| 18.15 Uhr

Schwerer Verkehrsunfall in Hagen
Kein Autorennen - Raser muss trotzdem ins Gefängnis

Hagen: Prozess nach Raserunfall: Staatsanwalt glaubt nicht mehr an Autorennen
Die Angeklagten Hasan H. (mit roter Mappe vor dem Gesicht) und Martin S. (r.) beim Auftakt des Prozesses im Landgericht Hagen. FOTO: dpa, a
Hagen. Bei einem schweren Raser-Unfall in Hagen werden fünf Personen verletzt. Ein sechsjähriger Junge schwebt wochenlang in Lebensgefahr. Auch wenn es kein illegales Autorennen war - einer der Verursacher muss ins Gefängnis

Den Kopf auf beide Hände gestützt, den Blick starr geradeaus gerichtet: So verfolgt ein 34-jähriger Autofahrer am Montag die Urteilsbegründung des Hagener Landgerichts. Die Richter gehen zwar nicht mehr davon aus, dass sich der Mann mit einem 46 Jahre alten Mitangeklagten ein Rennen geliefert und dadurch einen Unfall mit fünf Verletzten verursacht hat. Ins Gefängnis schicken sie ihn trotzdem.

Ein sechsjähriger Junge erlitt bei dem Unfall im Mai 2016 lebensgefährliche innere Verletzungen. Schnell kam der Verdacht eines illegalen Autorennens auf. Ein pensionierter Polizist, der hinter den Fahrzeugen der beiden Angeklagten gefahren war, hatte sich bei der Polizei gemeldet und schwere Vorwürfe erhoben. Wie auf Knopfdruck seien beide Autos losgeprescht, nachdem eine Ampel von Rotlicht auf Grünlicht umgesprungen war, sagte er als Zeuge. Und schon vorher habe vor allem der 34-Jährige halsbrecherische Fahrmanöver unternommen.

Fotos: Schwerverletzte bei mutmaßlichem Rennen in Hagen FOTO: dpa, kno

Videobeweis entlastet die Angeklagten

Schließlich übergab der Pensionär seinen früheren Kollegen noch den Mitschnitt einer sogenannten Dashcam, die er auf das Armaturenbrett seines Autos montiert hatte. Die Videokamera zeichnet das Geschehen vor dem Fahrzeug auf, sobald die Zündung betätigt wird.

Nachdem die Richter jedoch die Aufnahmen gesehen hatten, stellten sie fest: "Das war kein Rennen." Die Aussagen des Zeugen würden von seinen Aufzeichnungen gar nicht gestützt - im Gegenteil: "Das Video entlastet die Angeklagten", merkte das Gericht an.

Fest steht daher nur, dass die beiden Männer an diesem Abend mit viel zu hoher Geschwindigkeit in der Hagener Innenstadt unterwegs waren. Bei einem Lenkmanöver des 34-Jährigen hatte auch der 46-Jährige sein Steuer verrissen. Dabei war er in den Gegenverkehr geraten, wo er mit zwei weiteren Autos kollidierte. Vier Unbeteiligte wurden verletzt. Auch der Angeklagte selbst erlitt einen Oberschenkelbruch.

Ein Jahr Bewährung

Der 46-Jährige hatte seine Raserei - die Richter gehen von mindestens Tempo 80 aus - mit einer plötzlichen Erkrankung seines Sohnes begründet. Er habe einen Anruf erhalten und einfach nur schnell nach Hause gewollt. "Das war ein Fehler, der mir unendlich leid tut", beteuerte der Mann. In seinem Fall hielten die Richter eine Bewährungsstrafe von einem Jahr für ausreichend. Als Auflage muss der Familienvater 1500 Euro an die Johanniter-Unfallhilfe überweisen.

Dem 34-Jährigen, der sich nach dem Unfall zunächst entfernt und erst später bei der Polizei gestellt hatte, wollten die Richter aber keine Bewährungschance mehr einräumen. Er wird die Strafe - 22 Monate Haft - verbüßen müssen, sollte die Entscheidung rechtskräftig werden. Die für eine Bewährung erforderlichen besonderen Umstände seien einfach nicht zu erkennen, hieß es in der Urteilsbegründung. Schließlich sei der Angeklagte auch schon vorbestraft. Dessen Verteidiger kündigte an, in Revision zu gehen.

 

 

(lsa/lnw)