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Gewalt und Beleidigungen in Krankenhäusern
"Der weiße Kittel schützt längst nicht mehr"

Gewalt und Beleidigung im Krankenhaus: "Der weiße Kittel schützt längst nicht mehr"
Mangelt es vielen Migranten an Respekt vor Ärzten? FOTO: Shutterstock.com/ Roger Jegg - Fotodesign-Jegg.de
Düsseldorf. Respektlosigkeit, Drohungen, offene Gewalt: Viele Ärzte klagen unter der Hand über schlimme Zustände in Notaufnahmen. Vor allem Migranten stellen das Klinikpersonal demnach vor Probleme. Sind die Verhältnisse wirklich so extrem? Annäherung an ein Tabuthema. Von Susanne Hamann

Eigentlich sollen Mediziner andere heilen. Doch immer mehr scheint es so, als müssten sie ihre eigene Gesundheit schützen. "Einmal konnte ein Kollege nur noch durch das Kellergewölbe seiner Klinik und unter Polizeischutz an seinen Arbeitsplatz kommen", sagt Daniel Meischner. Er ist Arzt für innere Medizin an einer Klinik in Köln. Die Roma-Familie eines Patienten hatte sich im Klinikum aufgehalten und dort auch übernachtet. "Als mein Kollege sie dann gebeten hat, das Krankenhaus zu verlassen, weil sie den Betrieb stören würden, drohten sie ihm mit Gewalt."

Der betroffene Mediziner hatte Glück, er kam unbeschadet davon. Um einen Einzelfall handelt es sich aber nicht. Die Situation steht vielmehr beispielhaft für das, was offenbar in vielen Krankenhäusern vor sich geht: Drohungen, Beleidigungen und gewalttätige Übergriffe sind Probleme, mit denen das Personal fast täglich zu kämpfen hat – zumindest laut einigen Medizinern.

Daniel Meischner ist einer von ihnen. Sagen, was er zu sagen hat, darf er eigentlich nicht. Auf Anfrage unserer Redaktion haben die Presseabteilungen verschiedener Kliniken mitgeteilt, dass es keine Probleme mit Migranten gebe, und Interviews mit Ärzten abgelehnt. Auch der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen sind nach eigenen Angaben keine besonderen Vorfälle bekannt. Sprechen Ärzte anonym, bekommt man dagegen eine andere Antwort. "Es ist nicht angenehm, das so zu trennen, aber wir haben in Deutschland einen ganz anderen Umgang mit Diagnosen und Schmerzen, als in vielen anderen Kulturkreisen", sagt Meischner, der in Wahrheit anders heißt. Vor allem bei der Behandlung von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund komme es deshalb sehr häufig zu Problemen.

"Wenn Sie so weiter machen, sind Sie irgendwann tot"

"Letztens bekam eine Kollegin vom Sohn eines Tumorpatienten zu hören: 'Wenn Sie weiter so mit türkischen Patienten reden, dann sind Sie irgendwann mal tot‘", berichtet Meischner. Anlass sei ein Gespräch mit dem Arzt gewesen. Darin habe dieser klären wollen, ob der Patient in seinen letzten Lebenstagen noch Intensivmaßnahmen in Anspruch nehmen wolle. In Deutschland ist das ein normaler Prozess, ohne den eigentlich auch keine Therapie verordnet werden kann. "Aus irgendeinem Grund wollen aber insbesondere Menschen mit türkischem Migrationshintergrund häufig nicht, dass der Patient seine Diagnose kennt, und reagieren darauf dann sehr aggressiv", sagt Meischner.

