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Gladbecker Geiseldrama
"Degowski und Rösner können nicht resozialisiert werden"

Das Geiseldrama von Gladbeck
Das Geiseldrama von Gladbeck FOTO: dpa
Köln. Winrich Granitzka hat im August 1988 die Festnahme von Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner koordiniert. Mit ihm haben wir darüber gesprochen, warum er den Tod von Silke Bischoff nie vergessen wird, welche Fehler die Polizei gemacht hat und was er über die Freilassung der Geiselnehmer denkt.  Von Franziska Hein

Wenn Winrich Granitzka erzählt, wird Geschichte greifbar. Der heute 74-Jährige hat im August 1988 für die Kölner Polizei den Führungsstab geleitet, der die Täter von Gladbeck stoppen sollte. Am 16. August 1988 überfielen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner eine Bank in Gladbeck, nahmen mehrere Geiseln und lieferten sich dann drei Tage lang eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei quer durch drei Bundesländer und die Niederlande. Am Ende starb beim Zugriff der Polizisten die 18-Jährige Silke Bischoff. Ihr Tod hat sich für immer in Granitzkas Gedächtnis eingebrannt, erzählt er im Interview. Für ihn ist klar, die Täter von damals - Degowski und Rösner - können nicht resozialisiert werden. 

Herr Granitzka, Dieter Degowski wird Anfang 2018 aus der Haft entlassen. Die Entscheidung des Gerichts ist nun rechtskräftig. Wie denken Sie darüber? 

Winrich Granitzka Mich hat diese Nachricht persönlich betroffen gemacht. Ich habe nicht einen einzigen Menschen getroffen, der dafür Verständnis hat. Und es geht mir dabei nicht um Rache. Ich habe beide Täter damals analysiert, ich musste mich in sie hineinversetzen, um zu verstehen, was sie als nächstes planen. Bei beiden hat in der Kindheit und Jugend keine Sozialisierung stattgefunden - und wer nicht sozialisiert worden ist, kann nicht resozialisiert werden. 

Vor vier Jahren hat ein Gutachten noch empfohlen, Degowski nicht freizulassen. Das Gericht ist dem Gutachter Norbert Leygraf damals gefolgt. Wie erklären Sie sich, dass dieses Jahr anders entschieden wurde?

Granitzka Für mich ist das nicht nachvolllziehbar. Aber ich habe auch keinen Einblick in die Patientenakten. Ich glaube, dass sich sehr viele Menschen genau darüber wundern. Es geht ja auch um den Gedanken der Generalprävention - jetzt tut es Hans-Jürgen Rösner seinem Komplizen von damals gleich und will einen Antrag auf Freilassung stellen. 

Aber vorher muss er dafür eine Therapie machen... 

Granitzka 30 Jahre lang hat er im Gefängnis erklärt, er sei völlig normal und benötige keine Therapie. Nun da er sieht, dass Degowski damit durchgekommen ist, kommt er auch auf die Idee.

Welche Situation von damals ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben? 

Granitzka Es gibt viele Schlüsselmomente. Aber ich erinnere mich in Bezug auf Degowski vor allem an die Szene an der Raststätte Grundbergsee in der Nähe von Bremen, als er den jungen Emanuele kaltblütig erschossen hat. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Marion Löblich, die Freundin von Rösner, in Gewahrsam der Polizei. Rösner und Degowski hatten ihre Freilassung gefordert und drohten mit der Erschießung einer Geisel. Löblich befand sich bereits auf dem Weg zurück zu dem Bus. Doch Degowski hat den Jungen trotzdem wie aus der Lamenge erschossen. Ich habe das alles damals im Fernsehen verfolgt. Das hat mich betroffen gemacht. Jemand, der so kaltblütig und ohne Grund ein anderes Leben vernichtet, ist in meinen Augen nicht in der Lage, in die Gesellschaft zurückzukehren. 

Sie waren zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht an den Ermittlungen beteiligt... 

