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Giftiger Bohrschlamm lagert in Hürth
"NRW ist keine Giftmülldeponie"

Giftiger Bohrschlamm aus Niedersachsen lagert in Hürth bei Köln
In Völkersen in Niedersachsen frackt und bohrt die RWE-Tochter Dea mit dieser Anlage schon seit 15 Jahren. FOTO: dpa
Hürth. Rund 335.000 Tonnen giftige Bohrschlämme wurden zwischen 2005 und 2014 aus Niedersachsen auf die Sondermülldeponie Hürth-Knapsack bei Köln gebracht. Der Grund: Niedersachsen hat selbst keine geeigneten Deponien. Jahrelang wurde der Schlamm dort einfach in der Erde entsorgt. Der BUND fürchtet, dass künftig noch mehr Giftmüll nach NRW gebracht werden könnte. Von Jessica Kuschnik

Wer Müll macht, muss ihn auch wegräumen? Zumindest sollte er einen Plan haben, wo der Müll deponiert werden kann. Niedersachsen hatte solch einen Plan nicht. Seit Jahrzehnten wird dort nach Öl und Gas gebohrt. Dabei entstehen giftige Rückstände, sogenannte Bohrschlämme. "Das ist stark kontaminierter Müll, der auf Sondermülldeponien gehört", erklärt Dirk Jansen, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in NRW. Seit 2005 verfügt Niedersachsen über keine geeigneten Deponien mehr – das Land hat seine Kapazitätsgrenze erreicht, wie der WDR berichtet. Zudem wurde der Schlamm jahrelang "neben die Bohrtürme in den Boden gekippt", sagt Jansen. 

Diese Gruben werden nun seit einigen Jahren saniert, damit der giftige Schlamm nicht ins Grundwasser sickert. Allein bei der Sanierung von drei Bohrschlammgruben in Niedersachsen fielen in den vergangenen zehn Jahren rund 720.000 Tonnen Giftmüll an. Die Schlämme wurden wegen fehlender Deponien in andere Bundesländer gebracht –  335.000 Tonnen wurden laut WDR von der Firma Remondis auf die Sonderabfalldeponie Hürth-Knapsack in der Nähe von Köln gebracht.

BUND spricht von "Sondermülltourismus" 

Der BUND kritisiert, dass das Land Niedersachsen als Verursacher nicht für ausreichend geeignete Deponien gesorgt hat, und spricht von "Sondermülltourismus". "NRW ist keine Giftmülldeponie", sagt Dirk Jansen. "Das Problem ist, dass das Verursacherprinzip hier auf den Kopf gestellt wird." Er fürchtet, dass künftig noch mehr giftiger Müll nach Hürth gebracht werden könnte – sowohl aus den Gruben, die saniert werden sollen, als auch aus der laufenden Produktion in Niedersachsen. 

Dass es noch mehr solcher Bohrschlammgruben gibt, bestätigte das niedersächsische Umweltministerium gegenüber dem WDR und dem NDR. Die Rede ist von 519 Verdachtsflächen allein in Niedersachsen. In ganz Deutschland sei von mehr als 1400 Bohrschlammgruben auszugehen. Neben Niedersachsen seien auch Brandenburg mit 400, Mecklenburg-Vorpommern mit 345 und Bayern mit 170 Alt-Deponien betroffen. In 40 weiteren niedersächsischen Gruben befinden sich zudem noch einmal fast zwei Millionen Kubikmeter giftiger Bohrschlämme. 

Schlamm ist mit Quecksilber, Arsen und Radium 226 belastet

Die Rückstände stammen den Angaben zufolge aus mehreren Jahrzehnten, in denen die Schlämme ohne besondere Sicherung direkt an den Bohrplätzen vergraben wurden. Heute gelten die Schlämme als gefährlicher Sonderabfall. Die ölhaltigen Rückstände sind oft mit Schwermetallen wie Quecksilber und Arsen sowie radioaktiven Partikeln wie Radium 226 belastet. Die wilden Alt-Deponien von einst drohten nun, Böden und Grundwasser zu vergiften, hieß es.

Die Firma Remondis versichert, dass so etwas in Hürth nicht zu befürchten sei, und verteidigt das Vorgehen Niedersachsens. "Umweltschutz macht nicht an den Ländergrenzen halt", sagt Sprecher Michael Schneider. "Es geht um die bundesweite Nutzung der vorhandenen Deponiekapazitäten zur umweltgerechten und sicheren Entsorgung." Bei der Deponie bei Köln handelt es sich um eine Anlage des Typs III. Demnach gibt es dort umfangreiche Abdichtungsmaßnahmen für den Boden- und Gewässerschutz. 

NRW könnte ein Kapazitätsproblem bekommen

Dass NRW kurzfristig ein Problem mit den Kapazitäten für solchen Sondermüll bekommen könnte, glaubt Dirk Jansen vom BUND nicht. "Die Anlage fasst 20 Millionen Tonnen und hat eine genehmigte Laufzeit bis 2030. Es ist aber so, dass NRW mit der Entsorgung von PCB und Abfall aus den Braunkohlehinterlassenschaften genug zu tun hat", sagt er. Und damit hat er nicht ganz Unrecht, wie ihm Remondis-Sprecher Schneider beipflichtet: "Kapazitätsprobleme sind kurz- bis mittelfristig nicht zu erwarten, da bundesweit noch ausreichend Deponiekapazitäten vorgehalten werden. Langfristig kann es jedoch notwendig werden, zusätzlichen Deponieraum zu erschließen."

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