Dass Widerspruch - egal wie sinnvoll er sein mag - häufig Aggressionen auslöst, berichten auch andere Mediziner. Dazu gehört Mattias Schlensak, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im St. Martinus Krankenhaus in Düsseldorf. Zwar arbeitet er selbst nicht mehr in der Notaufnahme, er kennt die Geschichten seiner Kollegen aber gut – vor allem in der Arbeit mit Flüchtlingen. "Bei konfessionellen Krankenhäusern, wie wir es sind, glauben viele mit Migrationshintergrund, dass es hier um etwas Karitatives geht. Dass wir da sind, um zu helfen, und zwar jederzeit." Dass auch Ärzte an Regeln und Arbeitszeiten gebunden sind, verstehen laut Schlensak die wenigsten. In der Folge kämen nachts häufig Patienten, die eigentlich kein Notfall seien.

"Neulich hatten wir zum Beispiel einen Flüchtling mit Übersetzer hier, der sich vor ein paar Tagen am Finger verletzt hatte, und jetzt wegen der Schmerzen nicht schlafen konnte. Ein Notfall ist das nicht." Im Gegenteil: Ist die Situation grundsätzlich aushaltbar und nicht lebensbedrohlich, handelt es sich um einen Fall für den niedergelassenen Arzt. Wenn Schlensaks Kollegen Patienten diesen Sachverhalt erklären wollen, komme es oft zu beleidigenden Kommentaren. "Das ist eine Aushöhlung unserer Ressourcen. Wir haben hier sehr viele Patienten, die in ihrem Heimatland niemals behandelt werden würden, und hier fordern sie dann selbstverständlich und oft mitten in der Nacht eine Behandlung ein."

Nur wenig Aggression in Notaufnahmen

Augenscheinlich sind diese Probleme nicht. Wer sich in Notaufnahmen umsieht, wird zwar in den meisten Fällen feststellen, dass der größte Teil der Patienten Migrationshintergrund hat. Aufbrausen oder Unmut ist jedoch so gut wie gar nicht zu sehen. Heikler sind offenbar die direkten Begegnungen zwischen Arzt und Patient - und zwar unabhängig davon, ob sie in einem Behandlungszimmer im Krankenhaus oder in den eigenen vier Wänden des Kranken stattfinden.

Mit dem Rettungsdienst kommt es laut Thomas Eckoff, Notfallmediziner in Wuppertal, vor allem deswegen zu Konfrontationen, weil er oft umsonst gerufen werde. "Viele Migranten wählen sehr häufig den Notruf, obwohl ihnen eigentlich nichts Schlimmes fehlt. Sie sehen ihn mehr als eine Art Bereitschaftsdienst, der ihnen sagen soll, ob sie zum Arzt müssen." Aus dem Ruder laufe die Situation dann, wenn der Mediziner den Patienten erklären will, dass der Notarzt nur bei Notfällen zu rufen ist. "Viele werden dann richtig aggressiv. Neulich hat mich etwa ein südosteuropäischer Patient als ahnungslosen Praktikanten beschimpft. Einfach nur, weil ich ihm erklärt habe, dass er kein Notfallpatient ist", sagt Eckoff (Name von der Redaktion geändert). 

Das jüngste Kind ist oft der Übersetzer

Insbesondere ein anderes Verständnis von Familie, auf das zumindest deutsche Krankenhäuser meist nicht eingestellt seien, führe regelmäßig zu Auseinandersetzungen, auch im Klinikalltag. "Wir erleben immer wieder, dass Patienten mit Migrationhintergrund mit der gesamten Großfamilie kommen", sagt Eckoff. "Sie laufen dann teilweise den ganzen Tag durch die Flure und wechseln sich beim Besuch am Krankenbett ab." Was zunächst wie eine nette Geste klingt, ist gerade auf der Intensivstation kontraproduktiv für den Kranken: "Oftmals halten sie sich nicht an die Regeln und so bekommt der Patient mehr Besuch, als zu diesem Zeitpunkt gut für seine Genesung ist." Die Bitte um Rücksicht durch den Arzt sei wieder einer dieser Momente, der oft im Streit ende. Erschwert werde die Situation zusätzlich, weil in vielen Fällen das jüngste Kind der Familie als Übersetzer dienen müsse. 