Granitzka Nein, ich kam erst am Morgen des 18. August dazu, als sich Rösner und Degowski in einem 7er BMW von Münster auf der Fahrt Richtung Süden befanden. Ich war damals 45 Jahre alt, Polizeidirektor und Einsatzleiter der Polizei Köln. Ich hatte die Geiselnahme über die Medien verfolgt und als ich hörte, dass Rösner und Degowski auf der A1 Richtung Süden fahren, rechnete ich aus, dass sie in einer Stunde in Köln sein könnten. Ich ging dann zum Polizeipräsidenten und bat darum, einen Führungsstab einzuberufen, damit wir vorbereitet sind.  

Damals wussten Sie aber nicht, dass Degowski und Rösner tatsächlich nach Köln unterwegs sind...

Granitzka Nein, das wussten wir nicht. Rösner und Degowski hielten auf dem Weg in Wuppertal und überfielen eine Apotheke, weil sie Schmerzmittel brauchten. Marion Löblich war zwischenzeitig bei einem Schusswechsel in den Niederlanden in den Oberschenkel geschossen worden, ihr steckte eine Kugel im Bein, es war angeschwollen, sie hatte starke Schmerzen. Das erzählte der Apotheker hinterher den Beamten vor Ort. 

Außerdem war ja das Fluchtfahrzeug, das Degowski und Rösner benutzten, vorher von der Polizei verwanzt worden... 

Granitzka Wir konnten teilweise hören, was im Fahrzeug gesprochen wurde. Jedenfalls dachten wir erst, die beiden seien auf dem Weg ins Krankenhaus und inszenierten im Kölner Norden einen Stau - vor dem nahegelegenen Heilig-Geist-Krankenhaus. Aber Degowski und Rösner fuhren auf der A57 in Richtung Innenstadt und hielten schließlich unweit des Doms vor der damaligen Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers. 

Hinterher stieg auch Udo Röbel, damals beim "Express", ins Auto der Entführer, um ihnen den Weg zurück zur Autobahn zu zeigen... 

Granitzka Was sich damals rund um das Fahrzeug abgespielt hat, war surreal. Dort standen mehrere Journalisten und führten Interviews mit den Geiselnehmern. Einige Reporter baten die Geiselnehmer, nochmal die Pistole der Silke Bischoff an den Kopf zu halten, weil sie das ,Bild noch nicht im Kasten' hätten. Ich sah die völlig verängstigten Gesichter der beiden Mädchen. Silke Bischoff war so alt wie die Tochter des Einsatzleiters. Ihn hat das natürlich auch sehr bewegt.

Warum haben Sie damals nicht schon zugegriffen? 

Granitzka Da waren so viele Journalisten, die wir in Lebensgefahr gebracht hätten und die teilweise mit den Geiselnehmern kooperierten. Einige verrieten verdeckte Ermittler der Polizei an die Geiselnehmer. Die forderten irgendwann den Kölner Erzbischof als Austauschgeisel. Aber umstehende Journalisten sagten 'hier sind überall Bullen, da kommt kein Bischof, da kommt ein Bulle im Bischofsgewand'. 

Hinterher gab es viele Vorwürfe gegen die Polizei und das Verhalten der Journalisten... 

Granitzka Es war eine Situation, die so in Deutschland noch nie vorgekommen war und auch bisher nicht wieder vorgekommen ist. Es war ein öffentlicher Krimi. Da sind Fehler passiert. 

Welche Fehler erkennen Sie aus der Rückschau? 

Granitzka Als sich die Geiselnehmer in Bremen aufhielten, hätte es aus meiner Sicht eine Möglichkeit gegeben, die Geiseln zu befreien und Degowski festzunehmen. Degowski war kurz mit den Geiseln allein, er verließ irgendwann das Fahrzeug. Polizisten beobachteten das, aber griffen nicht ein. Das war der Kardinalfehler. 

Haben Sie auch einen Fehler gemacht?

