäusern finden Frauen Zuflucht und Kraft für einen Neustart. FOTO: dpa
Oberhausen. Oft ist es ein Teufelskreis, den Frauen schwer durchbrechen können, die Gewalt erleben. Manche holen erst nach Jahren Hilfe. Frauenhäuser bieten Schutz und Zuflucht. Doch auch sie stoßen immer wieder an Grenzen.

Es ist ein herzliches Wiedersehen: Aliyah Bulut (Name geändert) wird fest umarmt von ihrer einstigen Betreuerin im Oberhausener Frauenhaus. "Ich will meine Geschichte erzählen, um anderen Frauen Mut zu machen", sagt die 40-Jährige, die seit kurzem mit sechs ihrer sieben Kinder wieder in einer eigenen Wohnung lebt. Eigentlich wollte sie Rechtsanwältin werden, machte unter anderem ihr Fachabitur. Doch es kam alles anders. "Er hat versucht, mich mit dem Auto zu überfahren", erzählt Aliyah gefasst über den Mann, vor dessen Gewalt sie im Sommer als Schwangere ins Frauenhaus flüchten musste.

Geboren in den Palästinensergebieten, mit Mutter und Geschwistern als Kind vor dem Bürgerkrieg im Libanon 1980 nach Deutschland geflohen - Aliyah kommt mit Kriegsverletzungen. "Ich lag ein Jahr im Koma", erzählt sie. Ihre eigene Mutter, alleinerziehend, verheiratete sie mit 16 Jahren. Die Mutter habe sie vor der schiefen Bahn schützen wollen und auf einen guten Schwiegersohn gehofft. "Einerseits kann ich sie verstehen, andererseits macht mich das traurig", sagt Aliyah. Ihr Mann geht fremd, sie will die Scheidung, er entführt das gemeinsame Kind ins Ausland. Eifersucht, Demütigungen und Gewalt erlebt die gelernte Kosmetikerin auch in weiteren Beziehungen.

Gut 100.000 Frauen in Deutschland erlebten 2015 Gewalt in der Partnerschaft, wie das Bundeskriminalamt jüngst bekannt gab. Die Zahlen bezeichnete Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig (SPD) als "schockierend" und rief betroffene Frauen dazu auf, ihr Schweigen zu brechen. Zwei Drittel aller Frauen, die schwere Gewalt erfahren, holen demnach keine Hilfe. Die Gewalttaten reichen etwa von Körperverletzung über Stalking bis hin zu Mord. An diesem Freitag (25. November) ist Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, Aktionen sollen das öffentliche Bewusstsein schärfen.

Nicht alle Betroffenen finden Platz im Frauenhaus

Suna Tanis-Huxohl arbeitet seit mehr als zehn Jahren im Frauenhaus Oberhausen. "Die meisten Frauen kommen wegen Gewalt in der Partnerschaft zu uns, aber auch wegen Gewalt in der Familie und vereinzelt wegen Zwangsheirat", berichtet die Erziehungswissenschaftlerin. "Manche kommen, nachdem sie ein halbes Jahr mit dem Partner zusammen waren und andere erst nach 30 Jahren." Ganz unterschiedlich seien auch das Alter, die Religion und Bildung der Frauen. In Oberhausen liege das Verhältnis der Schutzsuchenden mit und ohne Einwanderungsgeschichte bei 50:50.

Doch nicht alle betroffenen Frauen finden einen Platz in einem Frauenhaus. "Das bringt uns auch zur Verzweiflung, wenn wir sagen müssen: Tut mir leid, wir haben keinen Platz", sagt die Sprecherin der nordrhein-westfälischen Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser NRW (LAG), Claudia Fritsche, in Schwelm. "Wenn morgens eine Frau bei uns auszieht, ist am Mittag schon die nächste da", beschreibt auch Tanis-Huxohl die Lage.

Das ist bundesweit nicht anders. In ganz Deutschland gibt es nach Angaben des Vereins Frauenhauskoordinierung 353 Frauenhäuser mit etwa 6000 Plätzen. Das seien allerdings deutlich weniger Plätze, als man brauche, heißt es von dem Verein, der auf seiner Webseite eine "Frauenhaussuche" für Betroffene anbietet. Besonders in Großstädten und Ballungszentren müssten Frauen zum Teil wochen- und monatelang auf einen freien Platz warten.

Aliyah hat viel Schreckliches erlebt, das Drehbücher füllen könnte. Eine Garantie für ein gewaltfreies Leben gibt es nicht, doch sie hofft auf die Zukunft. Einen wichtigen Anteil an ihrem positiven Lebensausblick dürfte auch die Zeit im Oberhausener Frauenhaus haben: "Ich habe hier Schutz bekommen und gleichzeitig Freunde, die mich im Leben weiter unterstützen."  

(lsa/dpa)
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