Die Ursache für das schnelle Aufbrausen sieht der Notfallmediziner auch in einem anderen Verständnis vom weißem Kittel. "Hier in Deutschland haben die allermeisten einen natürlichen Respekt vor dem Arzt. Viele Senioren zum Beispiel wollen nicht stören, der Doktor habe ja zu tun – und rufen deshalb erst sehr spät den Notdienst, obwohl sie wirklich in einer Notlage stecken." In dem besagten Beispiel war keinem der Familienangehörigen klar, was ein echter Notfall ist – und jeder Erklärungsversuch scheiterte an Verständigungsproblemen. "Ich weiß nicht, ob das eine Einstellung gegenüber deutschen Systemen ist, aber die sind ganz schnell auf 180, wenn ihnen vermeintlich Unrecht widerfährt." 

Keine Daten zu körperlichen Übergriffen in NRW

Wie oft es in NRW tatsächlich zu körperlichen Übergriffen auf Klinikpersonal kommt, lässt sich nicht eindeutig klären. Anfragen unserer Redaktion bei verschiedenen Polizeistationen ergaben lediglich, dass sämtliche Klinikakten einzeln gelesen werden müssten, um etwa Diebstähle oder Randale aus der Statistik herauszufiltern – erst recht um zu erkennen, wer genau die Täter waren. Bundesweit stammt die jüngste Studie aus dem Jahr 2009. Sie wurde von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege herausgegeben und besagt, dass damals 79 Prozent des Pflegepersonals in Kliniken Opfer von verbaler, 56 Prozent sogar von körperlicher Gewalt wurden. 

Das Phänomen ist also weder neu, noch eine Folge der Flüchtlingskrise. Als erstes Krankenhaus bundesweit hat sich deshalb das Klinikum Nürnberg entschieden, offensiv mit dem Thema umzugehen. Immer wieder kam es hier zu verbalen und tätlichen Angriffen durch Patienten. Als im Jahr 2013 eine Oberärztin von einem deutschen Patienten zusammengeschlagen worden war, entschied die Klinikleitung zu handeln: "Der weiße Kittel schützt längst nicht mehr", sagt Günther Niklewski, ärztlicher Direktor am Klinikum Nürnberg und Chef der Psychiatrie. "Deswegen haben wir uns Anfang 2015 für eine Null-Toleranz-Strategie entschieden." In der Folge erhielten alle Mitarbeiter des Krankenhauses ein Training für den Umgang mit Problempatienten, es wurde ein juristisches Netzwerk für Beschwerden eingeführt und es gibt inzwischen einen Sicherheitsdienst, der überall dort ist, wo Ärzte und Klinikpersonal mit kleiner Besetzung arbeiten müssen.

"Das ist bei unseren Mitarbeitern sehr gut angekommen, sie fühlen sich sicherer und arbeiten ruhiger", sagt Niklewski. Und weist eines zugleich von sich: "Man kann das nicht an Ethnien festmachen. Natürlich kennen wir das auch, dass Menschen mit Migrationshintergrund zu zehnt am Bett stehen, Besuchszeiten missachten oder sich mal verbal vergreifen, aber die echten Probleme entstehen mit allen Einwohnern." In die Rubrik Unruhestifter fallen für den Chefarzt vor allem Patienten unter Alkohol-, oder Crystal-Meth-Einfluss, psychisch Gestörte und solche, die es gewohnt sind, mit Gewalt ihre Ansprüche durchzusetzen.

Selbsthilfemaßnahmen gegen jedwede Problemgruppe, diese Taktik scheint zu funktionieren. Eben weil Migranten und Flüchtlinge nicht die einzigen sind, die Gewalt in Kliniken bringen. Kein Wunder also, dass auch in NRW inzwischen mehrere Kliniken auf die verschiedenen Gruppen reagiert haben. Auf Anfrage erklärte etwa das Marienhospital Hamm, dass es wegen der nahegelegenen Partymeile am Wochenende einen Sicherheitsdienst engagiert habe, um die Betrunkenen gegebenenfalls in Schach halten zu können. Weitere Krankenhäuser mit Sicherheitsdienst stehen in Lünen, in Mönchengladbach und in Duisburg-Nord. 