Granitzka Dass ich damals, als die Täter in Köln ankamen, nicht sofort Rettungswagen und Sanitäter angefordert habe, war ein Fehler. Später wurde das in die Ablaufpläne, die für solche Szenarien vorbereitet werden, aufgenommen. Das passiert heute automatisch als Teil der Einsatzplanung.

Sie haben später den Zugriff kurz bei Bad Honnef auf der A3 koordiniert. Wie haben Sie das in Erinnerung?

Granitzka Wir wussten, dass Löblich mit dem Steckschuss im Oberschenkel nicht mehr lange durchhält und die Degowski und Rösner irgendwann ins Krankenhaus müssen. Also haben wir geguckt, wo das nächste Krankenhaus auf dem Weg ist. Das wäre in Neuwied gewesen. Aber der Wagen stoppte auf der A3 plötzlich und für uns unvorhergesehen in einer Senke kurz vor der Ausfahrt bei Bad Honnef. Wir gaben den Befehl zum Zugriff. Und dann passierte das, was in Übungen nie passiert. Der Wagen rollte doch nochmal an. Das Polizeifahrzeug rammte das Auto an der falschen Stelle und dann kam es zu der Schießerei. 

Sie haben das alles über Funk mitgehört? 

Granitzka Nach dem Befehl zum Zugriff herrschte absolute Stille in unserer Einsatzzentrale. Niemand sprach, irgendwann rief ein Kollege über Funk 'Zugriff gelungen, Geiseln unverletzt'. Danach war Jubel. Mitten in den Jubel rief ein Kollege 'Ich brauche sofort einen Rettungssanitäter und einen Notarzt, die verblutet in meinen Händen'. Das war Silke Bischoff. Später haben wir erfahren, dass Rösner aus nächster Nähe einen Schuss auf ihre Brust abgegeben hatte, der ihre Aorta unterhalb des Herzens traf. Sie verblutete. 

Wie haben Sie sich dabei gefühlt? 

Granitzka Ich war wie versteinert. Ich empfinde auch noch Jahrzehnte später ein Versagensgefühl. Nicht weil ich etwas falsch gemacht hätte, sondern weil wir Silke Bischoff nicht retten konnte. Ihr Tod hat sich tief in meine Seele eingegraben, diesen Moment werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen. Ich denke nicht jeden Tag daran, aber die Erinnerung ist da. 

Sind Sie am nächsten Tag wieder arbeiten gegangen? 

Granitzka Ja, natürlich. Das war früher so. 

Haben Sie etwas aus Gladbeck gelernt?

Granitzka Ja. Ich wurde Polizeiführer für besondere Einsatzlagen und habe später mehrere Situationen erlebt, in denen ich mich an Gladbeck erinnert habe. Da war zum Beispiel 1999 eine Geiselnahme in der Nähe von Aachen, als ein Täter in der Vorweihnachtszeit eine Sicherheitsfirma überfallen hat, die für Geldtransporte nach Aachen zur Landeszentralbank zuständig war. Der beladende Geldtransporter war kurz vor dem Überfall abgefahren, der Täter nahm Geiseln und fuhr mit einem anderen, leeren Geldtransporter nach Aachen. Als er nach zwei Tagen nervenaufreibender Verhandlung mit Geiseln und Waffen abfahren wollte und einen Mitarbeiter der Sicherheitsfirma mit einer entsicherten Handgranate bedrohte, habe ich den Befehl zum Rettungsschuss gegeben. Der Mitarbeiter überlebte, der Täter starb. Ich konnte nicht zulassen, dass weitere Menschen in Gefahr gebracht worden wären. Denn wenn der Täter erstmal mit Geiseln unterwegs ist, wird der Zugriff schwieriger. Das habe ich aus Gladbeck gelernt. Heute haben wir ja solche Taten gar nicht mehr. Unsere Täter von damals hatten Dollarzeichen in den Augen, denen ging es um Freiheit und Geld. Darüber kann man verhandeln. Die Terroristen von heute hängen nicht an ihrem Leben, mit ihnen kann man nicht verhandeln.

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