Wenn der Alltag zu Fremdenhass führt

Eine reale Gefahr entsteht dennoch durch die Probleme mit Migranten: wachsende Ausländerfeindlichkeit unter dem medizinischen Personal. Die schleicht sich eher leise und hinter verschlossenen Türen ein, dafür aber spürbar, da sind sich die drei befragten Ärzte einig. "Ich erlebe das bei meinem Pflegepersonal, wenn die hören, dass jemand aus einem Flüchtlingslager kommt, sind sie direkt genervt", sagt Meischner. Wird er überhaupt Deutsch verstehen? Hat er vielleicht seltene und gefährliche Vorerkrankungen wie Tuberkulose, und läuft dabei am Ende wieder alles auf eine Beleidigung hinaus? Die ausländische Herkunft des Patienten vermittele sofort: "Es wird anstrengend und kostet Zeit".  Und Zeit ist ein Gut, das Mediziner bei Doppelschichten, Nacht- und Bereitschaftsdiensten überhaupt nicht haben. 

"Man versucht wirklich, unvoreingenommen zu bleiben", sagt der Internist, "aber wenn mich jemand respektlos behandelt, dann kann ich das nicht tolerieren. Das gleiche gilt, wenn er mich als Dienstleister abstempelt, und mir diktieren will, was ich ihm verschreiben soll. Ich bin Arzt und damit entscheide ich, was gut für den Patienten ist, und nicht umgekehrt." Besonders schwierig sei es laut Meischner für Ärztinnen, deren Kompetenz von den meisten muslimischen Männern gar nicht erst akzeptiert würde. Meischner beschreibt damit Probleme, vor denen auch Rainer Wendt, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, immer wieder warnt: Migranten und Flüchtlingen fehle es häufig an Respekt für deutsche Uniformträger jeder Art, also auch für Polizisten, Feuerwehrmänner und freiwillige Einsatzkräfte.

Gesundheitsministerium und Innenministerium halten sich nicht für zuständig

Hilfe vom Staat bekommen Mediziner in dieser Situation allerdings kaum. Zwar gibt es eine Broschüre für "Das kultursensible Krankenhaus", ausgestellt von den Regierungsbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration. Dabei handelt es sich jedoch um theoretische Tipps, untermalt mit vereinzelten Paradebeispielen aus ganz Deutschland. Gerade Dolmetscher werden jedoch dringend benötigt. Eine Anfrage unserer Redaktion, welche unterstützenden Maßnahmen in Krankenhäusern unternommen werden, wird nur abgewiegelt: "Das Gesundheitsministerium setzt sich bereits seit einigen Jahren mit der Frage der interkulturellen Öffnung des Gesundheitswesens und speziell auch der Krankenhäuser auseinander", schreibt die Behörde und verweist auf das Innenministerium. Das Landesinnenministerium wiederum sieht sich gar nicht zuständig und verweist zurück auf das Gesundheitsministerium. 

Aber was ist die Lösung? "Ein internationales Krankenhaus, in dem nur medizinisches Personal arbeitet, das die Patienten sprachlich und kulturell direkt verstehen kann", sagt der Wuppertaler Mediziner Eckoff. Und Meischner? "Wir bräuchten eine Gesundheitskarte für jeden Flüchtling. So haben wir ihre Daten und Krankengeschichte und können leichter abrechnen. Außerdem bräuchten wir auch in der Nacht eine ärztliche Versorgung in Flüchtlingsunterkünften. Damit meine ich ein Team, das herumfährt und entscheidet, ob jemand ein Notfall ist oder nicht – und erst dann kommt er auch in die Notaufnahme."

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